“Gottschalk Live”: Chancen und Risiken

Fernsehen Die Erwartungen an Moderator Thomas Gottschalk und sein Team von “Gottschalk Live” sind vor der Premiere am heutigen Montag um 19.20 Uhr im Ersten enorm. Eine derart aufwändige, fast tagesaktuelle Sendung im Vorabendprogramm der ARD hat es bisher noch nicht gegeben. “Gottschalk Live” kann TV-Geschichte schreiben oder als Mega-Flop mit Pauken und Trompeten untergehen. MEEDIA bewertet die Chancen und die Risiken der neuen Show von Thomas Gottschalk.

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Chancen

“Gottschalk Live” besetzt eine Marktlücke
Die größte Chance von “Gottschalk Live” ist wohl, dass es eine Sendung mit diesem Format bisher in Deutschland noch nicht gibt – eine Art Late-Night-Light am Vorabend. Eine derart aufwändig produzierte Sendung mit aktuellen Inhalten ist zu dieser Tageszeit ein absolutes Novum. Wenn sich das Format etabliert, prägt “Gottschalk Live” so vielleicht ein ganz neues TV-Genre.

Viele Sendungen – viele Chancen
Die (fast) Tagesaktualität ist immer zugleich Fluch und Segen. Fluch, weil man jeden Tag ohne Verschnaufpause eine Sendung auf die Pause stellen muss. Segen, weil man die Pannen der einen Sendung am nächsten Tag gleich wieder ausbügeln kann. “Gottschalk Live” wird dann zum Erfolg, wenn die Sendung auf der langen Strecke funktioniert und Beständigkeit zeigt. Das ist so ziemlich das genaue Gegenteil von “Wetten dass..?”. Bei der ZDF Show gab es wenige Sendetermine im Jahr, dafür wurde jede Show zu einem gigantischen TV-Event aufgeblasen. “Gottschalk Live” ist dagegen pures Alltags-TV.

Thomas Gottschalk ist ein Vollblut-Entertainer
Die Sendung “Gottschalk Live” wird mit ihrem Namensgeber stehen oder fallen. Thomas Gottschalk IST die Show – mehr noch als bei “Wetten dass..?” Team, Studio-Einrichtung – alles wurde nach seinen Wünschen auf ihn zugeschnitten. Die Sendung sollte ihm passen wie einer seiner schreiend bunten Maßanzüge. Dass Gottschalk immer noch spontan und schlagfertig sein kann, hat er in seiner letzten “Wetten dass..?”-Sendung bewiesen. Wenn er es auf dem Vorabend-Sendeplatz nicht schafft, dann wahrscheinlich keiner.

Die Ressourcen der ARD
Dass Gottschalks neue Show ausgerechnet in der ARD läuft hat Vor- und Nachteile. Von Vorteil ist, dass die ARD – zumindest theoretisch – über einen langen Atem verfügen dürfte und sich nicht dem gnadenlosen Quoten-Diktat der Privatsender unterwerfen muss. Dem Image der ARD tut “Gottschalk Live” schon jetzt gut. Statt nur mit seichten Soaps und Schmunzel-Krimis könnte das Erste dank Gottschalk auch am Vorabend mit niveauvoller Unterhaltung aufwarten.

Das Internet als neue Fan-Basis
Thomas Gottschalk hat mit seiner neuen Show das Internet geradezu umarmt. Facebook-Chats, Twitter-Account, Social-Media-Beauftragte in der Redaktion. Wer hätte das gedacht? Die Reaktionen bei Facebook sind ganz überwiegend von einer positiven Grundstimmung geprägt. Die Web-Nutzer scheinen sich auf seine neue Show zu freuen. Wenn es gut läuft, kann Gottschalk diese Stimmung in die Sendung mitnehmen. Auf seine alten Tage entdeckt er da vielleicht eine ganz neue und junge Zielgruppe.

