Aus Mr. TV Europe wird Mr. TV World

Fernsehen Der scheidende RTL-Group-Chef Gerhard Zeiler hat in einer Mail an seine Mitarbeiter von einer “unglaublichen Reise” gesprochen, die die RTL-Gruppe zurückgelegt habe. Es war aber nicht nur die Reise einer Sendergruppe, sondern auch die unglaubliche Karriere eines Fernseh-Verrückten aus Österreich, der sich nun anschickt, bei Time Warner das weltweite TV-Geschäft mit 130 Kanälen in 200 Ländern zu führen. Aus dem “Mr. TV-Europe” wird der "Mr. TV-World".

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Wie aufmerksam Zeilers Wirken in den USA verfolgt wurde, konnte spätestens Anfang 2011 bemerken. Da ehrte die US-TV-Managervereinigung NATPE Zeiler mit dem renommierten Brandon Tartikoff Legacy Award für sein herausragendes Programm-Gespür.

Unter seiner Ägide entwickelte sich RTL mit Formaten wie "DSDS", "Das Supertalent" oder "Bauer sucht Frau" zum absoluten Platzhirschen im Privat-TV. Bei aller berechtigten Kritik an manchen inhaltlichen Auswüchsen gerade der genannten Sendungen – der Erfolg bei Werbewirtschaft und Publikum ist unbestritten. Es war das erste Mal, dass ein Nicht-Amerikaner diese wichtige Auszeichnung verliehen bekam, eine Art internationaler Ritterschlag der Fernsehbranche aus dem Mutterland des Entertainment. Anlässlich der Preisverleihung in Miami sagte der frühere ProSiebenSat.1-Besitzer Haim Saban: “Es gibt nur einen Mr. TV Europe. Und das ist Gerhard Zeiler.” Gut möglich, dass Zeiler damals den Boden für den nun anstehenden Wechsel bereitet hat.

Zeilers Karriere bei RTL ist in der Tat erstaunlich. Der gebürtige Wiener und studierte Psychologe und Pädagoge begann seine Karriere als Pressesprecher des späteren österreichischen Kanzlers Fred Sinowatz (SPÖ). 1986 wurde Zeiler Generalsekretär des ORF. Sein Landsmann Helmut Thoma holte ihn Anfang der 90er nach Deutschland, mitten hinein in die wilde Zeit des Privat-TV. Zeiler wurde Geschäftsführer von Tele 5, später von RTL 2. 1994 ging er für ein Zwischenspiel als Generalintendant zurück zum ORF. Dort schob Zeiler zwar weitreichende Reformen an, war aber gleichzeitig frustriert von der Einflussnahme der Politik. 1998 schließlich machte ihn RTL zum Nachfolger von Helmut Thoma als Geschäftsführer von RTL. Da hat dann etwas Klick gemacht.

Zeiler und der Chefposten bei dem Kölner Privatkanal waren wie füreinander geschaffen. Seine Berufung war für beide Seiten ein Glücksfall. 2003 übernahm er zusätzlich die Aufgabe als Holding-Chef der RTL Group. Mit der früheren Vox-Chefin Anke Schäferkordt fand Zeiler eine kompetente Partnerin für das wichtige deutsche Tagesgeschäft, und RTL eilte unter der Führung der beiden von Erfolg zu Erfolg.

Zeiler selbst erlaubt sich in der Abschiedsmail an seine Mitarbeiter eine kleine Zahlenschau: "Aus einem Unternehmen mit einem EBITA von mehr als 400 Millionen Euro sind wir zu einem Unternehmen mit einem operativen Ergebnis von 1,1 Milliarden Euro gewachsen. Die Umsatzrendite haben wir von 10 auf 20 Prozent gesteigert", schreibt er. Es sind nicht nur hohle Worte, wenn er in seiner Abschiedsmail schreibt, dass das Team von RTL "nicht nur weltklasse ist, sondern einfach DAS BESTE in unserer Industrie."

Aber Wandel sei gut und manchmal auch notwendig, so Zeiler weiter: "Unser Unternehmen ist nicht nur in ausgezeichneter Verfassung, es muss auch ein neues Kapitel in seiner Entwicklung aufschlagen. Da ist es nur logisch, dass dieses Kapitel von einem Managementteam geschrieben wird, das sich für die kommenden zehn Jahre verpflichtet fühlt." Nun ergibt es plötzlich Sinn, dass Zeiler den früheren RTL Manager und zwischenzeitlichen ProSiebenSat.1-Chef Guillaume de Posch zurückgeholt hat.

Gleichzeitig rückt Anke Schäferkordt in den Vorstand auf. Zeiler hinterlässt, wie man so schön sagt, ein bestelltes Haus. In seinem Fall trifft die alte Phrase tatsächlich einmal zu. Wie sich seine beiden Nachfolger im Machtgefüge des Hauses Bertelsmann nach seinem Weggang sortieren, muss ihn nicht kümmern.

Immer wieder gab es Spekulationen, Zeiler würde RTL verlassen, um erneut Intendant beim ORF zu werden. Immer wieder hat er hart dementiert – wie man heute weiß zurecht. Seinen neuen Job für Turner Broadcasting Sytems wird er von London aus wahrnehmen. Die Weltstadt kennt er gut, immerhin ist die RTL Group dort an der Börse notiert, außerdem wohnt seine Tochter in der britischen Hauptstadt.

Für das Jahr 2011 wird Zeiler noch einmal ein spitzenmäßiges Ergebnis für die RTL Group vorlegen, mit einem operativen Gewinn von gut über einer Milliarde Euro, wahrscheinlich wird es sogar wieder ein Rekordergebnis. Bei der Bekanntgabe der Zahlen zum 3. Quartal 2011 schrieben wir bei MEEDIA: "Der Erfolg der RTL Group ist mittlerweile fast schon unheimlich. Dem TV-Konzern um Gerhard Zeiler scheint alles zu gelingen." Jetzt ist Gerhard Zeiler sogar die schwierigste Übung im Top-Management überhaupt mit Bravour geglückt: ein guter Abgang zur rechten Zeit.

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