„Wulff entlässt seinen treuesten Mann“

Alle Schuld dem Sprecher: Neben seiner überfälligen Erklärung zur Kreditaffäre entließ Christian Wulff am gestrigen Donnerstag öffentlichkeitswirksam seinen Sprecher Olaf Glaeseker. Der 50-Jährige ist aber nicht irgendein PR-Mann, sondern, wie die Bild in ihrer Aufmacher-Zeile verkündete Wulffs „treuester Mann“. Für die meisten Kommentatoren steht fest: „Glaeseker hat Wulffs Karriere erst möglich gemacht“ (Stern). Über die Entlassungsgründe gibt es unterschiedliche Deutungen.

Anzeige

Am Donnerstag wurde zuerst gemeldet, dass Glaseker selbst um seine Entlassung gebeten habe, weil er befürchtete, dass sich die Affäre auf sein Privatleben ausweiten könnte. Eine ganz andere Geschichte erzählt allerdings die Bild. Nach Informationen des Boulevard-Blattes kursiert unter Wulff-Vertrauten in Niedersachsen die Version, dass es zu einem „handfesten Streit zwischen dem Bundespräsidenten und seinem Sprecher in den letzten Tagen“ gekommen sei. „Die Taktik Glaesekers, allen Vorwürfen nur juristisch zu begegnen“, sei fehlgeschlagen.

In einer Art Kommentar versucht Bild-Vize Alfred Draxler zu erkunden, wie es dazu kommen konnte, dass sich die Wege der „siamesischen Zwillinge“ (Wulff über sich und seinen Sprecher) trennten. 13 Jahre lang beriet der gebürtige Oldenburger den CDU-Politiker. Zuvor war Glaeseker Regierungskorrespondent für die Augsburger Allgemeine und den Schwarzwälder Boten. Draxler schreibt nun, dass die Kritiker von Anfang an gesagt hätten, dass „Berlin nicht Hannover“ sei. Sie sollen gesagt haben, dass die Affäre um Wulffs Privatkredit den Sprecher überfordert habe. Er sei „an seine Grenzen gestoßen“. „Sicher ist“, schreibt Draxler weiter, dass es Anfang der Woche „zum großen Streit kam – und gestern zur Trennung der siamesischen Zwillinge. Was genau vorgefallen ist, werden wir von Glaeseker allerdings nie erfahren. Seine Loyalität zur ‚01’ wird wahrscheinlich niemals enden.“

Majid Sattar merkt für die FAZ an, „dass der Anlass für das Zerwürfnis zwischen Wulff und Glaeseker nun eine Affäre ist, welche die Bild-Zeitung aufdeckte“ und „insofern eine besondere Ironie“ berge. Denn mit Hilfe der Boulevard-Zeitung soll Glaeseker 2006 den Plan ausgeheckt haben, wie man mit der Scheidung des damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten am besten umgehen solle. Das Ergebnis war eine sehr menschelnde Exklusivgeschichte in der Springer-Zeitung.

„Doch gab es bereits am späten Dienstagabend erste Anzeichen für ein Zerwürfnis zwischen Wulff und seinem langjährigen Vertrauten Olaf Glaeseker“, schreibt Sattar. „Zu diesem Zeitpunkt übernahm nämlich faktisch Wulffs privater Anwalt Gernot Lehr die Sprecherrolle. Während Glaeseker nur noch im sogenannten Hintergrund mit Journalisten sprach, teilte der Bonner Rechtsanwalt mit, Wulff habe – anders als bislang angegeben – auch mit dem Unternehmer und Freund Egon Geerkens über die Modalitäten des Kredits gesprochen.“

Die Märkische Allgemeine kommentiert: „Der Preis, den der Bundespräsident für das wenig überzeugende Krisenmanagement jetzt zahlen muss, ist hoch. Es kostet einen Vertrauten, den Wulff seit Jahr und Tag an seiner Seite wusste. Im Falle Olaf Glaesekers, der von seinen Sprecher-Aufgaben entbunden wurde, ist das Wort Vertrauter nicht nur eine Floskel.“

Für die Südwest Presse ist die Trennung des Bundespräsidenten von seinem Pressesprecher „Ausdruck höchster Nervosität und persönlicher Differenzen in Christian Wulffs Umfeld. Ob das Opfer seines Vertrauten den Präsidenten dauerhaft aus der Schusslinie bringt, ist zweifelhaft. Es geht nicht nur um ein kommunikatives Debakel, sondern auch um Wulffs Glaubwürdigkeit und Integrität.“

Nach Meinung von Stern-Autor Hans Peter Schütz hat Glaeseker „Wulffs politische Karriere erst möglich gemacht“. Weiter schreibt Schüt:z „Den ‚Präsidenten-Flüsterer’ haben ihn viele Journalisten genannt. Und der schien jetzt selbst in die Grauzone zu rutschen zwischen Amt und Freundschaften. Er habe zu sehr das Image Wulffs gepflegt, heißt es, ihn zu wenig vor den Fallstricken einer zu engen Bindung an Unternehmer gewarnt. Geriet er gar selbst in diese Stricke?“

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige