Die Medien-Hatz nach der Wulff-Trophäe

Die Kredit-Affäre von Bundespräsident Christian Wulff ist nicht zuletzt auch eine Mediengeschichte. Eigentlich geht es darum, ob der Präsident noch glaubwürdig ist, ob er als Ministerpräsident Niedersachsens gelogen hat und sich wegen seiner Nähe zu Industriellen abhängig machte. Dahinter liegt aber auch ein medialer Wettstreit um den Scoop. Eine exklusive Enthüllung ist ein scheues Reh, und die Medien wetteifern darum, wer sich den möglichen Rücktritt des Präsidenten als Trophäe ans Revers heften darf.

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Die Nase vorn hat diesmal unbestritten die Bild-Zeitung. Am späten Montagabend vergangene Woche bei Bild.de und tags darauf in großer Aufmachung in der gedruckten Bild veröffentlichten Martin Heidemanns und Nikolaus Harbusch die erste Story zu dem Privatkredit der Unternehmergattin Edith Geerkens an Christian Wulff. Bild enthüllte: In seiner Zeit als Ministerpräsident Niedersachsens lieh sich Wulff von den Geerkens 500.000 Euro um einen Hauskauf zu finanzieren. Als er sich wegen eines kostenloses Flug-Upgrades bei einer Urlaubsreise zum Anwesen der Geerkens nach Florida verantworten musste, wollte die Opposition im niedersächsischen Landtag geklärt wissen, ob Wulff zu Egon Geerkens Geschäftsbeziehungen unterhält. Wulff verneinte. Den Kredit, der offiziell von Geerkens Frau stammte, erwähnte er nicht.

Soweit, so bekannt. Nun wird seit einer Woche über die Geschichte debattiert. Sie wird in den diversen Medien gedreht und gewendet und jeder schaut, ob man nicht ein Fitzelchen Exklusivität von der Affäre für sich reklamieren kann. Dass die Enthüllung über die fragwürdigen früheren Finanzgeschäfte des Bundespräsidenten zuerst in der Bild standen, hat die anderen aus dem feinen Club der Leitmedien offenbar ziemlich geärgert. Bereits am vergangenen Donnerstag trat Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo in der ARD-Sendung “Beckmann” auf und kündigte weitere Enthüllungen im eigenen Blatt an: “Wir sind vom Kern dessen, was die Geschichte ausmacht, noch weit entfernt.”

Prompt ließ Mascolo den “falschen Präsidenten” Wulff diesen Montag aufs Spiegel-Cover setzen. Viel Neues zu enthüllen gibt es für den Spiegel aber nicht. Das Nachrichtenmagazin hat mit Egon Geerkens gesprochen, der den Journalisten den Gefallen tat, sich ausführlich zu verquasseln, und zahlreiche Indizien dafür lieferte, dass das Geld irgendwie doch von ihm stammen könnte. Aber dieser Verdacht stand auch schon bei der ersten Veröffentlichung durch die Bild im Raum. Der Rest der Spiegel-Titelgeschichte ist viel Kaffeesatzleserei und markige Meinungsmache. Gleichzeitig versucht der Spiegel, die Rolle des Boulevardblattes Bild bei der Geschichte runterzuschreiben und die eigene aufzubauschen.

Immerhin sei es ja der Spiegel gewesen, der vor dem Bundesgerichtshof Einblick in die Grundbuchakte der Wulffs erstritt. “Durch das vom Spiegel erstrittene Einsichtsrecht hatten natürlich auch andere Medien Zugriff auf die Akte”, merkt der Spiegel angesäuert an. Und weiter: “Die Bild-Zeitung fragte bei Wulff nach, wer den Grundstückskauf finanziert habe. Das Präsidialamt lüftete am vorvergangenen Donnerstag den Schleier: Edith Geerkens, die Gattin von Wulffs Freund.” Die Bild als Nutznießer der Spiegel-Bemühungen?

Am 20. Oktober konnte der Spiegel nach eigenen Angaben erstmals Einblick in die Grundbuchakte der Wulffs nehmen. In der Akte war aber nur der Kredit vermerkt, aber nicht, von wem er stammte. Das Nachrichtenmagazin bohrte offenbar nicht weiter. Veröffentlicht wurde jedenfalls nichts. Und die Bild soll dann einfach mal so bei Wulff nachgefragt haben, und das Bundespräsidialamt hat die Bild-Leute dann mit der höchst brisanten Information am vorvergangenen Donnerstag versorgt? Wenn das so simpel war, ja warum hat der Spiegel dann nicht selbst einfach mal beim Präsidenten nachgefragt? Der Spiegel beschreibt den Scoop der Bild als eine Art Abfallprodukt der Spiegel-Bemühungen. Weil man selbst die Enthüllung verpennt hat, wird nun versucht, sozusagen rückwirkend auch noch was von den Lorbeeren für die Kredit-Affäre einzuheimsen.

Seitdem der Spiegel in der Titelstory “Die Brandstifter” die Methoden der Bild anprangerte, fasst man an der Ericusspitze das Boulevardblatt wenn überhaupt nur noch mit sehr spitzen Fingern an. Die Spiegel-Leute können offenbar nicht neidlos zugeben, dass ausgerechnet die Schmuddelkinder vom Boulevard ihnen einen veritablen Scoop vor der Nase weggeschnappt haben.

Geärgert hat man sich vermutlich auch beim Stern, nur nicht ganz so laut. Wie Kai-Hinrich Renner in der Medienkolumne des Hamburger Abendblatts notiert, wusste auch Stern-Autor Hans-Martin Tillack von dem Geerkens-Kredit an Wulff. Beim Stern, so das Abendblatt, wollte man aber noch ein wenig weiter recherchieren. Als die Bild dann Anfang der Woche mit der Story rauskam, wurde schnell nachgezogen. Dumm gelaufen.

Und Zeit Online versucht mit dem Aspekt zu punkten, dass Wulff sich durch den Privatkredit einen beachtlichen finanziellen Vorteil verschaffte. Hierzu macht das Qualitätsmedium genau dieselbe Bilanz auf, die Spiegel Online wiederum schon zwei Tage vorher vorgerechnet hatte. Im Getümmel der Treibjagd kann man schon mal die Übersicht verlieren. Enthüllungen und Skandale vom Kaliber des Wulff’schen Hauskredits sind ein seltenes Gut im Top-Journalismus. Da will eben jeder was haben von der Exklusiv-Beute. Und seien es nur die Brosamen, die vom Tisch fallen.

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