Risiken

Der Sendeplatz in der “Todeszone”
Alles Schönreden hilft ja nichts: Der Sendeplatz werktags um 19.20 Uhr heißt bei der ARD ja nicht umsonst “Todeszone”. Zuhause bei Otto Normalzuschauer wird Essen gekocht, man ist vielleicht gerade erst von der Arbeit gekommen, Kinder wollen versorgt werden, der Hund muss nochmal raus. Es gibt vieles, was es um diese Uhrzeit in deutschen Mittelschichts-Haushalten zu tun gibt – Fernsehen gehörte bislang nicht unbedingt dazu. Und die, die um diese Zeit TV schauen, schalten in der Regel “Gute Zeiten Schlechte Zeiten” bei RTL ein, das um 19.40 Uhr läuft. Und wie heißt es so treffend: Old habits die hard. Das gelernte Sehverhalten der TV-Zuschauer zu ändern, wird die größte Herausforderung für Thomas Gottschalk mit seiner neuen Show sein.

Viele Sendungen – viel Verschleiß
Wer 140 Sendungen pro Jahr runterreißen will, gerät automatisch in eine Mühle. Der aktuelle Charakter der Sendung kann zwar sehr spannend werden, mit Sicherheit wird dieser TV-Marathon aber eines: verdammt anstrengend. Ob Gottschalk noch genauso brennt und seine Redaktion motivieren kann, wenn der Feuereifer der Premiere verflogen ist und der ermüdende Alltag beginnt, muss sich zeigen.

Thomas Gottschalk – ein TV-Mann von gestern?
Gottschalk kann witzig und schlagfertig sein – keine Frage. Er gehört im TV aber auch zu den älteren Semestern. Seine Welt ist die des “ehrlichen Rock’n’Roll”, der großen Samstagabend-Unterhaltung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Er schwärmt für Altstars wie Sean Connery und verströmt bisweilen die Aura des Berufsjugendlichen. Für ein Format wie „Gottschalk Live“ bräuchte es außerdem vielleicht jemanden, der mehr Journalist und weniger Unterhalter ist. Als ein Vorbild seiner neuen Show hat er den US-Moderator Jon Stewart genannt. Von der politischen Bissigkeit von dessen „Daily Show“ ist der Gottschalk, den das deutsche Publikum kennt, aber Lichtjahre entfernt. Ob ausgerechnet er der richtige Mann für ein modernes, aktuelles, fast tägliches TV-Format ist, darf zumindest bezweifelt werden.

Die Gremien-Gremlins der ARD
Die ARD kann für eine Sendung wie “Gottschalk Live” auch zur Bürde werden. Sollten die Quoten den Erwartungen nicht entsprechen oder Gottschalk sich die eine oder andere Frechheit zuviel leisten, dann schlägt die Stunde der “Gremien-Gremlins” (O-Ton von Gottschalk-Freund Günther Jauch). Schnell finden sich Funktionäre, die offen oder anonym an Sendung und Konzept herumkritteln. Und Gottschalk ist jemand, der Kritik wahrnimmt und auch durchaus persönlich nimmt.

Der öffentliche Druck
Und dann ist da auch noch der öffentliche Druck. Gottschalk steht mit seiner neuen Show unter Dauerbeobachtung aller Medien und Kritiker. Zumindest am Anfang dürfte jede Panne zum Thema werden. Er selbst hat dafür gesorgt, dass die Erwartungshaltung ordentlich geschürt wurde. Es dürfte nicht ganz leicht werden, dem in der Realität gerecht zu werden. Sein Freund Günther Jauch hat die extreme Erwartungshaltung vor dem Start seiner ARD-Talkshow unterlaufen, indem er Talkshow nach Vorschrift macht. Aber dafür ist Gottschalk nicht der Typ. Er ist heiß und voller Euphorie auf seine neue Sendung. Die Euphorie könnte aber auch in Enttäuschung umschlagen, wenn es nicht so läuft, wie er sich das vorstellt.

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