„Ich würde alles genauso wieder machen“

TV-Autor Jens Oliver Haas, 44, schreibt jene Worte, die Hape Kerkeling, Sonja Zietlow, Florian König oder Atze Schröder Sprache verleihen. Zusammen mit Micky Beisenherz, 34, ist Haas Urheber sarkastischer Dschungelcamp-Texte der Moderatoren Sonja Zietlow und Dirk Bach. "Türenexperte" Haas, der bei Bild kündigte, als man ihn in der Chefredaktion wollte, sprach in Ismaning mit Christopher Lesko in einem zweiteiligen Interview erstmalig ausführlich über die Stationen seines Lebensweges.

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Jens Oliver Haas, können Sie mir in ein paar Sätzen beschreiben, wer genau hier vor mir sitzt?
Ich soll mich selbst beschreiben?
Ich fühle mich verstanden.
Im günstigsten Fall, der den Sie eingeladen haben: Ein Autor, der beim Fernsehen arbeitet und viel über das Fernsehen erzählen kann. Vielleicht sogar Interna. Das wäre die berufliche Antwort auf die Frage. Oder wollen Sie auch noch wissen, welcher Mensch vor Ihnen sitzt?
Langsam wird es mir unheimlich mit dem Verständnis.
Ich komme so langsam dahinter, wer vor Ihnen sitzt. Geben Sie mir zehn Jahre, dann kann ich es Ihnen genau sagen. Vor Ihnen sitzt ein Mensch, der mit sich relativ zufrieden ist, der seinen Job liebt und sein kleines, privates Umfeld verehrt.
Können Sie mir die Einschränkung erklären?
Welche?
"Relativ" zufrieden.
Mit sich selbst komplett zufrieden zu sein, ist ein Fehler, den ich nicht machen möchte. Das ist in meiner Arbeit so, dass ich vor jedem neuen Job einen Riesen-Respekt habe und Angst habe, ihn nicht hinzubekommen. Es ist Teil meiner Erziehung und meines Lebens, stets zu versuchen, das Beste hinzubekommen, ohne davon auszugehen, dass ich es auch schaffe. Auch das treibt mich an. Es gibt sehr wenige Dinge, in denen ich mich für gut oder sehr gut halte, obwohl ich in meinem Leben einiges gut und auch einiges sehr gut gemacht habe. Sich selbst daran zu messen und immer noch ein Stückchen besser zu werden, ist manchmal Anreiz und Bremse zugleich. Ich glaube, man bleibt wach, wenn man sich nicht zu sicher ist.
Und über die Frage hinaus, wer Sie sind: Wozu sind Sie?
Ich finde es vermessen davon auszugehen, dass man für sein Leben eine Aufgabe hat. Wenn ich es beruflich eingrenzen kann: Beruflich ist meine Aufgabe gut zu unterhalten. Diese Aufgabe ist erfüllt, wenn Zuschauer manchmal schmunzeln, sich gut unterhalten fühlen, vielleicht sogar etwas lernen.
"Aufgabe" ist also eines Ihrer Lieblingsworte.
Sie haben danach gefragt.
Ich habe nach dem "Sinn" gefragt. Das könnte viel mehr sein als eine Aufgabe: Familie und Kinder etwa. Okay, lassen Sie uns streiten. Können Sie gut streiten?
Nein, ich bin ein schlechter Streiter. Ich verliere bei richtigen Streits, weil ich zu fair bin.
Welche Frage sollte ich Ihnen innerhalb unseres Gespräches auf gar keinen Fall stellen, und wie hieße die Antwort darauf?
Ich bin relativ unverbaut, und ich bin nicht operiert. Ich habe in meinem Leben wenige peinliche Sachen gemacht, habe keine Leiche im Keller und habe mir das meiste, was ich besitze, selbst erarbeitet: Sie können mir jede Frage stellen. Geben Sie mir einen Joker. Aber auf die Frage, die Sie mir nie stellen dürften, glaube ich, möchte ich ganz besonders gerne antworten.
Das meiste….
Sie lieben Einschränkungen, oder?
Ich habe ja selbst so viele. Zurück zum Streit: Gäbe es ein Thema, welches sich anböte? Bleiben Sie bitte fair bei der Antwort.
Über das Thema Anspruch.
Geht es noch ein wenig abstrakter?
Ganz im Ernst: Über das Thema: Was ist anspruchsvoll. Fernsehen, Gespräche, Bücher? Und über das Thema Intelligenz.
Vorbei ist es mit der Fairness. Ich als Außenstehender verstehe vom zweiten Thema eher weniger.
Gerade über das Thema vorausgesetzter Intelligenz von Rezipienten könnten wir uns trefflich streiten. Diskutieren könnten wir auch noch über Kochen. Tut mir leid – ist sehr Mainstream. Beschäftigt mich aber.
Ich möchte gerne mit Ihnen auf Ihren 44-jährigen Weg schauen. Wohin und zu wem sind Sie denn in diese Welt geworfen worden?
Dann gehen wir zurück nach Frankfurt am Main – geboren 1967 als Sohn einer Spanierin und eines kleinen Beamten. Der kleine Beamte ist – glaube ich- derjenige, der mich in meinem Leben am meisten geprägt hat. Ich bin ihm lange ein wenig hinterhergerannt und habe erst vor zwanzig Jahren damit aufgehört, als ich merkte, dass ich an ihm vorbeigeschossen bin. Mein Vater ist Hauptschulabsolvent und hat es irgendwie geschafft, ohne Abitur zum Hochschuldozenten zu werden. Man hat ihm an der Hochschule für Verwaltung in Wiesbaden sogar eine Professur angeboten. Er ist ohne Abitur und mit dem falschen Parteibuch als Ordnungsdezernent Leiter des Ordnungsamtes in Frankfurt geworden. Er hat z.B. das Sicherheitskonzept für die WM 2006 entwickelt. Er hat alles, was er von sich selbst verlangte, auch von mir als seinem Ältesten verlangt. Ich bin also ziemlich stramm erzogen worden: Auf Leistung, Wirkung und Ergebnis. Ich wäre nicht da, wo ich jetzt bin, ohne diese Erziehung. Aber sie steht mir auch ein wenig im Weg: Man muss davon auch wieder runterkommen, sich daran zu orientieren, was man erreicht hat und andere über einen denken. Das hatte also Positives und Negatives zugleich. Ich bin zum Beispiel aufs Gymnasium gegangen, weil mein Vater wollte, dass „sein Ältester“ dies tut. Gegen alle Widerstände von Lehrern hat er mich durch eine Probewoche auf dem Gymnasium gepeitscht. Sonst wäre ich wahrscheinlich heute maximal Magistratsrat in Frankfurt. Was mein Vater mir mitgab, war Schatten und Sonne gleichzeitig. Für diese Erziehung, manchmal übrigens auch unter Einsatz der flachen Hand, konnte man ihn hassen und lieben. Damals hassen und heute lieben.
Das Kreuz jeder Erziehung. Orientierung zu genießen, sich irgendwann freizuschwimmen und seins zu finden. Hatten Sie Geschwister?
Ja, meine Schwester ist vier, mein Bruder zehn Jahre jünger. Als Ältester hatte ich noch die ungeteilte Aufmerksamkeit. Und ich hatte den ungeteilten Druck. Ich habe für die Jüngeren manches durchgekämpft, hatte aber auch dafür das Bewusstsein, was es wert war, es durchgekämpft zu haben.
Ihre Mutter war zuhause?
Sie war zuhause, hat als Friseurin gearbeitet, bis zu meiner Geburt, und danach bald auch wieder. Ich war also irgendwann Schlüsselkind. Meine Mutter sprach bei meiner Geburt kaum Deutsch. Wenn ich meinen Eltern bis heute irgendetwas ankreiden sollte, dann nicht zweisprachig erzogen worden zu sein, obwohl es eigentlich auf der Hand lag. Damals sah man das noch anders, war noch nicht so weit wie heute, und hatte noch so ein bisschen Angst, "dass der Junge zum Kanaken wird", wenn er nicht deutsch erzogen wird. Wenn ich die Uhr zurückdrehen würde, würde ich in den letzten Jahren, so glaube ich, alles noch einmal genauso machen – auch die Fehler. Ich würde nur gerne zweisprachig erzogen worden sein.
