Deutsches Wall Street Journal ist online

Publishing In kaum einem Segment steckt in Zeiten wirtschaftlicher Turbulenzen so viel Potenzial wie im Online-Wirtschaftsjournalismus: Wiwo.de hat gerade seine Seite komplett überarbeitet und eine neue Chefredakteurin eingestellt. FTD.de, Managermagazin.de und Handelsblatt.com können sich über tolle Zuwachsraten in den vergangenen Monaten freuen. Doch jetzt werden die Karten neu gemischt: Seit heute Morgen ist mit dem Wall Street Journal Deutschland ein neuer Player auf dem Markt. Spannend: Der Neuling setzt auf ein Freemium-Modell.

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Die Redaktion um Chefredakteur Knut Engelmann startet erst einmal standesgemäß mit einer Siemens-Exklusiv-Geschichte. Zudem sind eine Reihe exklusiver Interviews und Geschichten rund um die Detroit Motor Show, eine große US-Automesse in den USA, geplant. Allerdings würden wohl auch die die aktuellen Entwicklungen in der Eurokrise ausreichen, um die WSJ-Redaktion zu beschäftigen.

Die Startseite von WSJ.de

Sich selbst sieht das Wall Street Journal Deutschland als „erste reine digitale Wirtschaftszeitung im deutschsprachigen Raum – nur im Netz, nie am Kiosk“, schreibt Engelmann im Editorial. Die Inhalte sollen überwiegend von den über 2.000 Korrespondenten und einem engagierten Team in Deutschland produziert werden. Dabei wird der Fokus wohl stärker auf einer internationalen Ausrichtung liegen. So ist geplant, viele der US-Text der Schwester-Angebote von DowJones oder dem amerikanischen Wall Street Journal einfach ins Deutsche zu übersetzen. Allerdings greifen die Redakteure auch auf Texte anderer Nachrichten-Seiten zurück. So kommt beispielsweise das Hintergrundstück „Wie sich die SPD in der Wulff-Affäre verheddert“ von Welt Online.
Zwischen dem Nachrichten-Portal und dem Wirtschafts-Angebot gibt es eine Content-Partnerschaft. In diesem Segment keine Seltenheit. Denn auch Spiegel Online und Managermagazin.de kooperieren, wie auch Stern.de und FTD.de.

Die Wall Street Journal-Kooperation beschränkt sich aber nicht nur auf Welt Online, sondern umfasst auch weitere Springer-Titel. So wurde auch eine enge Zusammenarbeit mit Finanzen.net vereinbart. Im Rahmen der Kooperation integriert Finanzen.net künftig ausgewählte journalistische Inhalte von wsj.de in sein Angebot. Umgekehrt liefert Finanzen.net Daten zu den aktuellen Entwicklungen auf den internationalen Börsenparketts, die beim Aufruf der Detailansicht auf das Angebot von Finanzen.net führen.
 
„Durch die Content-Partnerschaft mit dem Wallstreet Journal steigern wir die redaktionelle Qualität und Attraktivität unseres Angebots zusätzlich. Im Gegenzug profitiert wsj.de von unserem technologischen Know-how und unseren hohen Nutzerzahlen als deutscher Marktführer“, sagt Jens Ohr, Geschäftsführer der Finanzen.net GmbH.
Unterteilt ist die Seite in die Ressorts „Deutschland“, „International“, „Wirtschaft“, „Unternehmen“, „Märkte“, „Analyse“, „Technologie“ und „Jobs“.

Ein Beispiel für die Content-Partnerschaft mit Welt Online

Nach Meinung von Engelmann war der Bedarf an fundierten Informationen aus der Wirtschaftswelt nie größer als heute und nie die Halbwertzeit von Nachrichten kürzer. „Nicht erst die Eurokrise hat gezeigt, wie wichtig es gerade für Entscheider in der Wirtschafts- und Finanzwelt ist, immer und überall auch nachrichtlich auf der Höhe der Zeit zu sein“. Genau in diese Lücke will WSJ.de nun stoßen. „Wir haben Hunderte unserer potenziellen Leser gefragt, was ihnen gegenwärtig in der deutschsprachigen Wirtschaftspresse fehlt. Die Antwort kam laut und deutlich: Eine globale Sicht nicht nur auf das, was in Deutschland passiert, sondern auch auf die neuesten Geschehnisse in Washington, London, Tokio und in den aufstrebenden Märkten Asiens oder Lateinamerikas.“

Ob dies tatsächlich der Ansatz ist, mit dem sich Deutschland ein erfolgreiches digitales Wirtschaftsblatt machen lässt, wird sich an zwei Stellen entscheiden: bei der Zahlungsbereitschaft der Leser und dem Traffic-Aufkommen. Denn ähnlich wie bereits Gruner + Jahrs FTD.de setzt auch der neue Rivale auf einen Mix aus Paid-Content und konstenlosen Inhalten. Das Digital-Abo des Neulings soll 2,92 Euro pro Woche kosten. Die ersten vier Wochen sind allerdings kostenlos. Engelmann glaubt, dass auch in Deutschland, mit "guten Inhalten digital Geld verdienen" kann.

Beim Traffic kämpft WSJ.de längst nicht mehr mit Nischenangeboten. So kam Handelsblatt.com im Dezember auf 13 Millionen Visits, FTD.de auf 10,6 Millionen, Wiwo.de auf 1,8 und Managermagazin.de auf 7,4 Millionen.

Beim ersten Blick auf die Seite fällt die angenehme Ruhe auf, mit der die Seite ihre Inhalte präsentiert und verkauft. Noch fehlen extrem knallige Wirtschafts-Überschriften à la Spiegel Online, wie etwa „China fällt als Weltenretter aus“. Das Ziel von Engelmann ist es, den richtingen Mix aus harten Nachrichten und leichteren Stoffen zu finden. So schreibt er in seinem Editorial: „Wir wollen Sie informieren und Ihnen Entscheidungshilfen liefern, aber Sie jeden Tag auch ein wenig unterhalten.“

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