Wolf Schneider: Online als Müllschlucker?

Publishing Haue für die Grandseigneurs der Journalistenausbildung: Wolf Schneider und Paul-Josef Raue haben ihren Klassiker „Das Handbuch des Journalismus“ mal wieder neu aufgelegt und um ein Kapitel zum Online-Journalismus erweitert. Nach Meinung vieler Blogger hätten sie das besser gelassen, denn die Erklärungen des Sprach-Papstes und seines Kardinals zum Online-Journalismus zeugen von mangelndem Verständnis der Materie. Zudem benutzen sie Knüwer als Kronzeuge, mit einem irreführenden Zitat.

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Für Christian Jakubetz haben Schneider und Raue ein Buch aufgelegt, in dem „hoffnungslos windschiefe Berufsbilder gezeichnet werden“, das das Internet als „eher lästige Begleiterscheinung darstellt“ und das gerade in diesem Bereich vor „Unkenntnis, platten Klischees und schlampiger Recherche“ nur so strotze.

Für die Silicon-Valley-Korrespondentin Ulrike Lange sind die das Netz betreffenden Passagen „nicht viel mehr als eine zusammengequirlte Melange aus abgedroschenen Sprüchen und Vorurteilen“.

Der offensichtlichste Fehler ist ein falsch wiedergegebenes Zitat von Thomas Knüwer, dem Gründungschefredakteur der deutschen Wired. Als „Ex-Handelsblatt-Redakteur“ wird er mit den Worten zitiert: “Online-Redakteure sind die dummen Textschrubber, die nichts können.” Damit wird er zum Prototypen des Print-Journalisten aufgebaut, der auf die Arbeit der Web-Worker herabblickt. Zum großen Pech der Autoren lautet das richtige Zitat jedoch: “Aber Onliner sind aus Sicht vieler Printkollegen nur die dummen Textschrubber, die nichts können.”

Am meisten ärgert sich Jakubetz darüber, dass Schneider und Raue die typische Online-Redaktion so erklären, dass dort niemand gegenliest und sich dort Texte unterbringen lassen, die für hochwertige Zeitungsredaktion „unverdaulich“ seinen. „Online als Müllschlucker, als Resteverwerter, als Spielwiese, die Driving Range für alle, bei denen es für die journalistische Platzreife nicht ganz reicht?“

Tatsächlich gehen die Autoren mit einer großen naiven Distanz an das Thema heran. So steht beispielsweise im Vorwort der Satz, dass man den Online-Journalismus nur als „eine bloße Spielart des klassischen Handwerks“ behandeln würde. Einziger Unterschied: Am Bildschirm wird noch „ungeduldiger gelesen als in der Zeitung; die letzte Zeile eines Textes erreichen die wenigsten“.

Damit eliminieren Schneider und Raue geradezu handstreichartig viele neue journalistische Formen wie Audioslideshows oder Liveticker, die die Online-Berichterstattung in den vergangenen Jahren hervorgebracht hat.

Nicht zufrieden mit der Neuauflage des Handbuches ist auch Peter Schumacher. Der Professor für Online-Journalistik und Crossmedia an der Hochschule Darmstadt wirft Schneider und Raue vor, dass sie Tweet und Twitter verwechseln, von “Blog und Twitter” reden, „wenn Sie Blogs und Twitter meinen“, dass sie „vermuten, dass ‚Webcrowler’ die Programme der Suchmaschinen sind, die die Rangliste bestimmen“ und dass sie nicht den Unterschied zwischen Public Relations und Corporate Publishing kennen würden.

Schumacher bemerkt: „Der Bescheidwisser-Ton der beiden ist im neuen Kapitel Online-Journalismus noch mal eine Spur nerviger als in den alten Auflagen zu den alten Themen. In Anbetracht des Wandels im Journalismus sind vermeintliche Wahrheiten dieser Art ähnlich wie Bauernregeln: Man weiß zwar nicht, warum es um einen herum stürmt, zimmert sich aber ein paar Glaubenssätze, die nicht immer eine innere Logik haben müssen. Und der Jungbauer staunt.“

Jakubetz kommt zu dem Schluss: „Und irgendwie ertappt man sich bei dem dringenden Wunsch, der Papst und sein Kardinal würden langsam in den Ruhestand treten oder aber sich wenigstens die Mühe machen, sauber zu recherchieren, ordentlich zu zitieren und künftig nur noch über Dinge zu schreiben, von denen sie wirklich etwas verstehen.“ Aber: „Für Päpste ist so etwas wie Ruhestand ja nicht vorgesehen.“

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