„Scripted Reality hat auch Vorteile“

Seit Monaten diskutieren Fernsehmacher über Sinn und Unsinn von Scripted Reality. MEEDIA hat bei TV-Produzenten nachgefragt: Ist in dem Genre alles erlaubt, was die Quote hochtreibt? Und glauben die Profis, dass der Zuschauer durch solche Formate ein bedenkliches, weil falsches Bild von der Realität bekommt? Nein, sagt Thilo v. Arnim vom n3 medialab: "Scripted Reality hat auch Vorteile: die Protagonisten sind nicht mehr gezwungen, ihr eigenes Schicksal bloßzustellen."

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Unsere Frage: "Scripted Reality steht derzeit in der Kritik. Ist bei dem Genre alles erlaubt, was die Quote hochtreibt? Glauben Sie, dass der Zuschauer durch solche Formate ein bedenkliches, weil falsches Bild von der Realität bekommt? Und sollte man Scripted-Reality-Formate deutlicher kennenzeichen?"
Thilo v. Arnim, Regisseur und Producer, n3 medialab GmbH: "Nein, kennzeichnen sollte man nicht. Noch wirkt Scripted Reality dokumentarisch – was  neben der reportagehaften Erzählweise vor allem daran liegt, dass die Darsteller ihre eigenen Texte sprechen. Aber ich denke, dass es sich unter den Zuschauern schon bald herumsprechen wird, dass hier Drehbuchautoren am Werk sind. Bei der ganzen Debatte vergisst man übrigens, dass Scripted Reality einen moralischen Vorteil hat: die Protagonisten sind nicht mehr gezwungen, ihr eigenes Schicksal bloßzustellen. Und das bedeutet auch: als Regisseur muss man sie nicht mehr vor der eigenen Offenheit und Verletzlichkeit schützen."
Oliver Fuchs, CEO Eyeworks Germany GmbH: "Nein, es ist nicht alles erlaubt, was die Quote hochtreibt. Die Verlockung ist aber, dass man für den schnellen Effekt alle Register zieht. Der Zuschauer ist mündiger als gemeinhin angenommen. Er weiß, worauf er sich einlässt, wenn er ein Scripted-Reality-Format schaut. Es gibt natürlich Ausnahmen, aber man sollte sich nicht an Minderheiten festbeißen.
Das Interessante an Scripted Reality ist, dass es ein Phänomen des Nachmittags ist. Die Frage ist, wie erfolgreich diese Formate langfristig in der Prime Time wirklich sind.
Als gewinnbringendes Beispiel möchte ich "Berlin – Tag & Nacht" heranziehen, das mit neun Prozent Marktanteil sehr gut läuft. Das Interessante an dem Format ist, dass es sich gerade zur Soap wandelt, die Schauspieler werden zum Beispiel besser. Die nehmen den Autoren aber immer noch Arbeit ab.
Kennzeichnen würde ich diese Formate, wenn sie rein fiktional sind, prinzipiell nicht. Wenn allerdings die Realität nachgestellt wird und auf echten Fällen basiert, dann würde ich das machen."
Axel Kühn, Geschäftsführer SHINE Germany Film- und Fernsehproduktion GmbH: "Das Tolle am Fernsehen ist doch, dass ich nicht gezwungen bin, etwas zu gucken, das ich nicht gucken will. Zugegeben, die Scripted Realities am Nachmittag machen es mir schon verdammt leicht wegzuschalten. Aber jedem das Seine. Aus Produzentensicht wird es allerdings zunehmend schwieriger, da die Zuschauer die Intensität und Dichte der ‚falschen‘ Realität auch mehr und mehr von ‚echten‘ Reality-Programmen zu erwarten scheinen.
In anderen europäischen Ländern können wir inzwischen eine Gegenbewegung beobachten: So genannte Multi-Rigg-Documentaries. Dokumentationen, die komplett mit ferngesteuerten Kameras gedreht werden. Kein Redakteur, kein Kameramann vor Ort. Keine Beeinflussung. Also sozusagen das ‚echteste‘ Fernsehen, das es bisher gab. Die Zuschauer scheinen danach zu lechzen. Hoffentlich auch bald bei uns."

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