Lassen Sie uns das mit den Fehlern parken, vielleicht frage ich später noch dazu.
Können Sie gerne machen, da bekommen Sie keine andere Antwort. Ich habe schnell mal im Kopf alles durchgeackert. Ich würde alles noch einmal genauso machen, auch die richtig miesen Sachen.
Bei derartigen Sätzen wächst ja doch Interesse an einer Stelle, wo es biographisch zum Verlauf dieses Gespräches noch gar nicht passt.
Das kann ich mir vorstellen. Ich würde es Ihnen wahrscheinlich sogar erzählen.
Also, Ihren Vater haben Sie nicht nur geachtet, sondern bewundert.
Extrem. Aus dem, was er mit bekam, hat er nicht nur das Beste gemacht, sondern viel, viel mehr.
Gab es denn irgendetwas, was Ihre Mutter Ihnen so hat mitgeben können, dass es Ihnen für Ihr Leben hat helfen können?
Ja, sie hat mir etwas mitgegeben, was erst spät gekeimt und den sehr prägenden Einfluss meines Vaters abgemildert hat. Mein Vater hat mich nie in den Arm genommen. Ich selbst habe das später auch nie getan. Eigentlich bin ich diesem Phänomen erst in der Bussi-Bussi-Gesellschaft der Medien begegnet. Dass ich das dann überhaupt konnte, habe ich meiner Mutter zu verdanken. Sie als Spanierin hat mir jene besondere Form von Wärme und Liebe mitgegeben, die dazu führte, dass ich mich einerseits doch nicht so entwickelt habe, wie mein Vater es sich gewünscht hätte und andererseits doch erfolgreicher bin, als er es sich hätte vorstellen können.
Ich will Ihnen mal sagen, dass ich das schade finde, wenn Väter Kinder nicht in den Arm nehmen können.
Ja, aber er selbst wurde so erzogen, das gab es halt nicht. Als ich meine Frau kennenlernte, vor mehr als zehn Jahren, kam ich das erste Mal nachhause und nahm meinen Vater, weil ich mich so fühlte, zur Begrüßung in den Arm. Er verwandelte sich in einen Sack Zement und konnte damit überhaupt nicht umgehen, In diesem Moment ist mir bewusst geworden, was bei mir in den letzten 10 Jahren alles an Entwicklung passiert war.
Haben Sie eigentlich noch Kontakt zu allen Mitgliedern Ihrer Herkunftsfamilie? Was ist aus Ihren Geschwistern geworden?
Mein Bruder ist bei der Stadt Frankfurt.
Beim Ordnungsamt?
Bei der Zulassungsstelle unter meinem Vater. Und meine Schwester ist bei der Stadt Bad Camberg. Meine Eltern sind geschieden. Es gab mal eine Zeit, da war meine komplette Familie beruflich bei der Stadt Frankfurt. Alle unter meinem Vater und: alle außer mir.
Wenn ich den Bezug zu Sprache, zu Worten und Ausdruck als Entwicklung eines emotionalen Zuganges bezeichne: In welchem Alter haben Sie Kontakt und Bezug zu Sprache einerseits und Humor andererseits entwickelt?
Irgendwann habe ich lesen gelernt und begonnen alles zu lesen. Und wenn ich sage alles, meine ich alles: vom Etikett der Shampoo-Flasche bis hin zu Max Frisch. Ich habe Homo Faber gelesen, als ich zwölf war. Keine Ahnung, wie ich auf die Idee gekommen bin. Mit zehn habe ich mir Sütterlin beigebracht, weil ich bei meiner Oma einen Koffer mit alten Büchern fand. Johanna Spyri´s "Heidi" war mein erstens Sütterlin-Buch. Ich habe alles gefressen, was ich lesen konnte. In der Stadtbücherei in Schwanheim hatte ich eine Sondergenehmigung, die mir erlaubte, mehr als die erlaubten fünf Bücher mitzunehmen. Ich durfte sieben mitnehmen, weil die wussten, dass ich ne Woche später wieder da bin. Geschrieben habe ich damals nicht. Oder so, wie die Fantasie-Welten in den Büchern, die ich las. Das hat in der Schule niemanden interessiert. Ich schrieb mal einen Aufsatz in Englisch: Science Fiction. Meiner war großartig. Ich dachte, das wird ’ne Eins. Ich habe eine Fünf bekommen.
Sie schrieben über die Parteigründung der Grünen durch kleine grüne Männchen?
Nein. Die wollten schon eine Geschichte von UFO-Landungen mit kleinen grünen Männchen haben. Ich aber hatte ein Weltraumabenteuer mit Zeitmaschine geschrieben. Aus meiner Sicht toll, aber es war nicht das, was der Lehrer im Kopf hatte. Dass ich mich heute noch daran erinnere, hat ja etwas zu bedeuten: Ich habe damals festgestellt, was Du schreibst, will wohl keiner lesen. Also habe ich aufgehört zu schreiben. Das kam dann erst viel später wieder, als ich Journalist wurde.
Wozu?
Was?
Wozu Journalist?
Ach, das würde jetzt toll klingen, zu sagen, das wäre tief in mir verankert gewesen. Ich glaube, ich wollte Journalist werden, weil wir alle dachten, Journalisten würden Sportwagen fahren, schöne Sakkos tragen und durch die Welt reisen. Und dann bin ich es irgendwann geworden: Mit viel Glück und ein bisschen Können, habe geschrieben und festgestellt, dass ich wirklich schreiben konnte.
Wie genau entstand denn dieser Weg?
Zunächst habe ich nach einem Studiengang geschaut: Entweder klassisch auf Katholisch Eichstätt, oder auf einer der großen Medien-Universitäten. Da dafür mein Abi zu schlecht war, blieb nur Medienwissenschaften, Amerikanistik und Germanistik in Marburg. Parallel habe ich bei einer kleinen Zeitung, dem Gelnhäuser Tageblatt, angefangen als freier Journalist zu arbeiten: VDK-Jahreshauptversammlungen, Chor-Veranstaltungen, und die Kaninchenzüchter habe ich betreut. Ganz furchtbar. Immer mit zwei Fotos, auf denen die gleichen Menschen immer gleich nebeneinander standen. Und immer das gleiche Geschreibsel. Das Studium ging so halbwegs. Ich musste das machen, was ich gar nicht kann: Germanistik, Deutsch-Grammatik. Und dann war es lustigerweise mein Vater, der mir über Beziehungen bei der Bild in Frankfurt ein Praktikum besorgte. Ein vierwöchiges Praktikum beim Klassenfeind. Da bin ich hängengeblieben. Damals wurde nach Anstrich bezahlt. Der Redaktionsleiter setzte sich morgens hin, las die Artikel und schrieb dazu, von wem der Text war und wie viel er dafür bekommt. In den vier Wochen schaffte ich es, die höchste Anstrichsumme zusammenzubekommen, die jemals ein Praktikant erhielt. In einem Monat waren das als Praktikant 3980 Mark.
Nee..
Über Anstrich. Dann fragten sie mich, ob ich öfter mal kommen wollte, als Aushilfe an Wochenenden. Das habe ich gemacht. Dann habe ich 3-4 Tage die Woche dort gearbeitet und gemerkt, ich bekomme das alles nicht mehr unter einen Hut.
..und haben das Studium geschmissen. Tschüss, Grammatik.
Genau. Ich habe studiert, war wissenschaftliche Hilfskraft an der Uni und vier  Tage die Woche bei Bild. Das war heftig, ich bin kaum noch zum Schlafen gekommen. Dann habe ich gemerkt: Moment mal, Du studierst, weil Du Journalist werden willst. Du bist aber bereits Journalist.
Kein ganz dummer Gedanke.
Zwei Urlaubssemester pro forma, meine Familie hat aufgejault, und für mich war klar, ich gehe nie wieder an die Uni zurück. Ich habe dann bei der Bild als Reporter begonnen und mich bei Springer als Volontär beworben. Ich bekam zwei Briefe: Im ersten stand, sie lehnten mich ab als Volontär, im zweiten, dass sie mich als Redaktions-Assistent einstellen, und ich in den zwei Jahren an allen Ausbildungskursen der Springer-Schule teilnehmen darf. Ich konnte also als vollwertiger Redakteur mit kleinem Redaktionsassistenten-Gehalt arbeiten und alle Ausbildungsmöglichkeiten nutzen. Bingo!
