‘Ich konnte weder Strom noch Heizung zahlen’

Fernsehen Im zweiten Teil des großen MEEDIA-Gesprächs spricht Jens Oliver Haas mit Christopher Lesko über Stromdefizite zu Beginn seiner Entwicklung als TV-Autor, seine Zeit bei "RTL Samstag Nacht", geniale Momente der Kooperation mit Hape Kerkeling und das Leistungsniveau des "Dschungelcamps". Er erzählt von der Zusammenarbeit mit Ehefrau Sonja Zietlow, seinem Abschied aus der Kirche und Momenten der Kraftlosigkeit: "Die Medienbranche hat ein offenes Ohr für Krisen immer dann, wenn sie vorbei sind."

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RTL war Ihre erste Station im TV. Nach Ihrer Verweigerung der Bild-Chefredaktions-Option  haben Sie auch die RTL-Tür nach einem Jahr zugeschlagen. Sie neigen also zum Widerspruch. Wie ging es weiter?
Ich habe mich dann überall beworben und landete bei Sat.1, Redaktion „No Sports“, Reinhold Beckmann, Talk-Show. Wieder etwas Neues. Darüber können wir nicht streiten, wie ich an Ihrem Gesichtsausdruck sehe.
Ich mochte Beckmann gerne, als er bei "ran" war – als Jürgen-Fliege-Klon nicht mehr.
Da kann ich im Nachhinein nur zustimmen… nach einem Dreiviertel Jahr wurde das Projekt auf Beckmanns Wunsch eingestellt, die Firma geschlossen, und ich wechselte aus Verzweiflung als Redakteur zu einer neu zu schaffenden Unterhaltungssendung zur ARD: "Immer wieder sonntags". War eigentlich nicht mein Ding, klang aber lustig. Mal ‘ne andere Art von Unterhaltung. Ich kam also als angestellter Redakteur an meinem ersten Arbeitstag in die Redaktion. Vor mir saßen drei Menschen und sahen mich erwartungsvoll an. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und guckte zurück. Die sahen mich immer noch erwartungsvoll an. Vor mir lag eine Telefonliste, unter anderem mit meinem Namen. Darauf stand: Jens Oliver Haas, leitender Redakteur. Das wurde mir schlagartig bewusst: Du bist hier als Redaktionsleiter angestellt. Das haben sie Dir nur nicht gesagt. Also war ich plötzlich Redaktionsleiter einer Show, von der niemand wusste, ob sie funktioniert. Wir haben also in einem halben Jahr das Format aus dem Boden gestampft. Dann haben wir zehn Life-Shows gemacht – mit Max Schautzer. Ich habe in dieser Zeit alles gemacht: Texte und Abläufe schreiben, Gäste einladen, Regie-Assistenz. Ich habe ein halbes Jahr lang 14 Stunden täglich gearbeitet – sieben Tage die Woche. Zweimal bin ich zusammengebrochen. Das habe ich schön abends und zuhause gemacht, das hat also niemand mitbekommen. Damals habe ich einen Autoren kennengelernt, den ich immer bewundert habe.
Wen und wofür?
