„Wir haben ein Segment begründet“

Am Anfang war das Zeitschriftenreich, das unterhalb der großen Geo entstand, buchstäblich mini: Die erste Ausgabe von Geolino war 1996 als einmalige Ausgabe zum Gründungsjubiläum von Geo und Unicef konzipiert. Doch es kam anders: Das grüne Heft für Kinder sowie seine beiden Extensions Geolino extra und Geomini sind längst feste und hochprofitable Größen im Portfolio von Gruner + Jahr, so dass Verlagsleiter Gerd Brüne gegenüber MEEDIA selbstbewusst sagt: "Wir haben ein Segment begründet."

Anzeige

Tatsächlich raufen sich inzwischen mit Dein Spiegel, Zeit Leo und Mare aHoi eine ganze Horde Mitbewerber um die Zielgruppe der 7,3 Millionen sechs- bis 14-Jährigen im Lande und hoffen, deren Interesse für hochwertige Kinderwissensmagazine zu wecken. In der Krabbelecke der Kioske fühlt sich Geolino bereits seit einem Jahrzehnt zuhause; nach dem Erstling 1996 folgte 2001 die Umstellung auf monatliche Erscheinungsweise. Die Line Extension Geolino extra kam testweise 2002 auf den Markt und wurde ebenfalls ein Erfolg bei den acht- bis 14-Jährigen: Seit diesem Jahr erscheint das Heft zweimonatlich. 2009 komplettierte das in orange gewandete Geomini das Angebot – es richtet sich in erster Linie an fünf- bis achtjährige Kinder der Vorschule oder der ersten beiden Klassen.
Im Gespräch mit MEEDIA ziehen Chefredakteur Martin Verg und Geo-Verlagsleiter Gerd Brüne Bilanz der Aufbauarbeit über eineinhalb Jahrzehnte. Dass sie nun Konkurrenz aus namhaften Medienhäusern bekommen haben, sieht Brüne als "Kompliment für die geleistete Arbeit". Wie alle Titel im Segment sind Geolino & Co. Vertriebstitel. Das Anzeigengeschäft steuert lediglich zehn Prozent der Erlöse bei. Mit einer aktuellen Auflage von 215.675 verkauften Exemplaren laut IVW ist Geolino die klare Nummer eins; Geolino extra kommt in der Statistik auf 56.462 Hefte, Geomini auf 53.509.
Das sind sehr ordentliche Werte, denn die eigentlichen Rivalen der G+J-Kindermagazine sind bei den ganz jungen Digital Natives nicht in erster Linie andere Printtitel, sondern die elektronischen Versuchungen im Kinderzimmer. Erst kürzlich hat der Verlag eine Marktforschung durchgeführt, die Brüne und Verg hoffen lässt – danach lesen "aufgeweckte" Kinder gern Gedrucktes, das für sie trotz der medialen Konkurrenz von Spielekonsolen und Fernsehen seinen Wert behalten hat. Dies spiegelt sich auch in der Abo-Haltbarkeit von Geolino wider, die, so Brüne, mit durchschnittlich 2,5 Jahren einen "für eine Kinderzeitschrift extrem guten Wert" erzielt. Dabei zeigt sich Geolino auch den anderen Medienformen gegenüber aufgeschlossen – mit Nintendo brachte der Verlag ein Geolino-Wissensquiz für die Konsolen heraus, bei Arte ist gerade Geolino TV gestartet, und Geolino extra als Hörspiel-Edition ist derzeit in vierter Staffel in Produktion. Verg: "Wir haben mit den Geolino-Titeln eine große Medienmarke geschaffen."
Beim Start der Kinderreihe vor eineinhalb Jahrzehnten hätte in der Geo-Gruppe mit einem solchen Erfolgsweg vom Nischenprodukt zu einem der Top-Umsatzbringer des Medienhauses wohl niemand gerechnet. Dass man so lange Alleinanbieter im Bereich der Premiummagazine blieb, erklärt Verlagsleiter Brüne so: "Man sah von außen nicht, wie ökonomisch interessant das Segment ist."
Martin Verg, der heute als Chefredakteur für alle drei Titel verantwortlich zeichnet, hat diese Zeit noch gut in Erinnerung. Schließlich war er damals bereits an der Produktion beteiligt – als Praktikant. Und er räumt im Gespräch gleich mit dem verbreiteten Vorurteil auf, dass eine Zeitschrift für Kinder auch kinderleicht zu füllen sei. Eher das Gegenteil sei der Fall: "Es ist schwer, für Kinder zu schreiben, und es ist genauso schwer, gute ‚Kinderjournalisten‘ zu finden, die auch den richtigen Ton in der Leseransprache treffen."
So sei es bei den ersten Gehversuchen von Geolino ein "learning by doing" gewesen. Verg erinnert sich, dass Comics als Cover-Motiv bei der jungen Leserschaft gnadenlos durchfielen ("Die fühlten sich nicht ernst genommen") oder dass es ein verhängnisvoller Fehler ist, Kinder im Editorial als "Liebe Kinder!" zu adressieren. Heute steht dort zum Heftauftakt ein schlichtes "Hallo", das viel besser ankommt. Auch bei der Kundschaft war man vor Überraschungen nicht gefeit. So wird Geomini nicht nur von den bis 7-Jährigen gelesen, sondern auch von 8- bis 9-Jährigen, die eigentlich Geolino zugerechnet werden.
Bei der Blattmischung ist die Verwandschaft zum großen Geo augenfällig. Geolino wie Geomini leben von Optik und Bildern, die Lust auf die Geschichten machen sollen. Stars, Mode oder Musik überlässt man am Baumwall Titeln wie Bravo, sagt Verg: "In diesen Themenfeldern sehen wir uns nicht." Stattdessen setzt die Redaktion auf Wissenswertes in unterhaltender Verpackung. Oder, wie Verg es ausdrückt: "Wir machen Qualitätsjournalismus für Kinder." Trotz der insgesamt positiven Abmischung der Inhalte finden sich in Geolino auch harte Themen und Berichte über Hunger, Aids-Waisen, Landminen-Opfer oder Katastrophen – hier ist die Nähe zum Kooperationspartner Unicef spürbar.
Die Nachwuchs-Geos sehen sich hier in der Tradition des Muttermagazins und leisten einen Beitrag, ihre Leser zu Entdeckern und Weltbürgern zu erziehen. Und gelegentlich findet man auch beim großen Heft Ideen der Minis faszinierend: So wurde eine Fotostrecke von Geolino über Albinos im Tierreich später auch von Geo adaptiert.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige