Der unsinnige E-Mail-Bann bei VW

Kurz vor Weihnachten sorgte der Autobauer Volkswagen für Diskussionsstoff mit der Meldung, dass Firmen-Blackberrys künftig nach Feierabend keine E-Mails mehr empfangen. Der Betriebsrat hat die ungewöhnliche Regelung ausgehandelt, die freilich nur für Angestellte mit Tarifbindung gilt. Damit soll ein Beitrag zur Work-Life-Balance der VW-Mitarbeiter geleistet werden. An der Realität dürfte der verordnete E-Mail-Bann nach Feierband freilich komplett vorbeigehen.

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Betroffen von der neuen Regelung sind 1.154 VW-Mitarbeiter, die sowohl einen Firmen-Blackberry haben als auch tariflich gebunden sind. Mitarbeiter ohne Tarifbindung oder Führungskräfte dürfen auch bei VW nach wie vor rund um die Uhr Mails empfangen. Für die anderen werden die Blackberry-Mailserver erst eine halbe Stunde vor Dienstbeginn hochgefahren und eine halbe Stunde nach Dienstende wieder runtergefahren. Die Blackberrys können dann zwar noch als Mobiltelefon benutzt werden, aber keine Mails mehr empfangen.

Was auf den ersten Blick aussieht wie eine fürsorgliche Maßnahme für gestresste und Burn-out gefährdete Mitarbeiter, entpuppt sich auf den zweiten Blick als Stechkarten-Denke aus der vor-digitalen Zeit. Will Volkswagen einem Teil seiner Mitarbeiter tatsächlich vorschreiben, wann und wie er zu kommunizieren hat? Damit geriert sich VW eher wie eine niedersächsische Provinz-Behörde als ein Weltkonzern. Der Betriebsrat schafft hier eine Art Zwei-Klassen-Kommunikationsgesellschaft innerhalb eines Konzerns. Während die einen up-to-date sind, dürfen die anderen in ihrer Betriebsrats-Blase nur zu festgelegten Geschäftszeiten kommunizieren. Dabei ist es ja gerade Sinn und Zweck von Geräten wie Blackberry oder iPhone, dass man seine Mails eben auch unterwegs lesen und bearbeiten kann. Der Betriebsrat hätte den Leuten ihre Blackberrys genau so gut wegnehmen können.

Das Abkoppeln vom Mailserver wird den Druck auf Mitarbeiter nämlich nicht senken. Eher im Gegenteil. Außerhalb des vom Betriebsrat durchgeboxten Blackberry-Banns hört die Welt nämlich nicht auf, sich zu drehen. Und die zwangsweise abgehängten VW-Blackberry-Knechte werden sich nun winden und müssen sich ständig fragen, was sie da wohl gerade wieder verpassen, welche womöglich wichtige Kommunikation an ihnen vorbeigeht. Auch das kann Druck erzeugen.

Statt von oben verordneter E-Mail-Geschäftszeiten sollte man lieber an einer offenen Firmenkultur arbeiten. Richtig eingesetzt können Geräte wie Blackberry, iPhone oder Android-Handy nämlich durchaus auch zur Entlastung beitragen – etwa indem man von unterwegs oder zuhause Einiges auf dem kurzen Kommunikationsweg via Mail schnell erledigt, ohne dass man dazu physisch im Büro präsent sein muss.

Der E-Mail-Bann bei VW führt dagegen dazu, dass die körperliche Anwesenheit des Mitarbeiters in seiner Bürozelle zum höchsten Gut der Firmenkultur verklärt wird. Showsitzen statt gelebte Flexibilität. Das ist Betriebsratsdenke von vorgestern. Richtig ist, dass die immer schnellere Taktung der Kommunikation in der Arbeitswelt für Probleme sorgt, die man angehen muss. Vom Betriebsrat durchgesetzte E-Mail-Zeiten sind dafür aber der falsche Weg. Für die Betriebsratsinitiative bei VW gilt der alte Spruch: Gut gemeint ist schlecht gemacht. Jede Wette, dass diese Regel kein Jahr Bestand haben wird.

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