Michael Laabs, Künstlername "Kowalski". Ich hatte ihn angestellt, und er schrieb die Moderation für Max Schautzer. Laabs kam immer um 11 Uhr, setzte sich in die Sonne, schrieb ein wenig und ging um 14 Uhr wieder. Fertig. Er bekam aber mehr als doppelt so viel wie ich als Redaktionsleiter. Ich dachte: Mensch, was für ein toller Job. Nach der Generalprobe und vor der ersten Ausgabe von "Immer wieder sonntags" hatten wir eine Sitzung mit dem damaligen WDR-Unterhaltungschef Hugo Göke, der komplett Amok lief: "Es wird keine Sendung geben, so eine Scheiße strahlen wir nicht aus, ich sende lieber einen Spielfilm." Der meinte das ernst. Laabs und ich überzeugten ihn davon, dass wir alles umschreiben durften und noch eine Chance erhielten. Wir hatten Zeit von 17 Uhr bis nachts um zwei. Wir sprachen kurz mit Max Schautzer, setzten uns hin und schrieben alles um. Nachts um ein Uhr schaute Laabs mich an und sagte: "Du bist übrigens kein schlechter Autor. Weißt Du das?" Ich sagte: "Jaja, lass uns mal weitermachen." Um zwei Uhr haben wir abgegeben, und die Sendung wurde gesendet. Aber dieser Satz von ihm blieb haften. Als das Projekt zuende war, und wir zehn Sendungen sauerfolgreich gemacht hatten, habe ich mir zwar als CVD noch einmal einen kurzen Job gesucht, habe mir dann aber gesagt: "So, jetzt bist Du Autor." Ich habe mich dann also als Autor beworben, obwohl ich jederzeit Jobs als Redakteur hätte finden können. Viele haben mir abgeraten und gesagt, das sei dumm.
Wirtschaftlich dumm?
Ja. Wieder so eine Entscheidung, eine Tür von Sicherheit nicht zu nutzen die offen stand. Die Konsequenz: Ich bewarb mich als Autor, aber ich konnte weder Strom noch Heizung bezahlen. Selbst das Telefon hatten sie mir abgestellt. Und ich wusste  damals noch nicht: Du darfst Dich als Autor nie irgendwo bewerben.
Ach. Das wird kulturell behandelt, wie eine Bewerbung als Bundeskanzler oder Vorstandvorsitzender. Man muss also gefragt werden.
Ja. Aber ich hatte auch da Glück. Irgendwann kam ein Anruf von einem Herrn Holger Hoffmann, stellvertretender Redaktionsleiter bei Pacific Productions von Jacky Dreksler, und ich wurde Comedy-Autor bei "Happiness", einem RTL-Format mit Markus Maria Profitlich. Danach zog ich ein Zimmer weiter zu den Autoren von "RTL Samstag Nacht". Ich landete also da, wo alle hinwollten. Und bei dem Format, dass 80 Prozent der Autoren in ihrer Biographie stehen haben, obwohl ich 50 Prozent von denen nie dort gesehen habe. Ich war also Comedy-Autor und hatte das große Glück, bei etwas gelandet zu sein, dass ich richtig gut konnte.
Geiles Format. "Kentucky schreit Ficken!" ist von Ihnen?
Nein. Ich saß dabei, als es entwickelt wurde. Ich kann mich noch an das Essen erinnern: Ralf Betz kam herein und sagte: "Das habt Ihr aber gefickt eingeschädelt." Und Jacky Dreksler antwortete: "Gleich werde ich aber bächtig möse." Hugo Egon Balder schmiss sich weg vor Lachen und dann ist das Ding auf Sendung gegangen. Politisch inkorrekt, aber gut verpackt. Es war eine Zeit vieler fantastischer Ideen. Vieles war intelligenter als politisch korrekte Sketche. Und es war eine Zeit besonderer Freiheit. Einmal kam jemand und sagte: "Wir sollen keine Witze mehr über die Kirche machen." "Wie – wir dürfen keine Witze mehr über die Kirche machen?" "Nein  – wir sollen…".
Danach lief es sicher fast von selbst, oder?
Ja. Ich habe viel Comedy gemacht, z.B.  "Wie bitte", und ich schrieb viele Moderationen. Ich war TV-Autor. (Lachend) Ich habe lange nicht mehr gekündigt, fällt mir gerade ein. Ist ja auch schwierig als Selbstständiger. Immerhin hatte ich lange nicht mehr den Eindruck, ich müsste etwas völlig anderes machen in meinem Leben. Innerhalb des Betätigungsfeldes habe ich das schon getan: Bücher geschrieben zum Beispiel. (Anm. d. Red.: "101 Gründe ohne Frauen zu leben", "Ich darf das, ich bin Jude" mit Oliver Polak, "If… die wahre Geschichte der Welt" mit Martin Perscheid).
