„Wulff wollte verhindern, nicht verschieben“

Publishing Ein Befreiungsschlag war die nächste öffentliche Entschuldigung von Bundespräsident Christian Wulff nicht – davon zeugt nicht zuletzt auch das vernichtende Medienecho. Mehr noch: Auch an der Darstellung der Abläufe im Zuge der Mailbox-Affäre wurden sofort Zweifel laut. Nach Angaben von Bild-Vize-Chefredakteur Nikolaus Blome habe Wulff keinesfalls nur um einen Tag Aufschub gebeten. Auch Wulffs Darstellungen zum Gespräch mit dem Welt-Journalisten klingen ganz anders als beim Springer-Blatt.

Werbeanzeige

Christian Wulff und die Medien – es ist wechselvolle Geschichte. Und eine, bei der auf Wunsch des Bundespräsidenten ein neues Kapital aufgeschlagen werden sollte. "Ich muss mein Verhältnis zu den Medien herstellen, neu ordnen, anders mit den Medien umgehen, sie als Mittler stärker einbinden und anerkennen", erklärte Bundespräsident Wulff gleich zu Beginn des TV-Interviews mit ARD und ZDF.

Es klang wie eine Handreichung an die Adresse der Medien, die zuvor wahrlich nicht zimperlich mit dem Bundespräsidenten umgegangen waren. "Die Medien haben auch ihre Verantwortung, aber die müssen sie selber unter sich ausmachen", hatte Wulff zuvor leicht säuerlich erklärt. Ein Burgfrieden nach der wochenlangen Fehde?
"Anruf, der ganz klar das Ziel hatte, diese Berichterstattung zu verhindern"
Mitnichten. Denn die Presse watschte Wulff nicht nur für seinen TV-Auftritt ab – es folgten auch prompt Gegendarstellungen zu den präsidialen Schilderungen. Etwa die vom Bild-Vizechefredakteur: "Das war ein Anruf, der ganz klar das Ziel hatte, diese Berichterstattung zu verhindern, zu unterbinden", erklärte Nikolaus Blome im Deutschlandfunk zu Wulffs inzwischen berüchtigter Nachricht auf der Mailbox des Bild-Chefredakteurs Kai Diekmann

Wulff selbst hatte den Sachverhalt im TV-Interview anders dargestellt: "Ich habe dann gebeten, die Veröffentlichung um einen Tag zu verschieben, damit man darüber reden kann, damit sie sachgemäß ausfallen kann." Keine Drohung also? Keine Rede vom "endgültigen Bruch", vom "Krieg führen" oder gar von strafrechtlichen Konsequenzen, wie sie nach Bekanntwerden der Mailbox-Nachricht kursierten? "Den Satz ‚Ich wollte nicht verhindern‘, das haben wir damals deutlich anders wahrgenommen", macht Bild-Vize Blome den Springer-Standpunkt klar.

Wulff: "Der Redakteur hat sich gefreut"
Es ist nicht der einzige Unterschied in der Darstellung der Vorkommnisse zwischen Presse und Bundespräsident. Da ist schließlich noch die Sache mit der Welt am Sonntag, deren Journalist Wulff vor der Enthüllungsreportage über seine Stiefschwester ins Schloss Bellevue zitiert hat. "Der Redakteur hat sich über die Gelegenheit gefreut, er hat mit mir gesprochen. Und es ist dann nichts zurückgeblieben", erklärte Wulff am Mittwochabend vor einem Elf-Millionen-Publikum.

Das widerspricht der Darstellung des Springer-Blattes. "Um eine Veröffentlichung zu verhindern, intervenierte das Bundespräsidialamt massiv – nicht nur beim Chefredakteur, sondern auch an höchsten Verlagsstellen. Einer der Autoren wurde in dieser Sache ins Schloss Bellevue gebeten, wo der Bundespräsident persönlich mit unangenehmen und öffentlichkeitswirksamen Konsequenzen im Fall einer Veröffentlichung drohte", stellte das Springer-Blatt Anfang der Woche klar.

Welt-Chef Peters: "Eisiger und sehr heftiger Teil des Gesprächs"
Jan-Eric Peters, Chef der Welt-Gruppe, hatte das Gespräch des Springer-Journalisten mit dem Bundespräsidenten gegenüber Spiegel Online noch einmal präzisiert: "Unser Reporter, ein erfahrener Journalist, war sehr überrascht von dem Vorgang und sagte mir, er habe diesen Teil des Gesprächs als eisig und sehr heftig empfunden. Nach dem Gespräch versuchte Wulff an höchsten Verlagsstellen, unter anderem beim Vorstandsvorsitzenden, zu intervenieren.“
"Freude beim Redakteur"? "Nichts zurückgeblieben" also? Tatsächlich scheint das  Verhältnis von Christian Wulff und den Medien zerrütteter denn je. Es wird mit Spannung zu beobachten sein, wie sich Bundespräsident Wulff die Neuordnung  seines Verhältnisses zur Presselandschaft vorstellt – und umgekehrt.

Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige