Wulff: ein Desaster an Konflikt-Kompetenz

Fernsehen Christian Wulff gab gestern ARD und ZDF ein Interview. In einer von Rahmen, Zeit und Stil her unglückselig oberflächlichen Veranstaltung trieben Ulrich Deppendorf und Bettina Schausten gehetzt fragetechnisch viele Säue durchs Dorf und fokussierten quantitative statt qualitative Aspekte. Wulff selbst blieb ohne Präzision. Als Top-Manager eines Landes demonstrierte er auf Guttenberg-Niveau – bei allem menschlichen Verständnis für seinen Druck – ein Desaster an Kompetenz im Umgang mit Konflikten.

Werbeanzeige

Der künftige Ex-Bundespräsident Christian Wulff antwortete ARD und ZDF gestern zur Primetime auf ein ganzes Bündel von Fragen. So die Ankündigung. Die Realität enttäuschte jede Hoffnung auf Klärung: Es war eine in jeder Hinsicht traurige Veranstaltung. Wer gestern das Interview sah, blieb gefangen in der Frage, in genau welchem Format auf welchem Kanal er wohl gelandet sein mochte: Eine ernste Auseinandersetzung mit – und tiefgehende Klärung von – Fragen im Kontext der aktuellen Themen Wulffs? Eine Auftaktsendung zum "Dschungelcamp" mit einem sich sukzessive selbst kannibalisierenden Bundespräsidenten? Die Frage selbst wurde bis zum Schluss nicht ganz beantwortet.
Es gilt als zurecht als moralisch zwiespältig, nach jemandem zu treten, der bereits am Boden liegt. Und in der Tat erzeugt dieser Grundsatz auch hier eine gewisse Beißhemmung. Um so unverständlicher scheint es, dass Christan Wulff selbst sich daran gestern so wenig hat halten können. Sein gestriger Auftritt bot das – hilflose und deswegen ansatzweise rührende – Werben um menschliches Verständnis. Er bot jedoch auch einen Bundespräsidenten, der nicht an einer einzigen Stelle durchaus kritischer Fragen mit Ruhe und emotional nachvollziehbarem Ernst glaubwürdig "stehen bleiben" konnte. Wer den gestrigen Beitrag des Bundespräsidenten als repräsentativen Spiegel vorhandener Konflikt- und Führungskompetenz ranghoher deutscher Politiker verstanden haben mochte, muss sich erneut ernste Sorgen machen. Nach dem Kompetenz-Waterloo von Verteidigungsminister zu Guttenberg im Umgang mit seiner eigenen Verteidigung in der Plagiats-Affäre bot Wulff quasi als Aufsichtsratsvorsitzender eines der wichtigsten europäischen Länder am gestrigen Abend erneut ein Desaster politischer Führungs-und Konfliktkompetenz.
Nicht wenige Hartz IV-Empfänger bringen in Konflikten auf den zuständigen Ämtern mehr Klarheit und Glaubwürdigkeit auf die Straße, als es Christian Wulff gestern gelang.
Die Außenwirkung
Wulff mied häufig einen durchgängig direkten Blickkontakt mit beiden Journalisten. Ab und an, als habe er es in einem Medien-Training gelernt, schaute er ihnen sekundenkurz in die Augen, um dann wieder auf den Tisch vor sich zu blicken: Als folgte er einer tiefen Befürchtung, direkter Blickkontakt könnte ihm ein Stück eigener Orientierung und Sicherheit nehmen. Wulff hatte im Vorfeld genügend Zeit, Antworten zu formulieren und auch mimisch den eigenen Auftritt vorzubereiten. Vieles wirkte bemüht geübt mit jener leise spürbaren Anstrengung, Ansätze gelernter Emotion in Worthülsen zu legen. Oberflächliche Betrachter konnten durchaus den einen oder anderen Satz von Wulff mit Offenheit verwechseln.