Geheiratet haben Sie auch noch. Sonja Zietlow.
2001 und 2002. Und fünf Jahre später nochmal.
Das klingt ebenso übersichtlich wie gierig.
Am 1.11.2001 haben wir standesamtlich in Marburg geheiratet. Ganz geheim, das wusste keiner. Im Mai darauf haben wir kirchlich geheiratet: mit Familien und allen Freunden.
Haben Sie einen Bezug zum Glauben, oder war die kirchliche Heirat Teil eines Prozesses, der irgendwie vorkommen muss?
Die kirchliche Heirat war Teil eines Prozesses, in dem ich mich komplett von der Kirche abgewendet habe.
Also doch noch eine Kündigung.
Wir wollten für uns ganz alleine standesamtlich heiraten und dann noch kirchlich als Event mit Familie und Freunden. Ich habe also versucht, einen Pfarrer oder Priester zu finden, der uns auf einer Finca traut. Meine Frau ist aus der Kirche ausgetreten, geschieden, und niemand bei der evangelischen Kirche wollte uns unterstützen. Ich dachte, das geht doch gar nicht: Dass die Kirche aus Ignoranz verhindert, dass wir an einem Ort, der uns lieb ist, vor Gott unsere Ehe schließen. Was hatte das denn mit Religion zu tun?
Beckmann hätte Sie bestimmt getraut. Nein, ganz im Ernst, diese dogmatische Verweigerungshaltung ist in der Tat sehr schwer zu verstehen. Wie hat es denn dann doch noch geklappt?
Wir fanden einen anglikanischen Priester. Der sagte: "Wenn Sie heiraten wollen, verheirate ich Sie, wo Sie wollen. Wenn es sein muss, im Kopfstand." Da habe ich abschließend begriffen, dass Religion und Kirche nichts miteinander zu tun haben.
Na ja, wie etwa die Bundeswehr, folgt auch die Kirche manchmal unlebendigen Gesetzen eigener Organisationslogik und begründet das mit Ordnung und Orientierung.
Aber die Bundeswehr würde nicht sagen, wir nehmen an keinem Krieg teil, der nicht in unserer Kaserne stattfindet. Da bin ich aus der Kirche ausgetreten.
Glauben Sie denn an Gott, mal unabhängig von Fragen der Kirche?
Ich glaube. Ob ich jetzt an Gott glaube…
Wenn wir mal Glauben an sich selbst weglassen: Gibt es da eine undifferenzierte, spirituelle Instanz, an die Sie glauben?
Ja, wobei ich nicht ausschließe, dass wir die selbst schaffen. Hmh,… jetzt wird’s philosophisch…
Um Gotteswillen – um mal einen ungelenken Wortwitz einzuflechten.
Ich denke, dass Glauben auch dazu genutzt wurde, um an Menschen heranzukommen und von ihnen Sachen zu verlangen, die unlogisch waren: Zum Beispiel zu heiraten, um Frauen abzusichern. Der Gedanke einer Ehe vor Gott galt vielleicht weniger dem Ziel, sich bis ans Lebensende züchtig zu ihr zu bekennen. Er galt vielleicht eher der Idee, sie bis ans Lebensende zu ernähren, auch wenn man keine Lust mehr haben sollte, mit ihr zusammen zu sein. Damals verdiente noch der Mann das Geld. Das ist nur ein Beispiel von vielen. Religion hat viel sehr vernünftige Sachen ins Leben gerufen. Religion war aber auch eine Krücke, die zum Korsett wurde.
Wenn Sie sagen, Menschen hätten Glauben selbst geschaffen und funktionalisiert, wäre Ihr Glaube letztlich der Glaube an das eigene Produkt. Wenn Jens Oliver Haas morgen den Löffel abgibt, ist also der Drops für ihn gelutscht?
Religion ist abgesehen von Essen, Trinken, Sex der größte gemeinsame Nenner auf der ganzen Welt. Ja, wenn mein Löffel weg ist, ist der Drops gelutscht. Vielleicht komme ich ja als Gänseblümchen wieder auf die Welt.
