Dietl-Film „Zettl“: Koma Royal statt Kir Royal

Publishing Begeisterung klingt anderes: Mit „Zettl“ bringt am Donnerstag Helmut Dietl endlich seinen langersehnten Nachfolger der Kult-Serie „Kir Royal“ in die Kinos. Willi Winkler verreißt in der SZ den Film: „Für Dietls Albtraum von Berlin werden leider einige der besten deutschen Schauspieler durch die bescheidenen Kulissen getrieben“. Andreas Platthaus schreibt in der FAZ: „’Unschlagbar charakterlos’ lautet der Untertitel zu ‚Zettl’. Das - und nur das in diesem Film - trifft genau die Wirklichkeit.“

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Andreas Platthaus, FAZ.net
„Und Bully Herbig? Er spielt den aufstiegsgeilen Zettl als charmanten Opportunisten gut. Aber das hält den Vergleich mit dem grantelnden Schimmerlos von Kroetz nicht aus. Das Schöne an „Kir Royal“ war, dass Dietl darin den Münchner Journalismus jener Jahre sarkastisch auf den Punkt gebracht hatte. Das Berlin, das „Zettl“ karikiert, hat dagegen so wenig mit der Gegenwart zu tun (die Pläne für einen Berliner „New Yorker“ liegen mindestens ein Jahrzehnt zurück) wie die Affären der Filmpolitiker mit aktuellen Ereignissen. Dietls Satire, die am nächsten Donnerstag in die Kinos kommt, ist nicht scharf- oder wenigstens hellsichtig, sondern blind gegenüber allem, was nicht für eine schnelle Pointe taugt. Hinter tausend Figuren keine Welt.“
Willi Winkler, Süddeutsche Zeitung:
„Zu Dietls Albtraum gehört das Künstlerpech, dass er mit seiner verkrampften Journalistenhetz ausgerechnet dann herauskommt, wenn tatsächlich eine Schlacht in den Medien tobt, wenn es einer Boulevardzeitung gelingt, über Wochen den Bundespräsidenten nach dem Lehrbuch zu jagen, das Heinrich Böll 1974 unter dem Titel ‚Die verlorene Ehre der Katharina Blum‘ veröffentlicht hat. ‚Zettl‘ hat dafür Hoden-Scherze.“
Christian Buß, Spiegel Online
„Möglicherweise fällt dem Regisseur deshalb nicht viel mehr zum aktuellen Polit-Betrieb ein, als alle männlichen Charaktere unter Impotenz leiden oder ihnen gleich die Genitalien amputieren zu lassen. Die Berliner Republik, für den alten Münchner Chauvi Dietl ist das nicht mehr als ein Haufen eierloser Gesellen. Man muss die deutsche Politik wirklich nicht mögen, um ihre Vertreter für ein klein bisschen komplexer zu halten.“
Ijoma Mangold, Zeit Online:
„Ist die Berliner Republik für einen guten Film einfach zu dröge? Nicht flamboyant genug für großes Kino? Leider hat man eher den gegenteiligen Eindruck: Die Wirklichkeit ist zwar auch nicht gerade flamboyant, aber in ihr wird mit einem deutlich höheren Einsatz gespielt, als es in Zettl der Fall ist. Die Wirklichkeit der Machtspiele mag technokratisch sein und von schlecht gekleideten Politikern betrieben werden, die sich in den Vereinshallen ihrer Wahlkreise hochgearbeitet haben durch das Verteilen von Luftballons. Man mag das kläglich finden. Aber es hat mehr Wucht als dieser karnevaleske Medien-Cancan, den die Figuren in Dietls Film tanzen.“

Anja Lösel, stern.de:
"Regisseur Helmut Dietl, Experte für saukomische Münchner Gesellschaftssatiren wie ‚Monaco Franze‘, ‚Rossini‘ und ‚Kir Royal‘, hat sich diesmal auf fremdes Terrain gewagt – und verrannt. Berlin ist ganz offenbar nicht sein Ding, die Münchner Bussi-Bussi-Gessellschaft kennt er, die Berliner hat er nie ganz begriffen."

Maike Schiller, Hamburger Abendblatt:
"Die Schwächen (wer verfolgt da welche Interessen, wieso wird immer so dick aufgetragen, wessen Schuld ist es, wenn sich der Zuschauer verzettlt, hat Dietl Berlin überhaupt kapiert?) muss man gepflegt ignorieren. Dann hat man einen vergnüglichen Kinoabend."

Peter Zander, Welt kompakt:
"Das Problem der dritten Zähne: Ausgerechnet Dietl, der wie kein Zweiter der Bundesrepublik stets einen satirischen Spiegel vorgehalten hat, hat keinen Biss mehr. ‚Zettl‘ sollte so viel sein, eine Satire auf die Berliner Republik, auf die Politik-, die Medienkaste, keine Fortsetzung, aber ein Weiterspinnen von "Kir Royal". Doch wie so oft, wenn man zu viel will, geht der Plan nicht auf. Und dann hat sich Dietl ausgerechnet mit seinem ‚Kir Royal‘-Helden Franz Xaver Kroetz überworfen. Der kann am Ende froh sein, dass er rausgeworfen wurde."

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