In welchem Jahr sind wir jetzt etwa?
Kurz nach der deutschen Einheit.
Sie sind ein Magier der Zahlen.
Ich weiß das, weil ich direkt danach für ein halbes Jahr rübergegangen bin und in Chemnitz und Halle zwei Redaktionen mit aufbaute. Karl-Marx-Stadt wurde damals gerade in Chemnitz umbenannt. Vis a vis vom damaligen Hotel Kongress haben wir unter dem Dach mit zwölf Leuten auf 30 Quadratmetern eine Redaktion aufgebaut. Das war sehr lustig. Wenn man da dabei gewesen ist hat man etwas, was einem keiner mehr nehmen kann: Dieses Tempo von Entwicklung war unfassbar. Dann habe ich meine Ausbildung beendet, hatte nicht nur meine Urkunde der Axel-Springer-Journalistenschule, sondern auch  Erfahrungen in den Redaktionen von Frankfurt, Chemnitz, Halle und der Bundesredaktion in Hamburg. Und ich hatte meine zweite Berufsausbildung. Soldat war ich auch noch.
Soldat – weil? Ordnung?
Nein.
Deutschland!?
Um Gotteswillen, nein. Ich bin normal gemustert worden und habe unglaublich gut dort reingepasst. Bund hieß: erbarmungsloser Drill, Disziplin, sehr viel Sport. Das hat mir körperlich gut getan, und ich habe zum Thema Drill das klar strukturierte System gut verstanden.
Na ja, durch Ihren Vater hatten Sie ja auch eine gute Vorlage in Richtung Leistung und Ordnung.
Als die Frage kam, wer sich als Reserve-Offiziersanwärter  für zwei Jahre verpflichten wolle, habe ich kurz gerechnet.  Neun Monate länger , dafür eine Anstellung  und statt 300 Mark Sold dann bis zu 1600 Mark. Und hinterher noch eine Abfindung. Mein Zugführer hat mich dafür gehasst, dass ich dann aus der Laufbahn raus bin und ins Geschäftszimmer gewechselt habe. Das war cool, ich hatte mehr Einfluss als alle Unteroffiziere. Ich habe meine Abfindung zurückgelegt und konnte mir mein Studium davon drei Jahre lang selbst finanzieren. Ich habe dort ein wenig Führung gelernt, bin Marathon gelaufen und habe für die Bundeswehr an Europameisterschaften im Biathlon teilgenommen. Beim Bund war es für mich ein bisschen wie bei Bild: Ich habe viel mitgenommen und auch gemerkt, Du darfst Dich nicht vereinnahmen lassen. Ich bin dort auch an Grenzen gestoßen, als ich merkte, 80% der Menschen hatten ihre Autorität auf die Schulter bekommen und nicht in den Kopf.
Der Kopf reicht nicht für Autorität. Rückgrat und das Herz sollten schon noch dabei sein. Wie ging es weiter bei Bild?
Man munkelte, man habe in Hamburg ein Auge auf mich geworfen, weil ich gut schreiben könne. Dann bekam ich plötzlich ein Schreiben mit einem Vertrag auf zwei Jahre. Darin stand: Lieber Herr Haas, wir begrüßen Sie herzlich als Mitglied der Chefredaktion. Da habe ich ein bisschen Angst bekommen, habe gekündigt und mich bei RTL beworben.
Weil Sie dachten, Bild und RTL – soweit ist das auch nicht voneinander entfernt?
Nein, weil ich dachte, Du hast jetzt vier Jahre bei Bild gearbeitet, Du musst jetzt einmal etwas anderes machen. Außerdem konnte ich anhand einiger Kollegen sehen, wo ich landen werde, wenn ich bei Bild noch 10 Jahre weiter mache.
Das ist doch ein interessanter Zeitpunkt. Sie gingen ja nicht an einer Stelle, wo es bei Bild schwierig wurde. Sie gingen, als sich perspektivisch die große Karriere-Tür für Sie geöffnet hatte. Sie sind beim Bund geblieben wegen eines Festvertrages und ein paar hundert Euro mehr. Und wenn die Bild Ihnen die Tür der Chefredaktion öffnet, gehen Sie, weil Sie finden, Sie müssten einfach mal etwas anderes machen?