Sie haben für einer ganzen Reihe von Künstlern und TV-Größen Worte in den Mund geschrieben. Erzählen Sie ein wenig über Besonderheiten der Kooperation.
Wenn man als Moderationsautor arbeitet, gibt es grundsätzlich jedes System von Kooperation: Es gibt den Text, den ich schreibe und hinschicke: Der Moderator macht sich ihn dann selbst mundgerecht oder nimmt sich heraus, was er braucht. Es gibt die Variante, dass er sich nur ein, zwei Sätze herausnimmt oder die Variante, dass wir den Text gemeinsam schreiben. Oder ich schreibe die Texte, packe sie ihm auf den Prompter, und er liest sie ab.
Welche Variante ist denn die Ihnen angenehmste?
Die mir unangenehmste Variante kann ich nennen: Ich schreibe etwas, schicke es weg und haben keinen Einfluss mehr darauf, was damit passiert.
Sie haben ja seit einigen Jahren, z.B. beim Dschungel eine Situation, um welche Sie jeder solide Patriarch erbarmungslos beneiden würde: der "eigenen" Ehefrau exakt vorzuschreiben, was sie sagen darf und dafür auch noch bezahlt zu werden.
Grundsätzlich finde ich es fürchterlich, einen Text zu schreiben, ihn auf einen Prompter zu legen, und der Moderator liest ihn ab, weil mir da der eigene Stil des Moderators fehlt. Aber genau dies mache ich mit meiner Frau sehr oft. Das hat aber nichts damit zu tun, dass sie faul ist: Das ist gewachsen, wie haben uns das erarbeitet, und es ist Ausdruck eines von beiden Seiten kompletten, gegenseitigen Vertrauens. Das gilt aber auch nur für wenige Sendungen. In anderen Sendungen sitzen wir da und kämpfen gemeinsam – und gegeneiander- um jeden Satz. Kommt auf das Format an. Zum Beispiel bei "Die Zehn" ist es so: Ich schreib’ die Texte, manchmal liest sie meine Frau nicht einmal vorher. Ich lege sie auf den Prompter, und sie liest sie ab, oder sie interpretiert sie dann vom Prompter.
Und andere Kooperationen?
Abgesehen von meiner Frau: das Größte, was mir je passiert ist, war die Zusammenarbeit mit Hape Kerkeling in der ersten und zweiten Staffel von "Let’s Dance". Wenn ich als Autor etwas schreibe, sehe und höre ich vor meinem geistigen Auge den Moderator diesen Text sprechen. Das ist ganz, ganz wichtig: So lange dies bei mir geschieht, weiß ich, ich schreibe den Text für ihn und nicht für mich. In den meisten Fällen wird man von der Realität ein wenig enttäuscht, und die Moderation bildet das nicht ganz ab. Vielleicht auch, weil ich beim Schreiben innerlich nicht nahe genug dran war, oder die Möglichkeit einer gemeinsamen Vorbereitung nicht vorhanden war. Bei Hape Kerkeling war es so: Ich habe die Moderationsbücher geschrieben, und die waren wirklich gut. Mit das Beste, was ich bislang geschrieben hatte. Er geht raus, und ich bekomme von dem, was ich geschrieben habe, 120 Prozent zurück. Das war bis auf Punkt und Komma zu 100 Prozent deckungsgleich. Sie schauen es sich an, und Sie glauben es nicht. Das ist so auf den Punkt und so sehr "er". An jeder Stelle, wo ich mir eine bestimmte Intonation oder eine Bewegung vorstellte, hat er das exakt so oder noch viel besser gemacht. Das war unfassbar. Es hat einfach gepasst.
Das riefe nach einer Fortsetzung.
