„Das Amt ist zu groß für diesen Mann“

Publishing Mit der Drohung, strafrechtlich gegen kritische Berichterstattung vorzugehen, hat Bundespräsident Christian Wulff in deutschen Medienhäusern einen Nerv getroffen. Das Urteil seiner Kritiker über das Verhalten im Fall der Kredit-Affäre und die Nachricht auf dem Anrufbeantworter der Bild-Chefredaktion ist vernichtend: "Von allen guten Geistern" sei Wulff verlassen, der als "Prügelknabe" nun "abwärts fährt". Ex-Spiegel-Chef Stefan Aust spricht sogar von einem "politischen Selbstmordkommando".

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: Ungewöhnlich und erstaunlich ist in diesem Fall das Ausmaß an politischer Instinktlosigkeit und Skrupellosigkeit, das Christian Wulff an den Tag legt. Denn nun kommt heraus, dass er offenbar auch noch versucht hat, die Veröffentlichung des Skandals um seinen Hauskredit und die Annahme sonstiger Gefälligkeiten vermögender Wirtschaftsfreunde mit dubiosen Mitteln zu verhindern – durch Druck auf die Bild-Zeitung und deren Chefredakteur Kai Diekmann. Genau dieses könnte in dieser Affäre das "Zu-viel" sein: Ein Bundespräsident, der Medien zu erpressen versucht, ist nicht haltbar. Er schädigt das Ansehen der gesamten politischen Klasse.

Berthold‘>: Was über Wulffs Äußerungen in diesem Anruf kursiert, passt zu den öffentlichen Bekenntnissen freilich so wenig wie die Finanzierung eines Hauskaufs mittels eines rollierenden Geldmarktdarlehens zur schwäbischen Hausfrau. Es passte nur zu einem Staatsoberhaupt, das von allen guten Geistern verlassen worden ist. (…) Das offensichtliche Desinteresse an Aufklärung ist auch in diesem Fall vorrangig an anderer, gar höchster Stelle zu verorten. Auf dem Weg nach oben tanzen viele Politiker mit den bunten Blättern Walzer, gern auch bei zweiten Hochzeiten. Dann ist das Verhältnis noch ungebrochen. Was aber sollen „die Medien“ tun, wenn ein Politiker, sogar der Bundespräsident, ihnen später mit Scheidung droht, mit dem „endgültigen Bruch“? Ihre Arbeit, siehe ersten Satz.

Nico Fried auf Sueddeutsche.de: Merkel vertraut darauf, dass Wulff die Dinge aufklärt, keineswegs darauf, dass es nichts aufzuklären gebe. Die Kanzlerin brauchte nicht erst den Fall Guttenberg, um Schlupflöcher zu schätzen, durch die sie entkommen kann, wenn andere trotz ihrer Unterstützung fallen. Merkels politisches Wertesystem gibt ihr da eine klare Orientierung. Ein Rücktritt Wulffs wäre für die Kanzlerin Merkel unerfreulich, aber verkraftbar.

Der ehemalige WDR-Intendant Friedrich Nowottny im Phoenix-Interview: "Die Medien haben die Schwachstellen dieses Bundespräsidenten erkannt. Das Amt ist zu groß für diesen Mann. Der gegenwärtige Bundespräsident hat gar nicht begriffen, dass er Bundespräsident ist. Er glaubt immer noch in Hannover zu sitzen und schaltet und waltet, wie der Ministerpräsident von Hannover zu schalten und walten gewohnt ist."

Ulrich‘>: Überraschend ist dabei nicht nur die Naivität des Präsidenten. Anzunehmen, die im Gossenkampf erprobte Bild-Zeitung werde wegen einer Drohgebärde tatsächlich einen Text nicht drucken, ist verrückt. Ebenso frappierend ist einmal mehr, wie dieser Präsident die Würde seines Amtes ignoriert. Wulff hat sich benommen wie ein Provinzbürgermeister, der glaubt, die ansässige Lokalzeitung nach Gutdünken maßregeln zu können. Als Präsident stellt er ein Verfassungsorgan des Staates dar, er hat die Pressefreiheit zu achten, zu schützen und zu verteidigen.

Neue Osnabrücker Zeitung: Dies zeigt eines überdeutlich: Beim Staatsoberhaupt liegen die Nerven blank. Vom oft gehegten Sonnyboy zum Prügelknaben des meinungsmachenden Boulevard-Blatts, das ist menschlich schwer verkraftbar. Es rechtfertigt aber nichts. Wulff offenbart ein Macht-, Selbst- und Politikverständnis, das ihn und sein Amt weiter beschädigt.

