Der Bettina-Wulff-Komplex der Medien

Publishing Die Krise des Bundespräsidenten Christian Wulff ist derzeit das Topthema in den Medien. Immer mehr wird aber auch über seine Frau Bettina Wulff öffentlich geredet und geschrieben. Teile der Medienlandschaft scheinen dabei fast wie besessen von ihr. Da wird ihr von der Süddeutschen “gefährlicher Glamour” konstatiert, der Focus erkennt gar die “verlorene Ehre der Bettina Wulff”, und in der seriösen “Tagesschau” wird vom “möglichen Vorleben” der Präsidentengattin geraunt.

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Es hat etwas seltsam Verklemmtes, wenn sich seriöse Medien in diesen Tagen zur Präsidentengattin Bettina Wulff äußern. Bestes Beispiel ist der stellvertretende Chefredakteur des ARD Hauptstadtstudios, Rainald Becker. In der 15-Uhr-Ausgabe der ultraseriösen “Tagesschau” vom 2. Januar machte er reichlich nebulöse Andeutungen, dass der Droh-Anruf des Bundespräsidenten bei Bild-Chefredakteur Kai Diekmann einen ganz anderen Hintergrund, als den seiner Kredit-Affäre haben könnte.

Der ARD-Mann im O-Ton: “Ging es dem Bundespräsidenten darum, wirklich die Berichterstattung über seinen Hauskredit und alles was damit zusammenhängt zu verhindern oder – und diese Variante wird inzwischen auch durchaus hier gehandelt – ging es darum, Berichterstattung über seine Frau, also Bettina Wulff, und eine mögliche Vergangenheit zu verhindern?” Dafür spreche, so der ARD Hauptstadt-Vize weiter, dass Wulff bei dem Telefonanruf sehr aufgebracht gewesen sein soll.

Bereits zu Beginn der Affäre fischte die Berliner Zeitung im Trüben: “Wenn Wulff nicht bald folge, so wurde in Berlin gemunkelt, könne das Blatt mit einer Geschichte über das frühere Leben Bettina Wulffs aufwarten. Angeblich verfügt die Redaktion über Informationen, die bisher auf Weisung von ganz oben nicht gedruckt werden dürfen. Aus Respekt vor dem Amt des Bundespräsidenten.” ARD-Top-Talker Günther Jauch war sich aber nicht zu schade, diese Stelle in seiner von Millionen gesehenen Sonntagabend-Talkshow vorzulesen – damit es auch ja jeder mitbekommt.

Die Süddeutsche schreibt vom “gefährlichen Glamour”, den Bettina Wulff verströme und will gehört haben, dass die Sache mit dem Flug-Upgrade auf Business-Class und der Urlaubs-Einladung bei AWD-Gründer Maschmeyer ihre Idee gewesen sein soll. Und Focus bittet online ausgerechnet Medien-Allround-Experte Jo Groebel unter dem Titel "Die verlorene Ehre der Bettina Wulff" zur Paar-Fern-Diagnose: “Sie steht unter enormem Druck. Denn an Bettina Wulff perlen diese Vorwürfe nicht leicht ab. Ich halte ihren Teflonfaktor für nicht so stark ausgeprägt wie den anderer Frauen bekannter Politiker." Es scheint gerade so, als seien bei den Medien ein paar Sicherungen durchgebrannt.
Den Rest besorgt dann das Internet. Da werden bei Facebook und Twitter entsprechende, geschmacklose Witze viral verbreitet und Google sorgt mit seinem auf Algorithmen basierenden Such-Vorschlägen dafür, dass auch noch der Dümmste das Gerede unter der Gürtellinie auf dem Silbertablett serviert bekommt. Medien und das Web befeuern sich hier gegenseitig. Wer außen vor steht, sind die tatsächlichen Boulevardmedien. Weder Bild noch Bunte haben die Gerüchteküche bisher angeheizt. Die Bild hat sogar den Fragen-Katalog veröffentlicht, der Christian Wulff im Zusammenhang mit der Kredit-Affäre vor der Veröffentlichung zugeschickt wurde. Darin stehen nur Fragen, die seine Kredit-Geschäfte betreffen.

Der ehemalige Spiegel-Chef Stefan Aust sagte zur Causa Wulff in einem Interview mit WDR2 den schönen Satz: "Wissen Sie, die Zahnpasta, die einmal aus der Tube ist, die kriegen Sie nicht wieder zurück!" Leider gilt das nicht nur für Fakten, sondern auch für Stammtisch-Gerede. Dass das üble Geraune diesmal von "Tagesschau" und Co. kommt und nicht vom Boulevard, macht die Sache nicht besser.
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