Ja, er hat das auch so wahrgenommen. Wir haben häufiger miteinander telefoniert. Als er bei "Wetten, dass..?" war, habe ich ihm ein paar Sachen geschrieben, wir haben auch bei der großen Weihnachtsshow, die er für RTL machte, noch einmal zusammengearbeitet. Damals war ich aber so ausgebrannt, dass ich darum bat, wieder aussteigen zu können. Und danach kamen für eine große Zusammenarbeit nicht mehr die Formate. Immer, wenn wir uns irgendwo trafen, sagte er, wir sollten wieder etwas zusammen machen. Ich würde mich sehr freuen, wenn es sich ergäbe. Hape Kerkeling ist für mich der kompletteste Unterhaltungsmoderator. Und: Mit seinen selbstgewählten Auszeiten hat er für unsere Branche das Sabatical neu erfunden. Heute gilt es als schick, das zu machen.
Mit der Ehefrau innerhalb einer Produktion auch in professionellen Rollen zusammen zu arbeiten, gibt es ja im deutschen TV so nicht noch einmal. Sagen Sie etwas darüber.
Es gibt schon die eine oder andere Kombination: Der Mann ist Autor und die Frau Moderatorin, aber diese Kombis  arbeiten nicht im Metier der Frau zusammen. Das haben wir uns hart erarbeitet, und es ist ein großes Glück. Wir haben uns ja über die Arbeit kennengelernt. Ich war ihr Moderationsautor bei "Der Schwächste fliegt". Als wir zusammen kamen und auch zusammen arbeiteten, haben wir uns so dermaßen gefetzt – das hat so gerappelt! Sie kannte es nicht, Texte geschrieben zu bekommen, und es widerstrebte ihr total, dies einfach so hinzunehmen: "Wo ist denn meine Arbeit als Moderatorin, wenn Du den Text schreibst, und ich sage den einfach?". Und ich sagte: "Wo bitteschön ist meine Arbeit, wenn wir alles, was ich schreibe, solange umändern, bis Du für Dich selbst sagen kannst: Ja, jetzt ist es von mir?"
Beides keine leichten Fragen…
Richtig, beides keine leichten Fragen. Die Wahrheit lag wie immer in der Mitte. Ich musste ihr die Chance geben, Teil des Textes zu sein, und sie musste mir das Vertrauen schenken, dass ich den Text nicht für mich, sondern für sie geschrieben habe. Diese Konflikt-Situationen sind mit der Zeit weniger geworden, und es passte.
Eine meiner alten Überzeugungen übrigens, dass Konflikt Begegnung ermöglicht.
Wir waren ja beide schon ein wenig älter, da ist man glücklicherweise nicht mehr ganz so leicht in eine Form zu pressen. Und dann bedeutet Beziehung für uns ja auch, dass wir uns nicht nur über die Arbeit und die Medienthemen definieren.
Sie beide kümmern sich sehr um Tiere und sind auf einer Finca in Mallorca. Da schließt sich ja auch biographisch auch ein Kreis: Ihre Mutter war Spanierin.
…und hat mehrere Jahre auf Mallorca gelebt.
Das Dschungelcamp als produktionstechnisches Hochleistungs-Szenario bietet ja eine besondere Situation extremer Dichte. Da werden schon mal physische und psychische Ressourcen knapp. Mit welcher Verzögerung spürt man denn die Anstrengung?
Der Dschungel funktioniert auch, weil die ganze Situation so krank ist: Es ist so unmöglich, das alles zu schaffen dort und gleichzeitig haben wir so viele Möglichkeiten, dass dies alle beflügelt. Eine normale Situation ist: Ich schreibe ein Buch, ich kann mich damit beschäftigen und nachdenken. Da draußen habe ich keine Zeit, mir viele Gedanken zu machen, was der Redakteur gerne möchte, sondern ich mache einfach. Und es funktioniert und ist immer noch halbwegs politisch korrekt. Unter Druck funktioniert das gut. Zwischendrin gibt es so um die 7. oder 8. Sendung einen Tag, wo man einfach nicht mehr kann. Man kommt schlecht aus dem Bett, es fällt einem nichts mehr ein, und man hat das Gefühl zwei Synapsen sind nicht mehr miteinander verbunden und der Funke springt nicht mehr über. Da merkt man, wie hart das ist. Wir sind ja zwei Autoren: Micky Beisenherz und ich. Wenn man Glück hat, trifft es nicht beide am gleichen Tag. So richtig merkt man es erst hinterher. Man dreht 16, 17 Tage auf 120% . Danach braucht man 5 Tage Erholung – nur Schlaf und Essen. Wenn nicht der nächste Job schon wartet: Man war ja vier Wochen weg.
Wie regeln Sie denn insgesamt eine vernünftige Balance zwischen Belastung und Entspannung?
Was die Balance und die Ressourcen angeht, lerne ich gerade, das zu regulieren. Als Freiberufler in den Medien ist es ein Problem kürzer zu treten. Meistens habe ich mindestens ein Format, an dem ich aktuell arbeitete, eines in Vorbereitung, zwei in der Pipeline und die, über die man schon spricht. Wenn man nicht aufpasst, geht es nahtlos so weiter. Und man hat immer das Gefühl, weniger geht nicht. Macht man mal sechs Wochen Pause, muss man erst alles abschließen. Und das ist schwer… ich weiß das, weil ich es neulich erst versucht habe.
Und dann muss man innerhalb der Pause auch noch Pause machen können…
Stimmt, da sind von sechs Wochen die ersten drei Wochen schnell verschenkt, weil man wirklich lernen muss nichts zu machen. Unglaublich schwierig.  Nach zehn Minuten Blick auf den schönen Garten kommt der Impuls, in die Mails zu schauen oder zu prüfen, ob der Rasenmäher noch Sprit hat. Das ist echt schwer. Ich habe dann die Zeiten verlängert um zu üben. Bis zwanzig Minuten habe ich es geschafft. Ein wenig helfen da auch die Hunde.
Wenn Sie insgesamt auf Ihre Texte blicken: Gibt es auf der guten und auf der schwierigen Seite des Spektrums Produkte, die Ihnen besonders gefallen haben, und die sie besonders bedauern?
Eine der Moderationen, die ich am meisten mag, habe ich für Hape Kerkeling bei "Let´s Dance" geschrieben: Jochen Horst tanzte einen kubanischen Tanz mit seiner russischen Lehrerin. Hape Kerkeling hat das mit den Worten abgenommen: "Was für eine irre Situation: Ein in England ausgebildeter, österreichischer Schauspieler tanzt auf einer spanischen Insel einen kubanischen Tanz mit einer russischen Tanzlehrerin. Und jetzt muss ein deutscher Moderator mit einem holländischen Nachnamen eine in Amerika lebende Sächsin fragen, und zwar mit schweizerischem Akzent: ‘Kati, wie hat es Dir gefallen?’". (Anm. d. Red.: Katharina Witt)
Der ist schön.
Das war einer meiner guten Momente. Ein schlechter Moment war eine Moderation bei "Die Zehn" für meine Frau zu Harald Glööckler. Wir zeigten eine MAZ in der man erfuhr, dass er als Kind dabei war, als sein Vater seine Mutter totgeschlagen hatte. Meine Frau hat das dann mit den von mir geschriebenen Worte abgenommen: "Ich weiß jetzt nicht, was ich schlimmer finde: seine Geschichte oder seine Mode." Natürlich haben sich darüber sehr viele Leute furchtbar aufgeregt. Das hat weite Kreise gezogen. Meine Frau hat mir gesagt, sie findet es selbst ein wenig schade, dass sie sich nicht vorher das Buch und die MAZ angesehen hat. Sie hätte das sonst so nie gesagt. Ich selbst hatte schon beim Schreiben gemerkt, der war vielleicht ein bisschen drüber. Aber ich habe es nicht geändert – trotz meiner Intuition. Das hat mich am meisten geärgert: Ich hatte vorher schon ein dummes Gefühl dabei und habe nicht darauf gehört. Meine Frau hat sich dann bei Herrn Glööckler entschuldigt, und ich habe die Moderation zwei Jahre später als Reminiszenz in der gleichen Sendung zitiert und mich auch noch einmal – über meine Frau – entschuldigt. Inhaltlich stimmte der Satz aber nach wie vor für mich: Ich finde beides schlimm – seine Geschichte und seine Mode.