Gregor Mayntz in der Rheinischen Post: Darf ein Bundespräsident unter Drohungen und wüsten Beschimpfungen kritische Berichterstattung zu verhindern versuchen? Es ist nicht verboten. Aber wer Schaden vom Amt fernhalten will, der tut das nicht. "Wer mit der Bild-Zeitung im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten." Das hat Springer-Chef Matthias Döpfner als Prinzip des Boulevard-Journalismus verraten. Den Knopf nach oben bzw. unten hat Wulff selbst verwechselt.

Stefan Aust im Interview mit WDR 2: Das macht einen ja wirklich fassungslos – das klingt fast wie ein politisches Selbstmordkommando, was er da vollzogen hat. Ich kann das gar nicht verstehen. Natürlich habe ich auch in meiner Zeit als "Spiegel"-Chefredakteur häufig Anrufe von Leuten gehabt, von Politikern, Wirtschaftsleuten, über die wir berichtet haben. Entweder haben sie sich nachträglich beschwert oder sie haben vorher mal angerufen. Aber dass jemand Drohungen, für die er sich dann ja auch anschließend offenbar entschuldigt hat, auf Mailbox, also auf den Anrufbeantworter, auf Tonband spricht – das habe ich noch nie erlebt. Und so etwas Irres, ehrlich gesagt, ist mir noch nie vorgekommen.

Ulf‘>: Ein Bundespräsident, der sich in dürren Worten zur Pressefreiheit bekennt, um sie in entscheidenden Momenten mit Füßen zu treten, erscheint in einer offenen Gesellschaft denkbar deplatziert. Politiker, auch Bundespräsidenten, müssen und sollten keine Heiligen sein, sie können in ihrem vorpräsidialen Leben auch richtige Böcke geschossen haben, aber sie müssen aus solchen Fehlern lernen und eine Art erstrittene Integrität erlangen, die ihr künftiges Handeln prägt.

Christian Bommarius in der Frankfurter Rundschau: Als im Jahr 1863 der Zeitungsverleger Horace Greeley, ein berühmter Gegner der Sklaverei und Befürworter des Krieges gegen die Südstaaten, selbst nach Ansicht seiner Anhänger in der von ihm gegründeten New York Tribune seine Ansichten zu radikal verfocht, mobilisierten seine politischen Widersacher den Mob, der das Redaktionsgebäude in Flammen setzte. Die Auseinandersetzung kostete 22 Menschenleben. Seitdem schrieb Greeley seine Leitartikel im Schutz von Schnellfeuergewehren, Bomben lagen bereit, und Angreifern konnte durch einen Schlauch das heiße Wasser einer Dampfmaschine entgegengespritzt werden.

Vermutlich hat der Bundespräsident nicht an diese martialische Form des Konflikts gedacht, als er der Bild-Zeitung „Krieg“ für den Fall ihm unangenehmer Veröffentlichungen androhte. Waffengewalt ist – selbst in den zuweilen rüden Auseinandersetzungen zwischen Politik und Medien – in den westlichen Gesellschaften verpönt. Die Knüppel, mit denen Politiker heutzutage auf missliebige Journalisten einzuschlagen pflegen, haben die Form von Paragrafen. Davon allerdings gibt es ein reich gefülltes Arsenal. Und es sagt einiges über die derzeitige mentale Verfassung des Bundespräsidenten, dass er sogleich drohte, zum gröbsten Knüppel zu greifen: der Strafanzeige.

Alexander Kissler auf Focus Online: Irgendwo wird gewiss bald eine Abschrift der Mailbox-Raserei Wulffs erscheinen, mit Schwärzungen vielleicht an jenen Stellen, an denen Wulff gar zu drastisch die Grenzen des Schicklichen hinter sich ließ. Dann wird die eine oder andere weitere „Enthüllung“ lanciert werden, vielleicht ein neues Finanzierungsmodell oder eine Ferienreise betreffend, und dann wird Christian Wulff mit starrem Blick und übermüdeten Augen vor die Kameras treten und das „Kesseltreiben“ gegen seine Familie beklagen. Das ist so vorhersehbar wie traurig. Und vielleicht wird er den Raum nicht mehr in jener Funktion verlassen, in der er ihn betreten hat.


Kommentar: Ein Präsident fällt aus der Rolle: Die Selbstdemontage des Christian Wulff – weiter lesen auf FOCUS Online: http://www.focus.de/politik/deutschland/kommentar-ein-praesident-faellt-aus-der-rolle-die-selbstdemontage-des-christian-wulff_aid_698863.html

Stefan Niggemeier auf Spiegel Online: Der Bundespräsident spricht dem "Bild"-Chef erzürnt auf die Mailbox, der Anruf wird durch andere Medien bekannt. Der sonderbare Vorgang markiert das Ende einer Symbiose, die lange bestens funktioniert hat: "Bild" bekam die schönsten Geschichten von Wulff, Wulff die schönsten Geschichten von "Bild".

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