2011 und das vermaledeite G-Wort

Jetzt ist das Jahr auch schon fast wieder rum. Man hat ja zum Ende hin oft schon vergessen, was am Anfang los war. Den Bizzarro-Auftritt von Monica Lierhaus bei der “Goldenen Kamera” zum Beispiel: Februar. Die Show zum Eurovision Song Contest: Mai. Aber wer kriegte das Bambi für das “TV Ereignis des Jahres” - Thomas Gottschalk für sein Mallorca-”Wetten dass..?”. So viel dazu. Hat irgendjemand "Frauenfußball" gesagt? Nein? Gut. Und dann war da noch diese Sache mit der Glaubwürdigkeit.

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Sie wissen schon: Guttenberg, Wulff, Kachelmann, Strauss-Kahn und Konsorten. Wem kann, bzw. konnte man was glauben? Das war eine ganz große Frage, die in diesem Jahr aufgeworfen, aber nur teilweise, wenn überhaupt beantwortet wurde. Wem kann man glauben? Dem Mannheimer Landgericht? Alice Schwarzer? Der Kirche vielleicht? Die sollte in Sachen Glauben ja so etwas wie eine gewisse Grundkompetenz besitzen und immerhin war der Papst auch schon da und die Kapelle Rumtata (Westernhagen). In Deutschland nämlich und es war ein großer Auftrieb. Aber wer glaubt ihm denn, dem Papst, dem Benedikt, dem XVI? Immerhin hatte die Kirche 2011 ihre eigene Glaubwürdigkeitskrise. Stichwort Missbrauchskandal, Jesuitenkolleg, Odenwaldschule und so weiter. Das ganze Programm, würde Dittsche vermutlich sagen. Aber muss dann die eine Katholikenschule ausgerechnet St. Blasien heißen?

A propos. Die katholische, hüstel, Mediengruppe Weltbild hatte auch Ärger. Während der Papst in Freiburg und anderswo die neue Vergeistlichung predigte, machten die Bischöfe dank Weltbild Reibach mit Büchern wie “Schlampen-Internat”, “Vögelbar” oder “Anwaltshure”. Und jetzt muss die ganze Weltbild-Gruppe verkauft werden – wegen der Glaubwürdigkeit. Und das schöne Geld ist bald futsch. Naja.

Wem sollen wir also glauben, wenn nicht der Politik (Guttenberg, Wulff) oder Kirche (St. Blasien)? Vielleicht dem Internet! Schwarm-Intelligenz ist das Stichwort. Man bekommt seine Nachrichten nicht mehr aus der Zeitung, sondern von diesen “Freunden” permanent frisch herangereicht. 2011 war im Internet das Jahr von Google+. Dieses neue Netzwerk von seinem freundlichen Such-Monopolisten aus Mountain View. Erst war ich froh, drin zu sein, und dann? Dann guckte ich doch lieber Urlaubsbilder von früheren Schulkameraden bei Facebook an.

Jetzt werden Sie völlig zurecht fragen: Ja, aber was war denn nun die App des Jahres!? Denn Apps, das weiß ein jedes Kind, sind der neue Sex. Und nicht etwa “Arbeit”, wie der gute alte Stern jüngst titelte. Lange, sehr lange habe ich überlegt und für mich ist die App des Jahres…. “World of Goo”. Dieses iPhone/iPad Spiel, bei dem man mit kleinen Schleimbällen aberwitzige Gerüste baut. Eigentlich kein Spiel, sondern ein liebenswert schrulliges kleines Kunstwerk. Im Apple Rewind App Rückblick landete es leider nur auf Platz 2 bei den iPad-Spielen.

Und Print? Was ist denn mit Print verdammt! Da fällt einem für so eine Jahresend-Betrachtung bestürzend wenig ein. Nicht dass alles schlecht wäre, im Gegenteil. Print ist ja eine Bank. Also jetzt nicht im Finanzmarkt-Sinne, das wäre prekär. Mehr so im Holz-Sinne, eine Bank, auf der man sitzen kann. Ist ja auch das "Holz-Medium", wie manche augenzwinkernd nicht müde werden mitzuteilen. Die Rendite, sie strömt oder plätschert. Je nach dem. Und die Auflage, sie sinkt langsam danieder im Abendrot. Der Herbst, wenn die bunten Blätter fallen, ist ja für viele die schönste Jahreszeit überhaupt. Aber mal im ernst: was bleibt von Print 2011 im Gedächtnis? An das unwürdige Trauerspiel der Focus-Chefredakteurs-Nachfolge-Soap wollen wir ja nicht wirklich erinnert werden. Oder? Also denken wir lieber an etwas Erbauliches. Das MUH-Magazin zum Beispiel. Das Heft mit dem treffenden Untertitel “Bayerische Aspekte” befasst sich angenehm unaufgeregt, originell und detailversessen in einem erfrischenden Plauderton mit allem, was Bayerisch ist. Das mag für Menschen nördlich der Weißwurst-Linie befremdlich wirken, wenn man da jetzt mit einer Zig-Seiten-Strecke über die "Biermösel Blosn" konfrontiert wird oder es eine Fotostrecke mit Jagdsitzen zu beschauen gibt, aber die Machart macht’s. Die MUH ist nämlich vor allem eines: authentisch. Man könnte auch sagen: glaubwürdig. Oh je. Sieht fast so aus, als würde uns das vermaledeite G-Wort auch im nächsten Jahr noch beschäftigen.

So, das war’s. Noch was vergessen? Ach ja: Harald-Schmidt-Comeback – Quote mies, Sprüche gut. “The Voice of Germany” – endlich welche, die singen können usw. Wer macht jetzt eigentlich “Wetten dass..?”? Bin Laden tot. Haufenweise Katastrophen (Fukushima, Utoya, Steve Jobs). Aber auch: arabischer Frühling. Und der dringendste Wunsch für 2012: Bitte, bitte, bitte KEIN neues Buch von Jürgen Todenhöfer.

In diesem Sinne guten Rutsch und auf ein fröhliches neues Medienjahr!

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