Die Nagelprobe allerdings bestand in Präzision und Direktheit der Antworten: Viel zu schnell switchte Wulff an ernsten Stellen mit Anflügen erarbeiteter Routine in abenteuerliche Generalisierungen, die mit der eigentlichen Frage in annähernd keinem Zusammenhang mehr standen. Man lernt das in jedem Medientraining: Egal, was Du gefragt wirst – sprich über die Dinge, die Du erzählen möchtest: "Ich übe mein Amt mit Freude aus. Ich will, dass nach fünf Jahren ein gutes Urteil über mich gefällt wird". Kraftlose Sätze wie diese sind keine Situationskomik. Wulff hat das allen Ernstes gesagt. In der aktuellen Situation. Jeder weiß, dass seit einiger Zeit niemand von Freude im Amt weiter entfernt ist als Wulff selbst.
Wulff verteidigte Übernachtungen und Urlaube bei alten Freunden mit einem platten, menschlich durchaus nachvollziehbaren Bild. Doch anstatt auch nur einige Sekunden mit dem Ernst erwachsener Reflexionsfähigkeit die Spannungsfelder dieser Vorgänge im Kontext seiner aktuellen Berufsrolle zu betrachten, Interpretationen und öffentliche Wirkung zu bewegen, zeichnete er einen Satz später das Bild einer ganzen Republik, in der Freunde einander Rechnungen schrieben, und in der er nicht leben wollte. Weg war es, das Thema – Ausweichen auf nicht einmal hohem Niveau. Der alleinige Kern dieses Themas jedoch ist nicht die Frage, ob man als Bundespräsident nun plötzlich alten Freunden 150,- € für eine Übernachtung zahlen müsse, wie Wulff es Bettina Schausten fragte. Der Kern ist, als quasi Aufsichtsratsvorsitzender eines Staates derartige Fragen nicht im Rahmen alter privater Kontexte zu bewerten, sondern in ihren neuen Abhängigkeiten von Amt und Wirkung.
Das sind Management-Basics. Wulffs naive Argumentation als Begründung eines Mannes, der in der Flugaffäre den ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau für seine mangelnde Differenzierungsfähigkeit öffentlich kritisiert hatte, war eines vieler hilfloser Ausweichmanöver an Stellen, an denen man sich Präsenz, Offenheit und Standing im Umgang mit Konflikten gewünscht hätte.
Auch seine Formulierungen trugen teilweise paradoxe Züge: So, als spräche Wulff depersonalisiert über jemand anderen, sprach er in der dritten Person über sich: "Man muss als Bundespräsident die Dinge so im Griff haben, dass so etwas nicht passiert."  "Es ist ein Unterschied, ob man als Ministerpräsident Akteur ist, oder als Bundespräsident auftritt." "Natürlich denkt man viel jetzt über die Bibelstelle nach: Derjenige, der ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein – und alle gingen. Weil allen klar wurde: Vorsicht, wenn du mit einem Finger auf andere zeigst, zeigen andere auf dich selbst. Insofern wird man auch lebensklüger … und man wird auch ein bisschen demütiger.”  All dies: Banalitäten auf demselben qualitativen Niveau, als habe Wulff gesagt: "Man hat gelernt, als Bundespräsident gerade in Interviews regelmäßig aus- und einatmen. Der Ball ist rund. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel."
Bei allem menschlichen Verständnis für Druck und sichtbare Hilflosigkeit: Weder die geduckte Entschuldigungsrolle "Ich habe einen Fehler gemacht“ noch lebensferne Generalisierungen helfen der Klärung. Beides diente ausschließlich dem Entzug und der Verhinderung von Klärung. So folgte Wulff gestern allein dem Ziel, sich nicht festlegen zu müssen und dabei einen halbwegs akzeptablen Eindruck zu machen. Man darf und man muss von Führungskräften anderes erwarten.
Format und Moderatoren
Es gibt Konfigurationen, die Räume schließen statt sie zu öffnen. Innerhalb kurzer Zeit mit zwei Moderatoren zweier Sender eine ganze Reihe von Fragen durchzupeitschen, verhindert per se Klarheit, Klärung und Tiefgang. Man hätte sich anderes gewünscht am gestrigen Abend und theoretisch hätte es die Räume gegeben. Wenn es denn Deppendorf und Schausten hätte gelingen können, ihren rein quantitativen Ansatz aller relevanten Fragen durch Priorisierung um eine qualitative Haltung zu bereichern. Das hätte ohne Zweifel ein wenig Mut und situative Beweglichkeit erfordert.