Die Tür stand offen. Sperrangelweit. Aber ich widerspreche Ihnen. Es ging ja nicht eine Tür auf, die mir viele Möglichkeiten eröffnet hätte, sondern es ging eine Tür auf, die mir nur eine Möglichkeit eröffnet hätte: Karriere machen bei Bild als Chefreporter und als eine – Entschuldigung!- Sau.

Jens Oliver Haas und Christopher Lesko

Haben Sie sich jetzt entschuldigt?
(Lachend) Ja, für das böse Wort. Damals hat mir ein Freund in einer stillen Minute gesagt: "Du bist ganz schön hart geworden!" Ich habe natürlich erst widersprochen, aber: Ich war zwei Jahre Polizeireporter und habe die ganz harten Sachen gemacht: Witwenschütteln, Fotos von Toten organisieren. Der Redaktion In Frankfurt rechne ich hoch an, dass meine moralischen Grenzen stets respektiert wurden. Das Problem der moralischen Grenzen ist aber, dass man sie, will man selbst Erfolg haben, so gleitend verschiebt, dass man es selbst gar nicht mehr merkt. Ich hatte das große Glück einen Freund zu haben, der mich darauf aufmerksam machte. Ich hatte meine Grenzen so weit verschoben, dass ich bereits dort war, wo ich selbst nie hinwollte. Die Tür, die also aufging, hätte mich auf diesem Weg weiter geführt. Ich habe sie zugeschlagen und hatte dadurch plötzlich unbegrenzt viele Wege wieder offen. Karriere wollte ich nicht machen, Heute weiß ich: Ich wollte damals eigentlich herausbekommen, was ich kann. Ich habe in meinem Leben ein paar Türen zugschlagen, durch die ich hätte gehen können. Das war gut.
Sie haben sich also bei RTL beworben. Warum RTL?
Ach, das war die Goldgräberstimmung eines jungen, aufstrebenden Senders. Das klang aufregend neu und nach der Möglichkeit viel auszuprobieren. Und es klang nicht nach der Enge fester Strukturen. RTL hatte damals die Informations-Offensive ausgerufen. Man wollte erwachsen werden. Der damalige Chefredakteur wolle ein Hochglanz-Magazin auf die Beine stellen: Das hieß "Kisch" – nach Egon Erwin Kisch. Er hatte quer aus Deutschland eine Truppe von 20 Leuten zusammengeholt: hervorragende und RTL-untypische Redakteure und Reporter. Darunter auch einen wilden Rechercheur von Bild. Ich war der letzte Vertrag, den er unterschrieb, danach wurde er gekündigt oder ist gegangen. Das Projekt "Kisch" wurde nach einem halben Jahr beerdigt und umbenannt in "Extra". Dann hat Haas 1994 zum zweiten Mal etwas getan, von dem alle sagten: "Wie dumm bist Du denn?". Er hat um Auflösung seines RTL-Vertrages gebeten, nach nur einem Jahr.  Trotz 13. Monatsgehalt, Weihnachts- und Urlaubsgeld und trotz Gewinnbeteiligung. Schon bei der Unterzeichnung des Vertrages wurde einem ausgerechnet wie viel Geld man bekommt, wenn man bei RTL in Rente geht. Ich habe dennoch meinen Vertrag aufgelöst und bin von RTL weggegangen. Ohne zu wissen wohin. Ich habe mir gesagt: Nee, so hatten wir das nicht ausgemacht und geplant: Ich ging zu RTL, weil ich guten TV-Journalismus lernen wollte. Jetzt macht Ihr daraus Boulevard, das kann ich schon. Ich war auch ein wenig beleidigt, glaube ich.

Im zweiten Teil des Interviews spricht Jens Oliver Haas über „RTL Samstag Nacht“, Kerkeling, und „Dschungelcamp“, aber auch über Belastung, Ressourcen und die Schwierigkeiten einer kirchlichen Eheschließung.

Mehr über den Autor: www.leadership-academy.de

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