“Gottschalk Live” – die gähnende Leere

Fernsehen Thomas Gottschalk fällt die Umstellung von der großen Samstagabend-Bühne auf das tagesaktuelle Format von “Gottschalk Live” schwer. Es gibt Defizite beim Timing und mit den Werbeblöcken. Das größte Problem aber sind die fehlenden Themen und die fehlende Aktualität, genauer: das nicht erkennbare Konzept. Derzeit stopft Gottschalk seine knappe halbe Stunde mit Gästen voll, die er kaum zu Wort kommen lässt und veranstaltet so eine Art Mini-”Wetten dass..?” - nur ohne Wetten.

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Bei der Premiere und der zweiten Sendung drückte man noch beide Augen zu. Die Show muss sich ja erst entwickeln. Die dritte Sendung am Mittwoch offenbarte aber recht schonungslos die Probleme, die “Gottschalk Live” hat und die womöglich hartnäckiger sind als ein paar ungeschickt platzierte Werbeblöcke.

Die Grundidee einer tagesaktuellen, halbstündigen Sendung am Vorabend hat Charme und könnte sogar funktionieren. Aber: Thomas Gottschalk fehlt ganz offenbar noch jedes Konzept, wie das gehen soll. Ein Format wie "Gottschalk Live" braucht ein tragendes Gerüst, das zur Not auch mal ganz ohne Gast funktioniert. Von einem solchen Konzept-Gerüst ist derzeit noch nichts erkennbar. Sich bei einer täglichen Sendung darauf zu verlassen, dass einem schon irgendwas einfällt, ist zu wenig. Sonst kann auch eine halbe Stunde schnell sehr langweilig werden.

Die knappe Sendezeit wird derzeit mit langen Monologen des Moderators und haufenweise Gästen zugelabert. Das wird so auf Dauer nicht funktionieren. Die dritte Sendung machte die Konzeptlosigkeit offensichtlich. Zu Gast waren die Kinderdarsteller aus dem aktuellen Kinofilm “Fünf Freunde” (die dritte Filmwerbung in Folge – viel zu viel, viel zu einfallslos!). Gottschalk textete die Kinder zu, stellte unpassende Fragen nach Beziehungen am Set. Die Kinder kamen a) so gut wie gar nicht zu Wort und hatten b) nichts Interessantes zu sagen, wenn sie mal kurz dran waren. Wahrscheinlich waren sie sediert vom Redefluss des bärtigen blonden Mannes in dem komischen Anzug.

Dann wurden die Kinder zum Chat abgeschoben und Anna Netrebko lief mit Erwin Schrott auf. Was dann folgte war “Wetten dass..?” pur – nur halt ohne Wetten: simultan übersetze Langeweile als Gespräch getarnt. Der Aus- bzw. Umschaltimpuls an dieser Stelle war geradezu übermächtig. Nur berufliche Disziplin und jahrelanges Training verhinderten den Senderwechsel. Gottschalk füllte das “Gespräch” mit Plattitüden zur klassischen Musik und tatsächlich schon wieder mit der Trennung von Heidi Klum und Seal. Ein Thema von dem er seit der Premiere wie besessen scheint.

Zwischendurch textete Gottschalk noch einen Otto-Normalbürger zu, dessen dicker Kater Irgendwen gerettet hatte: Lokalzeitungs-Niveau. Und der arme Politik-Redakteur der Sendung, dem nicht ganz wohl in seiner Haut schien, wurde kurz mal angequatscht, dass er ja noch nicht so viel zu tun gehabt habe… In der Tat: für das, was in den ersten drei Folgen gezeigt wurde, braucht man keine echte Redaktion.

Am Ende sah man dann wieder ein paar Sekunden verschwommene Bilder vom Eisbären-Baby aus dem Wuppertaler Zoo. Diese „Gottschalk Live“ Folge hatte vom Falschen zu viel und vom Guten zu wenig. Zuviel hohles Gelaber, zu viele Gäste. Zu wenige echte Themen, zu wenig Aktualität, zu wenig Interaktion. Man merkt Gottschalk die Anspannung und das Fremdeln mit dem neuen Format an. Es ist geradezu körperlich spürbar und dieses Unwohlsein überträgt sich auf den heimischen TV-Sessel. Es schien fast, als habe er Angst, dass wenn er keine Gäste hat und aufhört pausenlos zu labern, ihn eine gähnende Leere verschluckt.

Will Gottschalk seine neue Sendung zu einem langfristigen Erfolg machen, sollte er anfangen, sich ein paar grundsätzliche Gedanken zu machen. Denn: Eine halbe Stunde Sendung ordentlich zu füllen verlangt deutlich mehr an Disziplin, als eine dreieinhalb Stunden Show ohne Werbepausen mit reichlich Luft nach hinten wegzumoderieren.

Großmeister Rudi Carrell wird der Satz zugeschrieben „Wenn du was aus dem Ärmel schütteln willst, musst du vorher was reingetan haben.“ Weise Worte, die auch für einen wie Thomas Gottschalk gelten.

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