„Für jeden Stadtteil einen Redaktions-Paten“

Publishing Seit Lars Haider im Juli 2011 das Hamburger Abendblatt übernahm, scheint dort eine neue Bodenständigkeit Einzug zu halten. Statt wie zuvor in Politik und Feuilleton mit Überregionalen in Wettstreit zu treten, setzt der 42-Jährige vor allem auf regionale und lokale Themen, um den zuletzt galoppierenden Auflagenverlust zu bremsen. Haider, an früheren Wirkungsstätten bereits zwei Mal mit Lokaljournalismus-Preisen prämiert, spricht im MEEDIA-Interview über Ideen, Projekte und die "Heimat im Herzen".

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Das Abendblatt hat eine lange Tradition. Was lange als eher betuliches Metropolenblatt daher kam, sollte unter Ihrem Vorgänger Claus Strunz nach Vorbild der Süddeutschen zur „Norddeutschen“ mit überregionaler Präsenz entwickelt werden. Wo steht die Zeitung heute?
Das Hamburger Abendblatt ist nicht nur eine Medienmarke, sondern ein Stück Hamburg wie der Hafen oder die Elbe. Wir produzieren sowohl Nachrichten als auch ein Lebensgefühl. "Mit der Heimat im Herzen die Welt umfassen", darum geht es: Wir wollen unseren Lesern im wahrsten Sinne eine Heimat sein. Deshalb wenden wir uns wieder stärker den Themen in der Stadt zu, machen im Blatt häufiger mit Themen auf, die für die Menschen in dieser Stadt und der Region eine hohe Relevanz haben. Und wir sehen bei den Verkaufszahlen am Kiosk, dass wir richtig liegen.

Ist das nicht eine Kehrtwende gegenüber dem früheren Anspruch?
Nein. Claus Strunz hat das Hamburger Abendblatt weiterentwickelt und modernisiert, daran knüpfe auch ich an. Dabei möchte ich die traditionellen Stärken des HA unterstreichen, das Heimat- und Lebensgefühl, das es transportiert. Näher dran sein am Menschen: Diese Idee ist aus meiner Sicht die Vergangenheit und die Zukunft des HA, und vielleicht die Zukunft vieler Regionalzeitungen. Ich bin der Überzeugung, dass die größten Gestaltungsmöglichkeiten des Hamburger Abendblatts im Lokalen bzw. Regionalen liegen. Darauf fokussieren wir uns, auch wenn das Hamburger Abendblatt weit über die Grenzen unseres Verbreitungsgebiets hinaus eine Stimme und auch Gewicht hat. Wir dürfen nicht den Fehler machen, große Themen – wie aktuell etwa die Debatte um den Bundespräsidenten – zu vernachlässigen. Aber wir fragen uns immer: Gibt es ein Hamburger Thema für die Seite eins, das andere gute nationalen oder internationalen Themen schlägt? Wenn dem so ist, entscheiden wir uns ganz bewusst dafür.

Ein anderer Begriff, den Claus Strunz für das Abendblatt geprägt hat, war der Wandel der Zeitung zum Tagesmagazin. Wie sehen Sie das?
Diese Strategie ist absolut richtig. Die Zeitung ist das Medium für die größeren Artikel und längeren Texte. Von Montag bis Mittwoch bleibt die das Hamburger Abendblatt zwar relativ kompakt, hat aber immer einen klaren Schwerpunkt auf jeder Seite. Richtung Wochenende werden die Texte länger und die Schwerpunkte opulenter. Am Sonnabend wird sich das Hamburger Abendblatt zu einer Wochenzeitung für Stadt und Metropolregion entwickeln: Unter anderem mit zwei- bis vierseitigen Dossiers und Themen, für die wir uns in der Woche zuvor die Meinungen von Lesern und Kollegen aus anderen Abteilungen des Verlages einholen. Am Montag werden wir dagegen künftig alle zwei Wochen eine große Fotoreportage bringen, die unsere Leser ohne lange Textpassagen auf sich wirken lassen können.

Das Abendblatt hat vor fünf Jahren schon einmal versuchsweise eine Sonntagszeitung gestartet. Wird es einen neuen Anlauf geben?
Nein. Unsere Sonntagszeitung ist die Sonnabendausgabe. Die müssen wir weiter entwickeln mit einem klaren Schwerpunkt auf der Titelseite und jeder Menge Lesestoff im Innenteil. Wir entwickeln uns Schritt für Schritt in diese Richtung.

Sie sind jetzt ein halbes Jahr Blattmacher beim Abendblatt. Welche Schwerpunktthemen sehen Sie für diese Zeitung?
Mieten sind sicherlich das große Thema in dieser Stadt. Die Frage nach bezahlbarem Wohnraum in guter Qualität und Nachbarschaft kann hier Wahlen entscheiden. Wohnen und Mieten, Bildung, Energie, Verkehr – all das sind brennende Themen, die den Menschen hier nahe gehen. Dahinter steht im Grunde die Frage, wie Hamburg das Konzept der wachsenden Stadt verwirklicht. Diese Diskussion wird sicherlich mindestens die Jahre 2012 und 2013 prägen. Weil das so wichtig ist, werden wir ab Februar erstmals einen Fachreporter für den Bereich "wachsende Stadt" haben.

Das sind gewiss wichtige Themen, aber auch Dinge, die sich über einen längeren Zeitraum entwickeln. Passiert da nicht täglich viel zu wenig, als dass eine Zeitung davon "leben" kann?
Auch in diesen grundsätzlichen Bereichen gibt es täglich aufregende Geschichten. Das sehen wir, seit wir unsere Stadtreporter haben, die in den Vierteln unterwegs sind. Die Stadt ist eine Fundgrube voller Themen und Geschichten. 

Erklären Sie uns das Konzept der Stadtreporter.
Für jeden der Stadtteile gibt es jetzt einen Paten in der Redaktion. Diese Paten wohnen idealer Weise in diesem Stadtteil, halten die Augen offen und sollen Themen anbieten, die an Bezirksteams weitergeleitet werden, die sich darum kümmern, wenn die Redakteure es nicht selbst bearbeiten können. Dann gibt es Stadtreporter, die gar nicht mehr in die Redaktion kommen, sondern draußen die Augen offen halten, Geschichten recherchieren und auch von dort liefern. Das Prinzip ist ganz einfach: Wenn jeder Paten im Jahr zehn Geschichten bringt, haben wir über 1000 Geschichten aus den Hamburger Stadtteilen, die wir sowohl im Print als auch online verwenden können. Im Internet schaffen wir für jeden Bezirk einen eigenen Kanal, eine Art Bezirkszeitung, die wir im Blatt so gar nicht realisieren könnten.

Wie hat Ihre Redaktion darauf reagiert?
Mein Gesamteindruck ist positiv. "Heimat im Herzen" – das geht hier nicht nur mir allein so. Überhaupt ist die Redaktion genau das geblieben, als das ich sie in Erinnerung hatte: eine große Familie.

Ist es nicht schwierig, in solchen Situationen Redakteure zu führen und Leistungen auch zu kontrollieren?
Das glaube ich gerade nicht. Wenn man Reportern größtmögliche Freiheit gibt, dann wird das honoriert. Nach meinem Eindruck ist der Output deutlich größer, als wenn die Leute nur hier in der Redaktion sitzen. Wer durch die Stadt läuft, hat einfach viel mehr Ideen für Geschichten. Und warum sollte man in einer Zeit, wo mobil alles möglich ist, man praktisch an jedem Ort arbeiten und von dort Texte und Fotos versenden kann, sich das nicht auch zunutze machen? Die Erfahrungen sind schon in der Testphase überwiegend positiv.

Was ist mit den Leserreportern, die vor einiger Zeit mit Laptops ausgerüstet wurden, damit sie Themen zuliefern?
Dieses Projekt läuft jetzt aus.

Nochmal zurück zu den Themen Bezirke, Mieten, Verkehr, Bildung: Das klingt alles ein bisschen nach Tagesordnungspunkten einer Bürgerschaftssitzung. Befürchten Sie nicht, dass im Blatt die Unterhaltung zu kurz kommt?
Natürlich muss eine erfolgreiche Zeitung insgesamt unterhaltend sein. Auch für das Hamburger Abendblatt gilt: Man soll Spaß haben, diese Zeitung zu lesen. Aber: Wir achten darauf und müssen darauf achten, dass wir ein bestimmtes Niveau nicht unterschreiten. Wir machen schließlich eine Qualitätszeitung, das ist Anspruch und Verpflichtung.