Mit einem Blick in den Rückspiegel: Hatten Sie in Ihrem Leben solide Krisen?
Klar, mehrere: Die Stromsperrungskrise, als ich beschloss, Autor zu werden. Das waren drei harte Monate. Dann, als ich das erste Mal gut verdient habe und mein Steuerberater das nicht mitbekommen hat. Ich musste plötzlich ganz viel Geld bezahlen, und der Gerichtsvollzieher stand vor der Tür. Das hat ein paar Jahre gedauert, bis ich das überwunden hatte. Und als meine Kraft fast zuende war und ich wie ein Hamster im Laufrad nur noch gearbeitet habe, war das auch eine wirkliche Krise. Ich musste lernen, mich wieder um mich selbst zu kümmern. Das war hart, und es war nötig. Die Medienbranche hat ein offenes Ohr für Krisen immer dann, wenn sie vorbei sind. Vorher möchten nur wenige darüber sprechen, und davon hören möchte eigentlich auch niemand. Dabei wäre ein wenig mehr Reflexion über Branchenmechanismen und die Tendenzen zur Selbstaufgabe wirklich sinnvoll.
Wenn Sie rückblickend die Chance hätten, eine Situationen Ihres Lebens im Rahmen einer zweiten Chance anders zu gestalten. Welche Situation wäre dies?
Na ja, alles, auch meine Fehler haben mich ja dahin gebracht, wo ich heute bin. Und ich bin aktuell ziemlich zufrieden damit. Also würde ich nichts ändern wollen.
Das ist eine logische Antwort auf eine Frage, deren Kern nicht nach Gesetzen der Logik gebaut war.
Na gut, ich werde Ihnen jetzt mal eine Schlagzeile liefern. Ich stand mal vor Gericht wegen schweren Einbruchsdiebstahles und bin zu vierzig Stunden Sozialdienst verurteilt worden. Ich hatte Glück, dass ich damals noch Jugendlicher war. Selbst da würde rückblickend jeder sagen, das würde ich gerne ändern, wenn ich die Chance hätte. Ich nicht: Es gab so viele tolle Momente, auch während der Sozialstunden, auch das hat mich geprägt und mir geholfen.

Jens Oliver Haas und Christopher Lesko
Ich nehme das nicht als Schlagzeile. Wer yellowpressmäßig diese Info will, muss sich schon durch das ganze Gespräch baggern. Haben Sie noch einen Traum für Ihr Leben?
Abgesehen von den vier Sprachen, die ich gerne sprechen möchte? Zwei kleine Träume: Ich möchte gerne nicht mehr arbeiten müssen: Weil ich so gerne arbeite.
Jetzt fangen Sie auch noch mit Sätzen an, über die ich nachdenken muss. Diese unangemessene Aggressivität hätte ich Ihnen nicht zugetraut.
Das tut mir leid. Also: Ich würde gerne nicht mehr arbeiten müssen, weil ich dann das, was ich tue mit noch mehr Spaß machen könnte. Das wird wahrscheinlich nicht eintreten. Und ich würde mir wünschen, dass ich das Maß an Erfahrung, die ich habe, voll einsetzen kann. Das fehlt mir manchmal ein wenig in meiner Arbeit. Manchmal habe ich das Gefühl, das, was ich kann, wird nicht abgerufen. Ich könnte aus der Summe meiner Erfahrung der letzten Jahre für viele Produktionen viel, viel mehr leisten.
Viel Glück für den Dschungel und: herzlichen Dank für das Gespräch!

Den ersten Teil des großen MEEDIA-Interviews mit Jens Oliver Haas finden Sie hier.

Mehr über den Autor: www.leadership-academy.de

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