„Erster Präsident, der sich selbst begnadigt“

Fernsehen Es sollte der große Befreiungsschlag werden, doch kaum war das Interview am Mittwochabend gelaufen, fiel die Kritik auf den Online-Portalen der Leitmedien fast durchweg negativ bis vernichtend aus: Bundespräsident Christian Wulff hat es allen Ankündigungen zum Trotz nicht geschafft, reinen Tisch zu machen. Auch nach der "Beichte" bei ARD und ZDF dürfte die Kritik am höchsten Amtsträger der Republik nicht verstummen. MEEDIA dokumentiert Stimmen zum TV-Auftritt.

Werbeanzeige

Heribert Prantl, Süddeutsche Zeitung: "Er ist ein Präsident, der sich in seiner Schwäche an seinem Amt festhält, weil ihm das Amt den Halt gibt, den er ansonsten nicht hat. Der Bundespräsident übt, so steht es im Grundgesetz, das Gnadenrecht aus; Wulff ist der erste Bundespräsident, der sich selbst begnadigt. (…) Wulff umgab und umgibt sich mit den falschen Freunden, zu denen er offenbar auch die Bild-Zeitung zählte. Er glaubte, es sei ein schönes Fundament für eine Präsidentschaft, wenn man es mit schönen Bildern aus dem Privat- und Partyleben beklebt. So wurde er, sich selbst blendend, zu einem Talmi-Präsidenten – zu einem, der kein Gefühl entwickelte, wie er dies Amt füllen und was er aus ihm machen sollte."

Roland Nelles, Spiegel Online: "Wulffs Auftritt zur besten Sendezeit bei ARD und ZDF hat etwas erschreckend Banales. Zu besichtigen ist keine präsidiale Lichtgestalt, sondern ein Präsident, der förmlich um Gnade bettelt. Statt wirklich aufzuklären, simuliert er Transparenz, Offenheit, Ehrlichkeit – 25 Minuten lang. Das ist nicht einmal Staatsschauspiel, das ist Osnabrücker Puppentheater. (…) Es ist möglich, dass Wulff damit durchkommt. Jeder weiß: Angela Merkel, Horst Seehofer, und wie sie alle heißen, wollen jetzt keine neue Präsidentenwahl. Zu lästig, zu nervig, zu groß ist für sie die Gefahr des Scheiterns. (…) Es ist durch und durch mittelmäßiges Machtkalkül, zu dem Merkel und Co. den passenden Präsidenten haben. Wulff ist entschlossen, die Affäre auszusitzen. Das sieht nun jeder."

Stephan Löwenstein, Michael Hanfeld, FAZ: "Der Bundespräsident gibt ARD und ZDF ein Interview. Sonst redet er mit niemandem. Das verrät viel über das Amtsverständnis von Christian Wulff. Die wichtigsten Fragen bleiben offen, vor allem die, ob er kritische Berichterstattung verhindern wollte. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk erlebt ein Waterloo. (…) Die Fragen waren nicht das Problem in dieser öffentlich-rechtlichen Sendung. Das Problem war das Format. Wenn man dem Präsidenten die fünf, sechs anstehenden Fragen stellen will und dafür nur eine Viertelstunde Zeit hat, dann ist es kaum möglich, an den Stellen mehrfach nachzuhaken, an denen sich die Widersprüche auftun. Zum Beispiel: Was ist das für eine „Bitte“, wenn Redakteuren mit dem Strafrecht gedroht wird? Oder: Es ging nur um Aufschub? Aber die „Bild“-Zeitung hatte doch schon Tage vorher einen länglichen Fragenkatalog geschickt, wie am Mittwoch im Blatt dokumentiert. Und der Präsident hatte auch schon antworten lassen – die Antworten dann aber wieder zurückgezogen. (…) Im Interview bei ARD und ZDF bleibt die Behauptung stehen. Abnehmen muss man sie Christian Wulff nicht. Wer hier den Rubikon überschritten hat, von dem auf der Mailbox die Rede ist, ist eigentlich keine Frage mehr."

Günther Nonnenmacher, FAZ: "Wulffs Erklärung vor Weihnachten wie auch das jetzt ausgestrahlte Fernsehgespräch sind unter äußer(st)em Druck zustande gekommen. Wie diese Außenwelt inzwischen über Wulff denkt, lässt sich daran ablesen, dass schon tagelang über mögliche Nachfolger(innen) diskutiert wurde, für ein Amt, das bisher mit den Begriffen ‚Würde‘ und ‚Respekt‘ verbunden war."