Was wäre denn etwa gewesen, wenn einer der Moderatoren an der Mailbox-Diekmann-Stelle des Interviews nachgehakt und die verabredete Linie verlassen hätte? Wulff hatte über seine Entschuldigung berichtet und switchte danach sofort zu allgemein nebulösen Worthülsen des Wertes von Pressefreiheit und der “Neuaufstellung“ seiner Medienbeziehungen. Was wäre gewesen, wenn etwa Deppendorf (oder Frau Schausten) gesagt hätte:
"Herr Wulff, unsere Bitte ist mit einem alten Satz von Kortner: Wir haben keine Zeit, also langsam! Es wäre uns wichtig, bei dieser für uns wesentlichen Frage ein wenig länger zu bleiben und Ihre Antwort zum Vorwurf der Beeinflussung der Presse genauer zu verstehen: Sie haben sich entschuldigt und danach viele Worte über Ihr grundsätzliches Bekenntnis zur Pressefreiheit  – im wahrsten Sinne des Wortes – verloren.  Wieso nutzen Sie als Bundespräsident bei Nachrichten auf Mailboxen die Drohung eines "Krieges"?  Ein ohne Zweifel im Kontext Ihrer Rolle hochsensibler Begriff. Wieso drohen Sie mit Strafantrag? Stimmen diese Details nicht, dann widersprechen Sie ihnen bitte hier. Stimmen sie jedoch, wie sind sie dann mit Ihrer aktuellen Formulierung Ihrer "Bitte um einen Tag Verschiebung" in Einklang zu bringen?"
Das wäre immerhin eine Möglichkeit der Gestaltung des gestrigen Interviews gewesen. Vielleicht hätte dies bedeutet, die ohnehin schon hinlänglich bekannten Kredit-Details von Wulff nicht mehr innerhalb der kurzen Zeit besprechen zu können, aber es hätte die Chance geboten, das aktuelle Gespräch auf einen aktuell wichtigen Punkt zu fokussieren und einen Beitrag zur Klärung bedeuten können. Dieser Raum wurde gestern zugunsten quantitativer Ansätze verschenkt.
Fazit
Präzise betrachtet, hat sich Wulff gestern mehr beschädigt als stabilisiert. Ob und wann Wulff zurücktritt, ist nur sehr begrenzt von seinem gestrigen Auftritt abhängig. Die gelebte Wahrheit von Politik ist Management und Strategie: Im Hintergrund wird wahrscheinlich seit Beginn der Affäre an Exit-Strategien für Wulff ebenso präzise gearbeitet, wie an Nachfolge-Lösungen und deren Ersatz für ihre aktuellen Funktionen. Der Rest ist Timing und Kommunikations-Strategie, um längst getroffene Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt halbwegs glaubwürdig verkaufen zu können.
Die Chancen, dass sich der im gestrigen Interview von Wulff formulierte Wunsch einer fünfjährigen Amtszeit mit guter Bewertung erfüllen kann, sind aus einem ganzen Bündel an Ursachen außerordentlich gering: Nicht nur, weil Negation und Banalisierung komplexer Zusammenhänge für Führungskräfte als einzige Strategie auf Dauer zu dünn erscheint. Sondern auch, so hart es klingen mag, weil man einen Mann auf diesem Reflexions-Niveau in seiner exponierten Rolle ernsthaft im internationalen Kontext nicht mehr auflaufen lassen kann. Nicht zuletzt, weil Wähler und Bürger als Menschen ein grundsätzliches Bedürfnis nach Glaubwürdigkeit ihrer Führungskräfte einklagen werden. Angela Merkel hat jüngst Europas Politiker zum Wiedererwerb von Glaubwürdigkeit aufgefordert.
Christian Wulff gehört dazu.
Mehr über den Autor: www.leadership-academy.de

Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige