„Tatort“: erst das Grauen, dann der Sex

So hat man Charlotte Lindholm selten gesehen: sexy, devot, aber auch verletzlich. Die Kommissarin, gespielt von Maria Furtwängler, hat mit ihrem neuesten Fall, der sich um das Thema Pädophilie dreht, zwar genug zu tun. Doch rückt Jan Liebermann (Benjamin Sadler), der in der vergangenen Episode als Undercover-Reporter eingeführt wurde, immer mehr in ihren Mittelpunkt und verführt sie zu einer heißen Nacht im Hotel. Das bringt nicht nur ihr Privatleben durcheinander, auch ihr Job leidet darunter.

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Die Episode "Schwarze Tiger, weiße Löwen" wagt das Experiment, die persönliche Liebesgeschichte der Kommissarin aus Hannover parallel zu einem grausamen Verbrechen zu erzählen, das auf einer wahren Geschichte beruht: Ein Mann wird in seinem Haus in die Luft gesprengt. Bei den Ermittlungen wird zunehmend deutlich, dass er ein Doppelleben geführt haben muss. Eine Gartenlaube mietete er unter einem anderen Namen an. Als Lindholm und ihre Kollegin Sigrid Malchus (Inka Friedrich) in der Datsche nach weiteren Spuren suchen, finden sie ein Verließ. Ein Kinderbett, Handschellen und gemalte Bilder deuten darauf hin, dass hier ein Kind von einem Geisteskranken gefangen gehalten wurde. All das erinnert an den Fall Natascha Kampusch, die als Zehnjährige entführt und acht Jahre im Haus ihres Peinigers eingesperrt wurde, bis sie in einem unentdeckten Moment fliehen konnte.
Wenn Krimis sich an realen Straftaten orientieren, besteht schnell die Gefahr, die Story künstlich zu überfrachten. Zwar ist das Drehbuch von Ulrike Molsen und Eoin Moore nicht gerade unkompliziert, weil es mehrere Erzählstränge gleichzeitig verfolgt. Das mag zunächst irritierend sein, weil man sich am Anfang doch das ein oder andere Mal in der Versuchung sieht, zurück spulen zu können, um sicherzugehen alle Details verstanden zu haben. Gleichzeitig steigt mit jeder weiteren Spur die Spannung: Regisseur Roland Suso Richter inszeniert den Fall sehr nüchtern und schlicht, ohne viel Action oder erschreckende Bilder. Und genau mit diesem Minimalismus schafft er es, das Grauen in den Köpfen der Zuschauer entstehen zu lassen. Dies gelingt insbesondere in der Szene, als Lindholm mit der Frau des Ermordeten in dem verschlossenen Verlies steht und sie mit seinen Taten konfrontiert, sie anschreit, anfasst. Die Kamera ist nun ganz nah eingestellt, der Ton ist dumpf. Die beklemmende Situation ist vor dem Bildschirm zu spüren.
Aber der "Tatort" wäre kein "Tatort", wenn nicht auch das Privatleben der Kommissarin eine Rolle spielen würde. Lindholm ist seit der letzten Folge in den Undercover-Journalist Jan Liebermann verknallt und läuft ihm wie ein Teenie hinterher. Dass er das gemeinsame Essen spontan absagt oder nicht zurückruft, macht ihn für sie noch interessanter. Sie verbringt eine Nacht mit ihm im Hotelzimmer. Wer nun aber auf viel nackte Haut hofft, wird enttäuscht: Die Szene beginnt mit einem hochgeschobenen Rock und einem aufgeknüpften Hemd und endet mit Furtwänglers Rücken unter der Dusche. Die sonst so verbissene, konzentrierte Lindholm wird auf einmal sehr emotional – aus positiver Schwäche. Sie macht Fehler in den Ermittlungen, verzweifelt daran, dass ihre Zuneigungen zunächst nicht erwidert werden und ist frustriert, dass er sie nach einer gemeinsamen Nacht mit einem Zettel "Musste los" abservierte.   
Es stört nicht, dass bei diesem sehr schweren Verbrechens-Thema der Nebenschauplatz auf das Liebesleben der Kommissarin gerichtet ist. Im Gegenteil: Ein Wiedersehen mit Jan Liebermann wird sicherlich auch von den Zuschauerinnen gewünscht.  

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