„Wulff wie einen räudigen Fuchs gehetzt“

Publishing Für die Medien war in der Affäre um Privatkredite und Anrufe bei der Bild-Chefredaktion schnell klar, dass Bundespräsident Christian Wulff das öffentliche Amt beschädigt. Doch der FDP-Bundestagsabgeordnete Joachim Günther sieht die versammelte Presse als eigentliches Problem der Gesellschaft. In einem offenen Brief mit dem Titel “Pressehetze ignorieren? Ich bin so frei!” gibt er der “Journalistenmeute” die Schuld, die "Panikmache" betreibe und Wulff "wie einen räudigen Fuchs" gehetzt habe.

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“Da ist der nicht immer glücklich handelnde Bundespräsident, den die Journalistenmeute wie einen räudigen Fuchs über sämtliche Titelblätter und durch alle Fernsehsendungen hetzt, weil er Vergünstigungen in Anspruch genommen haben soll”, beginnt Günther seinen Brief, den er bereits am 11. Januar auf seiner Homepage veröffentlichte. “Und ich frage mich, wer von den Hetzern fährt sein Auto nicht zum Sondertarif oder nutzt nicht die Presse-Rabatte der Reiseanbieter, der Technikhersteller etc.?” Wer Vertreter der Presse “Meute” und “Hetzer” nennt, der dürfte mit einem Medienecho gerechnet haben.

Der FDP-Abgeordnete aus der Provinz sieht in seinem Schreiben an Parteikollegen ein klar erkennbare Kampagne der Medien gegen Bundespräsident Wulff. Dabei würden Journalisten doch allzu gern selbst Rabatte in Anspruch nehmen: “Und wer von Ihnen einmal auf der Internetseite www.pressekonditionen.de war, wird sich sicher ebenfalls fragen, wie viele der Steinewerfer nicht im Glashaus sitzen”, heißt es weiter.

In dem zweiseitigen Schreiben ist auch von einem “aufgezwängten Spiel” der Medien die Rede, die immer mehr zur “1. Gewalt im Staat” mutieren würden sowie von “Panikmache” und “Kampagnenwahnsinn”. Günther, der Mitte der Achtziger Mitglied der DDR-Blockpartei und von 1990 bis 1995 Vorsitzender des FDP-Landesverbandes Sachen war, sieht in der “Journalistenmeute” aber nicht nur ein Problem für den Bundespräsidenten.

So würden die Medien wichtige Vorhaben der Liberalen, wie etwa eine Korrektur der geplanten Finanztransaktionssteuer sowie ihre Position zur Vorratsdatenspeicherung mit Negativschlagzeilen torpedieren. Das sei ein Problem für das ehemalige Land der “Dichter und Denker”. Nach Günthers Meinung sollen die Presse sich auf die Rolle des Beobachters beschränken, nicht des Nachrichtenmachers.
Günthers Brief hat seine Wirkung nicht verfehlt: Laut einer Mitteilung auf seiner Abgeordneten-Homepage klingelt das Telefon des FDP-Politikers Sturm, während das Mail-Postfach überläuft. Rund ein Viertel seiner Kritiker befürchtet demnach, dass Günther in die Pressefreiheit eingreifen will. Der Abgeordnete stellt klar, dass es ihm nicht darum gehe, "Journalisten in ihrer Pressefreiheit zu beschneiden."

Vielmehr gehe es ihm um eine ausgewogenere, objektivere und fairere Berichterstattung, die er in "jüngster Vergangenheit in vielen Beiträgen in Zeitungen und Zeitschriften, Fernseh- und Rundfunksendungen zu verschiedensten Themen" vermisst hätte. "Ich komme oft mit ausländischen Diplomaten und Unternehmern zusammen", erklärt der Sachse auf seiner Webseite. "Dabei wird mir jedes Mal aufs Neue klar, wie stolz wir in Deutschland sein können auf das, was wir erreicht haben, auf unser Gesundheits- und Sozialsystem, darauf wie wir die Wirtschaftskrise bewältigt haben, und, und, und. Ich bin der Meinung, dass das bei der Berichterstattung in Deutschland zu kurz kommt.”

Der Deutsche Journalistenverband (DJV) wies die Generalkritik Günthers entschieden zurück. Der DJV-Bundesvorsitzende Michael Konken wertete in einer Mitteilung Günthers Rundumschlag als Beweis für seine Realitätsferne: "Die Medien haben ihre Kernaufgaben in der Information und der Interpretation des gesellschaftlichen Geschehens." Wer ihnen dieses Recht streitig machen will, gefährdet nach den Worten des DJV-Bundesvorsitzenden die freie Meinungsbildung.

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