Dschungelshow: hinter der Ekel-Fassade

Fernsehen Die gerade zu Ende gegangene sechste Staffel des RTL-Dschungelcamps “Ich bin ein Star - holt mich hier raus!” war eine ganz normale Staffel. Die Quoten waren sehr gut, aber es gab keine Rekorde. Die Insassen waren zickig, witzig, peinlich, aber es gab keine Psycho-Dramen wie in der Staffel zuvor. Trotzdem waren die 16 Dschungeltage wieder einmal bestes Unterhaltungs-Fernsehen mit Niveau. Wer in der Show nur primitives Ekel-TV sieht, erkennt nicht den wahren Kern der Sendung.

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Schauen wir uns doch nur mal an, wer in der jüngsten Staffel weit gekommen ist: Die letzten vier Kandidaten waren das Nacktmodel Micaela, der verhinderte Schauspieler und Uwe-Ochsenknecht-Sohn Rocco Stark, die Nachwuchssängerin Kim Debkowski und die spätere Dschungelkönigin Brigitte Nielsen. Allen vier war gemein, dass sie die einzigen waren, die während der Zeit im Camp nicht – oder fast nicht – gejammert haben. Stattdessen haben sie sich für die Gruppe eingesetzt und sich nicht an Intrigen oder Lästereien hinter dem Rücken anderer beteiligt. Und alle vier haben in den Dschungelprüfungen mutig ihre Ängste besiegt.

In den vorangegangenen Staffeln war das ähnlich. Ins Finale kamen nicht die Lästerzungen und Schaumschläger, sondern jene, die mit Anstand und Würde durch die gut zwei Wochen Dschungel gegangen sind. Das waren sogar so unwahrscheinliche Figuren wie die Transsexuelle Lorielle London in der vierten Staffel, die es hinter der unvergleichlichen Ingrid van Bergen auf Platz zwei schaffte. Oder Costa Cordalis, der nach seinem Sieg in der allerersten Staffel sein Image als abgehalfterter Schlagerfuzzi eindrucksvoll zurechtrücken konnte. Angeberei, Intrigantentum, Feigheit werden mit Abwahl bestraft (oder mit der Wahl zu Prüfungen in der ersten Häfte der Staffel). Die Zuschauer belohnen bei diesem TV-Format Eigenschaften wie Höflichkeit, Teamgeist und Mut.  Wie schön!
Das Dschungelcamp hat es bisher noch in jeder Staffel geschafft, die Insassen auf überraschende Weise in Gewinner und Verlierer zu sortieren. Aber dass man automatisch seine Würde verspielt, indem man an dieser Sendung teilnimmt, das stimmt nicht. Brigitte Nielsen war für die meisten Zuschauer beim Beginn der aktuellen Staffel ein Promi-Wrack. Nach ihrer Teilnahme schwappte eine Sympathie-Welle über die Dänin hinweg, so gewaltig wie die Regen-Sturzbäche, die sich ins Camp ergossen haben.

Im Gegensatz zu anderen, tatsächlich menschenverachtenden TV-Formaten, werden den Teilnehmern beim Dschungelcamp keine falschen Hoffnungen gemacht. Sie werden nicht vorgeführt, sondern führen sich selbst vor oder lassen es eben bleiben. Das Camp ist das Camp und sonst nichts. Für zwei Wochen gelten andere Regeln, danach geht alles weiter wie bisher oder auch nicht. Das geniale Moderatorenduo Dirk Bach und Sonja Zietlow verzichtet bei den Ansagen, wer rausgewählt wird, auf die endlosen, vor Zynismus triefenden, für denkende Menschen nur schwer erträglichen Monologe, wie sie Marco Schreyl bei “Deutschland sucht den Superstar” hält.

Manche TV-Zuschauer stören sich beim Dschungelcamp an den berüchtigten Ess-Prüfungen. Natürlich spielt hier das Spiel mit Ekel und Überwindung desselben eine große Rolle. Die Allermeisten finden die Vorstellung, einen Schweine-Anus oder Truthahn-Hoden zu essen erst einmal eklig – auch die “Stars”, die diese Nahrung im Camp vorgesetzt bekommen. Aber Ekel ist ein anerzogenes Gefühl. “Dr. Bob” betont während der Prüfungen immer, dass all diese Speisen essbar sind und von Ur-Einwohnern auch tatsächlich so gegessen werden. Wer sich darüber mokiert, dass in der Dschungelshow vermeintlich unappetitliche Tierteile gegessen werden und sich danach ein Sandwich mit Formfleisch-Schinken aus industrieller Tierproduktion schmecken lässt, kann auch etwas über die Widersprüchlichkeit des eigenen Verhaltens lernen. Der Ekel liegt im Auge des Betrachters.

Wenn die Dschungelshow verdammt wird, dann meist mit pauschalen Vorurteilen – sehr oft ohne die Sendung überhaupt gesehen zu haben. “Die Show sei einfach widerlich”, “unwürdig”, “Hartz-IV-TV” usw. ist dann in Kommentaren zu lesen. Dabei ist vor allem die Aussage, bei der Dschungelshow handle es sich um ein Programm für bildungsferne Schichten nachgewiesenermaßen Quatsch. In der Tat hat die Dschungelshow einen höheren Marktanteil bei Zuschauern mit hohem Bildungsabschluss (also mindestens Abitur), als beispielsweise die ach so seriösen “Tagesthemen”.

Das sympathischste am Dschungelcamp aber ist, dass die Show trotz all dieser Vorzüge nichts weiter ist und nichts weiter sein will, als pure, gut gemachte und, ja, intelligente Unterhaltung.

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