Welche Rolle spielen so klassische Zeitungsressorts wie Sport oder Gesellschaft für Sie?
Eine sehr wichtige. Dem Sport tragen wir montags mit einem Buch von sechs Seiten auch sicher angemessen Rechnung. Hier haben wir allein das Problem, dass die Fußballer des HSV seit Jahrzehnten keinen großen Titel mehr gewonnen haben. Würde sich das ändern, würden wir auch wieder auf dem Titel mehr zum HSV machen.

… und die Society-Themen?
Wir stellen relevante Persönlichkeiten dieser Stadt vor, und setzen auch da eher auf die Hintergrundgeschichte, auf das große Porträt, als dass wir laufend Partyfotos zeigen. Wir wählen eine andere Form.

Und welche?
Zum Beispiel gehen wir mit den Konsuln dieser Stadt in ein Restaurant essen, von dem die Diplomaten sagen, dass es die Küche ihres Landes am besten verkörpert. So bekommen wir nicht nur ein gutes Gespräch, sondern auch noch einen guten Restaurant-Tipp. Gerade angefangen haben wir damit, Hamburger in Berlin zu treffen. Und dann gibt es die Aktion "Roter Faden", der von Persönlichkeiten unserer Stadt immer weiter gereicht wird.

Es ist bekannt, dass Sie sehr viel Wert auf den Dialog mit den Lesern legen. Was hören Sie von denen?
Wir lassen Leser regelmäßig über die Titeloptik unserer Wochenendausgabe abstimmen. Da gibt es bisweilen erstaunliche Ergebnisse: Manchmal finden die Leser ein Thema viel interessanter, als wir es tun. So hatten wir einmal zwei Alternativen angeboten: eine Geschichte über Helmut und Loki Schmidt und dann eine zum Jahrgang 1964, dem geburtenstärksten und zugleich dem Jahrgang, der die Rente erst mit 67 bekommt. Wir waren sicher, dass die Schmidts ganz klar gewinnen, aber das war nicht so. Noch wichtiger als diese Einzelthemen erscheint mir, dass die Leser uns vor allem in Zuschriften mitteilen, dass sie unsere Hinwendung zu Themen der Stadt goutieren. Die Hamburger lieben ihre Stadt, und sie sind begierig darauf, mehr über sie und ihre Menschen zu erfahren.

Dennoch ist es Fakt, dass die Auflagen der Regionalzeitungen seit langem stetig sinken, die des Hamburger Abendblattes in den letzten Jahren sogar im Vergleich überproportional. Zwar konnte das Minus 2011 deutlich verringert werden, aber was ist hier Ihr langfristiges Ziel?
Das Ziel muss es sein, die Auflage zu stabilisieren. Wir sehen auch Bewegung. Das Hamburger Abendblatt ist seit jeher eines der erfolgreichen Standbeine von Axel Springer. Ich möchte mit meiner Arbeit dafür sorgen, dass das auch in Zukunft so bleibt und bin zuversichtlich, dass wir mit dem Maßnahmenbündel, das wir im Gepäck haben, unser Ziel auch erreichen können.

Welche Projekte stehen beim Hamburger Abendblatt 2012 an?
Zum einen starten wir eine große Stadtteilserie, wobei wir am Ende alle Teile zusammen als Buch veröffentlichen werden. Dabei wollen wir mit unseren Stadtreportern und Stadtteilpaten die Stadt besser  durchdringen und mehr Kompetenz in den Vierteln aufbauen. Ab Februar wird drei mal pro Woche ein Teil der Serie erscheinen. Dann werden wir neue Stilformen ausprobieren, etwa die obengenannten Fotoreportage, längere Dossiers und journalistische Erzählungen. Und wir werden als unseren Beitrag zum einhundertsten Geburtstag von Axel Springer die zehn schönsten Aktionen aus der Geschichte unserer Zeitung neu auflegen.

Sie sind für Ihre Blattmache mehrfach mit Preisen ausgezeichnet worden. Was macht denn Ihrer Ansicht nach eine erfolgreiche Regionalzeitung aus?
Für mich liegt der Schlüssel darin, dass eine Zeitung so ist wie ihre Region. Erfolgreiche Regional- und Lokalzeitungen funktionieren eigentlich immer nach diesem Muster. Darüber muss man sich als Blattmacher bewusst sein und mit Blick darauf die Zeitung positionieren. Ganz entscheidend für eine Regionalzeitung ist zudem: Du musst immer im Gespräch sein. Ich hoffe, dass wir das mit den Aktionen und Maßnahmen, die wir angeschoben haben, mit dem Hamburger Abendblatt schaffen werden.

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