Bild.de: "War das der große Befreiungsschlag?"

Holger Schmale, Frankfurter Rundschau: "Es geht in der Hauptsache um Format, um Haltung. Und darum, ob der Mangel daran Christian Wulff hindert, sein Amt so gewissenhaft und kraftvoll auszuüben, wie er es bei seinem letzten öffentlichen Auftritt im Schloss Bellevue versprochen hat. Dass er das noch kann, erscheint fast ausgeschlossen. So heilend kann gar kein Fernsehinterview wirken."

Torsten Krauel, Welt Online: "Es war kein durchweg souveräner Auftritt. Wulff hat noch einmal eine Entschuldigung ausgesprochen, diesmal für den Umgang mit der Presse. Eine weitere Runde von Entschuldigungen möge dem Land erspart bleiben. Stattdessen möge der Bundespräsident zeigen, welche Qualitäten noch in ihm stecken. (…) Er hat nur noch eine einzige Chance."

Ulrich Reitz, WAZ: "Ein Präsident, der um Verständnis bittet und um Entschuldigung. Ein Präsident, der seine Familie nach vorne schiebt. Und auch einer, der die seltsamsten Spekulationen um seine Frau noch selbst befeuert, indem er diese als „Fantasie“ bezeichnet. Einer, der sich am Ende selbst freisprechen muss, weil es kein anderer tut. Zum Fremdschämen."

Christian Tretbar, Tagesspiegel
: "Dass sich Wulff nicht traut, in eine Live-Sendung zu gehen, sagt doch viel aus. Man muss sich noch einmal vergegenwärtigen, warum dieser Auftritt überhaupt notwendig wird: weil er versucht haben soll, Einfluss auf Berichterstattung zu nehmen. Oder, um es anders zu sagen: Er soll versucht haben, die Pressefreiheit einzuschränken. Deshalb wäre ein Auftritt vor der gesamten Presse angebracht gewesen, vielleicht sogar vor der Bundespressekonferenz. Eine Einladung dafür lag vor. Eine ordentliche Pressekonferenz mit Fragen aller Medienvertreter – egal, ob Öffentlich-Rechtlich, Privat, Print, Online oder Radio. Das hätte signalisiert, seht her, ich nehme mir Zeit und bin bereit, mich allen Fragen ein für alle Mal zu stellen. So aber wird es von Beginn an halbgar. Dass die Verantwortlichen von ARD und ZDF das Interview nicht absagten, ist verständlich – jeder Sender hätte es wohl genommen. Aber die Damen und Herren vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk hätten dem Präsidenten wenigstens klar machen können, dass es sich diesmal nicht um die Weihnachtsansprache handelt."

Gordon Repinski, tageszeitung: "Für Wulff war es die letzte Chance, und es wurde sein persönlicher Gang nach Canossa. (…) Wulff wirkt in dem Gespräch mit Bettina Schausten und Ulrich Deppendorf angespannt, angefasst. Öfter verwendet er das Bild vom Innersten, dass er nach Außen kehre. An diesem Abend sieht man keinen Bundespräsidenten sprechen. Sondern einen wankenden Politiker, der sein Amt weiter ausüben will (…) – der kriechende Präsident."

Michael Spreng, sprengsatz.de: "Beim Zuschauen des TV-Interviews stellte sich ein ungutes Gefühl ein, eine Mischung aus Mitleid und Fremdschämen, aus ungebrochener Empörung und dem Wunsch: Hoffentlich ist bald Schluss. Besonders an der Stelle, als er sagte, er habe sich ‚als Opfer gesehen‘ und als er ‚Menschenrechte auch für Bundespräsidenten‘ einforderte. Sein Amt mache ihm ‚Freude‘, sagte Wulff. Er ist mit sich wieder im Reinen. Er hat sich verziehen. So einfach ist das. Präsident auf Bewährung? Das sei “völlig daneben”. Wenn man daran denkt, wer an seiner Stelle im Schloss Bellevue hätte präsidieren können, dann verstärkt sich dieses ungute Gefühl. Musste ein solcher Mann nach von Weizsäcker, Herzog und dem untadeligen Köhler kommen? Hätte uns nicht Angela Merkel davor bewahren können?"

Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige