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„Boxen packte mich wie ein Virus“

Zu seinen Kommentaren hauen bei RTL die Klitschkos ihren Gegnern die Murmel vom Hals: Tobias Drews, 38, kommentiert seit Jahren die Großen des Boxsports. In München sprach der Box-Experte und begeisterte Vater mit Christopher Lesko über die Entwicklung seiner Leidenschaft, über Nachwuchs im Schwergewicht und zwiespältige Ringrichter-Urteile. Als Chef des Verlages Bombus verlegte Drews neben Martin Sonneborn auch Autobiographien von Paul Gascoigne und Alex Zanardi, dem Autorennfahrer ohne Beine.

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Tobias Drews, Sie kommentieren seit langer Zeit die großen Klitschkos und Fights anderer Kämpfer. Wann haben Sie sich eigentlich das letzte Mal geprügelt?
Ich kann mich schlecht daran erinnern. Das muss mit 10 oder 11 Jahren gewesen sein und ist zu meinen Ungunsten ausgegangen. Ich habe zu dieser Zeit zwar damit begonnen, mich für Kampfsport zu interessieren, aber nicht aus diesem Grund. Bis heute würde ich körperlichen Auseinandersetzungen aus dem Weg gehen und eher Menschen auf ein Bier einzuladen. Für Prügeleien in der Kneipe bin ich der völlig falsche Partner. Ich könnte sie aus sicherer Entfernung ganz gut kommentieren und wüsste vielleicht, welchen Schlag an welcher Stelle man nutzen müsste, um halbwegs heil aus der Nummer raus zu kommen…
Können Sie mir in ein paar Sätzen beschreiben, wer hier vor mir sitzt?
Tiefenpsychologische Ansätze sind für mich nicht ganz einfach…
Mich interessiert Ihr Blick auf sich selbst. In einer medialen Welt voller Stempel, Zuschreibungen und Urteile für mich keine nur langweilige Frage.
Tobias Drews, 38, Box-Kommentator, Journalist, Vater, Ehemann, angehender Gründer, nach 15 Jahren Fernsehen zukünftiger Unternehmer. Aktuell auf der Suche nach Antwort auf künftig wichtige Fragen: Will ich mit 65 noch Box-Kommentator und Journalist sein? Ist es vielleicht schöner, wenn man dies im Nebenberuf machen kann? Etwa wie Werner Schneyder, der Fähigkeiten und Kraft aus anderem zieht und gerade deswegen auch ein guter Box-Kommentator sein kann.
Hätte ich das Vorhaben, mich mit Ihnen solide über ein Themenfeld zu streiten und Sie dürften das Thema wählen. Wie lauten Ihre Top-Drei?
In jedem Fall Boxen, weil ich da gut aussehen kann und mich darüber auch am liebsten unterhalte. Dann Sport insgesamt, und wenn wir uns streiten wollen und nach einem echten Rausschmeißer suchen, können wir gerne auch über Politik sprechen.
Wie sind Sie aufgewachsen? Wie entstand die Bindung an den Boxsport?
Ich bin 1973 in Braunschweig geboren. Ich hatte mich früh für Kampfport interessiert, wollte unbedingt Boxen machen, aber damals gab es keinen Verein, der gut zu erreichen war. Mit 12 ist man ja nicht ganz so mobil, wenn die Möglichkeiten einer Großstadt fehlen. Ich war ohnehin ein wenig Bruce-Lee-Fan, und in unserem Dorf gab es einen Karate-Verein, dort bin ich eingetreten. Damals gab es einen Bücher-Bus, in dem ich als Kind Bücher lieh. Die Autobiographie von Max Schmeling hatte ich vier Jahre in Dauer-Ausleihe. Man durfte ja nur sechs Wochen ein Buch leihen, danach gab es die Mahnung. Diese Biographie war so ein Buch, das ich immer wieder in die Hand nehmen und auf irgendeiner Seite aufschlagen konnte, um mich darin ganz zu vergraben. Vom Taschengeld habe ich mir dann Fotos aus Zeitungen groß kopiert, um sie mir aufzuhängen. Das alles hat mich sehr fasziniert. Box-Training konnte ich zwar nicht machen, aber ich habe schon früh Box-Reportagen von Ben Wett oder Peter Jensen mit meinem Kassettenrekorder aufgenommen. Das waren die Sachen, die ich dann im Walkman gehört habe: Peter Jensen kommentiert den Kampf Mike Tyson gegen Michael Spinks.
Ihre Erinnerung daran ist selbst hier im Gespräch noch spürbar lebendig.
Ich werde diese Zeit nie vergessen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich erstmalig eine Box- Zeitung am Braunschweiger Bahnhofskiosk sah.  In einer Freistunde heimlich -und ich glaube auch “schwarz“-  mit der Straßenbahn zum Bahnhof. Und dann schnell zum Zeitungsladen. Ich hatte kein Taschengeld, um sie mir zu kaufen und stand endlos lange im Kiosk, um jede einzelne Seite zu lesen. Als ich mir dann endlich eine Box–Zeitung kaufen konnte, durfte den Schatz zuhause niemand anfassen. Sie lang gepflegt und ordentlich an ihrem Platz. Boxen packte mich früh wie ein Virus. Ich schnitt lange Zeit aus der Braunschweiger Zeitung jeden kleinsten Artikel aus und klebte alle in Riesen-Ordner.
Neben dem kleinen Tobias Drews, seinem Walkman und den Box-Ordnern: Wen gab es noch bei Ihnen zuhause?
Meine Eltern trennten sich, als ich vier war. Aufgewachsen bin ich zunächst bei meinem Vater und  meiner Stiefmutter. Mit 14 zog ich zu meiner Mutter nach Bielefeld. Ich habe eine Schwester, eine Halbschwester und eine Stiefschwester. Insgesamt eine interessante Konstellation: Leibliche Mutter und Stiefvater in Bielefeld, leiblicher Vater und Stiefmutter in der Nähe von Braunschweig. Und dann noch die Schwestern. Als ich dann mit 14 nach Bielefeld zog, bin ich gleich in der ersten Woche zu Boxvereinen gegangen und habe dort angefangen zu trainieren: BC Vorwärts Bielefeld und BSV Herford. Später fuhr ich dann mit einem unfrisierten Mofa dorthin: So einem Mädchen-Vespa-Ding, in himmelblau. Das sah sicher nicht cool aus.
Endlich aktives Training: Von Zeitungsausschnitten in Sammelordnern in den Ring.
Ja. Als ich anfing, hatte ich natürlich den Plan, Weltmeister zu werden. Mit den Jahren gingen meine Ziele sukzessive nach unten. Ich wollte dann lieber mal erst Deutscher Meister werden. Oder überhaupt mal gewinnen. Vor kurzer Zeit traf ich einen meiner ehemaligen Box-Trainer in Bielefeld wieder, als Marko Huck dort um die WM boxte. Ich habe das ja schon auf Ihre Eingangsfrage gesagt: Mir fehlte in körperlichen Auseinandersetzung das Boxer-Gen. Im Training und am Sandsack sah das alles boxtechnisch gut aus. Im Ring war es schwieriger: Einem meiner bis heute besten Freunde, der inzwischen in der Altenpflege arbeitet, im Sparring eine zu langen, obwohl er mir gar nichts getan hatte, war schon schwierig für mich. Im Grunde genommen fiel es mir damals leichter Schläge einzustecken, als sie auszuteilen. Aber ich habe sehr, sehr fleißig trainiert und war einer der Wenigen, die nie beim Training gefehlt haben.
Bielefeld hatte also einen potentiellen Weltmeister weniger und der Boxsport letztlich einen Kommentator  mehr. Auch ein Weg, den man irgendwie hinbekommen muss.
Da liefen viele Stränge zusammen. Ich gab Texte an die Zeitung, und sie wurden gedruckt. Es war gut, in Bielefeld zu sein, von dort aus konnte man viele Veranstaltungen besuchen. Dortmund oder die Veranstaltungen von Klaus Peter Kohl in Hamburg waren gut zu erreichen. Montags war eine wichtige Abiturprüfung, am Samstag vorher sah ich Axel Schulz gegen Henry Akinwande in Berlin, fuhr nachts zurück und pennte im Auto. Ich habe dann überregionale Zeitungen angerufen, um als Schüler und Student meine Spritkosten durch Texte wieder herausholen zu können, und das klappte. Boxen wurde später zu meinem  Einstieg in den Journalismus. Eigentlich wollte ich nach dem Abi zum Bund in die Pressestelle, bin dann aber wegen Asthma ausgemustert worden. Viele wollten damals nicht zum Bund und mussten dennoch dorthin.  Ich wollte und durfte nicht. Also fasste ich den Plan, Politikwissenschaften in Osnabrück zu studieren, scheiterte aber am NC. Am letztmöglichen Tag fuhr ich an die Uni nach Bielefeld, stellte mich einfach in die kürzeste Schlange und bin auf diesem Weg bei Germanistik und Wirtschaftswissenschaften gelandet. So lief dann alles nebenher: Boxveranstaltungen, viele Artikel und Studium, bis mich 1995 Premiere ansprach.
Um Ihnen ein Abo zu verkaufen?
Lachend: Nein. Hätte ich mir damals wohl auch nicht leisten können. Aber Boxen habe ich bei denen dennoch geschaut: Wenn man die Augen etwas zusammen gekniffen hat, konnte man trotz verschlüsseltem Bild ein bisschen was erkennen. Aber zurück zur Frage: Ich war damals schon bei jeder Profi-Veranstaltung, die kannten meine Texte, wussten, dass ich halbwegs vernünftiges Deutsch sprach und fragten mich, ob ich probe-kommentieren wollte. Also schickte ich ihnen eine Kassette, und eine zweite ging zum DSF. Die hat sich dann Hajo Rauschenbach  angehört. Dem gefiel es. So kam ich zum DSF und kommentierte im Mai 96 als Freier meinen ersten  Kampf für das DSF. Das war echt grandios. Ich durfte dahin fahren, bekam die Reise und eine Übernachtung bezahlt, konnte mir Kämpfe ansehen und die MAZ-Karte schreiben. Als ich gefragt wurde, ob ich als Jung-Redakteur dort anfangen wollte, sagte ich sofort zu. Ich fuhr nachhause, packte meine Koffer und zog nach München. Wenn mich damals eine Freundin vor die Wahl stellte „sie“ oder „Boxen“, war das in wenigen Sekunden entschieden. Wenn das Boxen rief, war alles andere unwichtig.
Man nennt das Leidenschaft.
Stimmt! Und es war interessant, wie es sich weiter entwickelte und ich mich auch mit dem Boxen weiterentwickelte. Dass ich später wie heute große Kämpfe kommentieren würde, hätte ich damals nie gedacht. In der Schule war Referate zu halten, nie mein Ding, und auch meine Sprache war nie so super. Ich habe mich mit dem Boxen entwickelt und habe so dem Boxen auch viel zu verdanken. So hat mir Boxen zwar nicht die Möglichkeit eröffnet Weltmeister zu werden, aber andere Dinge: Ich habe beim digitalen Gegenpart von Premiere, DF1, wirklich üben dürfen. Rolf Töpperwien hat, so glaube ich, in der Sport-Bild einmal von seiner zwanzigsten Live-Veranstaltung in vielen Jahren gesprochen. Ich habe bei DF1 wirklich viele Live-Kämpfe kommentiert, und das war mit etwa 25 Veranstaltungen im Jahr über drei, vier Jahre eine unbezahlbare Schule. Ich konnte lernen und Fehler machen: (lachend:) so viele Menschen haben das damals ja nicht gehört. Manchmal bin ich heute selbst überrascht, dass dies alles genau zur richtigen Zeit so gut funktioniert hat. Danach ging es weiter mit Premiere und als Werner Schneyder bei RTL aufhörte, schlug er mich als Nachfolger vor. 1999 hatte das noch nicht funktioniert, aber seit 2006 bin ich dabei.
Ich schätze Werner Schneyder sehr. Aufgrund seines Lebens und unterschiedlicher Fähigkeiten hat er das Genre der Boxberichterstattung sehr bereichert. Boxen ist ohnehin ein besonderer Sport: Zwischen Faustfechten und Körperverletzung, zwischen Halbwelt und C-Promis.
Die Auseinandersetzung mit dem Sport hat man immer. Es gibt Studien, die sagen, das Training sei wunderbar. Natürlich können Schläge an den Kopf auf Dauer nicht gesund sein. Boxen war auch für viel die einzige Möglichkeit aus der Enge ihres Milieus, aus Armut und Hinterhöfen herauszukommen. Gerade bei den Amerikanern. Sugar Ray Leonard hat einmal gesagt: „wenn ihr anfangt, Schwimmbäder in die Ghettos zu bauen, werdet ihr bald den ersten schwarzen Olympiasieger im Schwimmen haben.“ Bislang ist es beim Boxen und Basketball geblieben. Mich faszinieren hungrige Boxer, die sich im wahrsten Sinne des Wortes durchboxen ebenso, wie die wirklich hohe Kunst, nicht getroffen zu werden und selbst zu treffen. Das ist schwerer, als man denkt, der Körper ist ja nicht sonderlich groß. Da verdichten sich lange und harte Trainingsarbeit auf diesen einen Moment im Ring. Das hat schon etwas sehr Besonderes. Alte Box-Weisheiten, mit einem Schlag können alles entschieden werden, werden vielleicht viel zu sehr penetriert, aber sie stimmen eben auch. Boxen ist ehrlich: Beim Fußball  ist es vielleicht möglich, jemanden in einer Mannschaft durchzuschleppen. Verliert man, kann man Verantwortung immer noch auf andere schieben. Beim Boxen muss man sich als Kämpfer jeden Vorwurf selbst machen.
Und die Halbwelt?
Die gab es natürlich beim Boxen und übte auf viele einen eigenen Reiz aus. Kam ich früher von Boxkämpfen, war die erste Frage häufig, ob Ebby Thust oder Kalle Schwensen da waren. Nicht, wie der Kampf ausgegangen sei. Das hat sich sehr verändert. Heute sind große Kämpfe ja fast ein roter Teppich für Promis.
Lassen Sie uns über Kollegen lästern: Die Kombi Waldi Hartmann und Henry Maske ist ja schon eine Symbiose des Elends, finden Sie nicht?
Ehrlicherweise nein. Natürlich ist es bei Box-Kommentatoren anders als beim Fußball. Es gibt nicht so viel Nachwuchs und “Schalke 05“ kommt häufiger mal vor (Anm. Autor: Versprecher der ZDF-Sportstudio Moderatorin Carmen Thomas 1973). Die ARD hat es ja im Vergleich zu RTL auch schwerer. RTL macht vielleicht vier Top-Kämpfe im Jahr, die ARD muss für 10-12  Veranstaltungen im Jahr ihren roten Faden finden. Maske hatte ja früher Formulierungen gewählt, wo am Ende vieler Sätze unklar blieb, was er anfangs eigentlich sagen wollte. Ihm selbst auch. Ich finde, er ist inzwischen besser geworden. Hartmann und Maske sind für mich kein Abschalter. Dazu kommt, dass man den Stil und Inhalt  der Kommentare natürlich dem Publikum anpassen muss: Damals, als ich bei Sky kommentierte, konnte ich viele kleine Aspekte nebenbei ansprechen. Jetzt bei RTL kommentiere ich für ein Publikum von 10 Mio, von denen vielleicht 0,5, Mio Zuschauer wirkliche Experten sind. Das fordert viel mehr Basics.
“Der Unterschied ist deutlich anders“- Originalzitat von Henry Maske übrigens:12.02.2011, Arthur Abraham-WM-Kampf. Am selben Abend sagt Maske übrigens über Abraham auch: “Der bekommt kein Bein auf den Fuß“. Hat denn Tobias Drews eine persönliche Rangliste im aktuellen Schwergewicht?
Aus Sicht bisheriger Erfolge und dem, was auf dem Papier seht: Wladimir vor Vitali. Das hieße aber nicht zwingend, dass die Nummer 1 auch die Nummer 2 in einem Kampf schlägt.
Das werden wir nie erfahren.
Bestimmt nicht. Nach den Klitschkos kommt ranglistentechnisch eine lange Pause. Natürlich ist ein Povetkin, von dem ich viel halte, zu berücksichtigen. Das gilt auch für einen Haye, der ja vielleicht doch noch nicht so ganz zurückgetreten ist.
Povetkin gegen Haye wäre in der Tat ein interessanter Kampf. Wie sieht es denn insgesamt mit der Substanz nach den Klitschkos aus?
Auch ein Adamek gegen Povetkin wäre übrigens kein schlechter Kampf. Vitali wird vielleicht nächstes Jahr aufhören und Wladimir macht vielleicht noch zwei, drei Jahre. Es wird ja viel von Nachwuchsmangel in Richtung Spitze des Schwergewichtes gesprochen. Da gäbe es aber schon ein paar interessante Newcomer: Tyson Fury aus England: fast 2,10 m groß, und der kann boxen. Es gibt Deontay Wilder aus Amerika: 20 Kämpfe, 20 Siege, 20 KO´s und Bermane Stiverne mit 21 Siegen und 20 KO´s. Auch bei Sauerland und Universum gibt es Potential. Das sind alles Leute, die man heranführen kann und die sich entwickeln. Das Problem ist, dass Boxen in Amerika zu viel im Pay TV läuft und die breite Masse diese Sportler nicht mehr mitbekommt. Viele sehr gute Boxer werden auch in Deutschland gar nicht gezeigt, das kann eigentlich nicht sein.  Die Nachwuchsdiskussion gab es früher auch schon: Nach Ali dachten auch viele, es käme nichts mehr. Dann gab es Zeiten der sogenannten Lost Generation mit Weltmeistern, die ihren Titel gewannen und schnell wieder abgeben mussten. Bis sich ein Mike Tyson herauskristallisierte nicht nur erstklassig kämpfte, sondern auch die nötige Aufmerksamkeit band. Ein wenig krankt das Boxen auch daran, dass man heute Zu-Null-Rekorde zeigen muss. Früher gab es das nicht. Man hat gegen die Besten der Welt geboxt und selbstverständlich auch mal verloren.
Die neutrale Urteilsfähigkeit mancher Ring- und Punktrichter scheint häufig einer gewissen Flexibilität zu unterliegen und anderen Abhängigkeiten zu folgen als der Bewertung sportlicher Leistung. Teilen Sie den Eindruck?
Da kann man leider nicht widersprechen. Wenn man sich Boxen ansieht, wird man leider feststellen, dass Vieles unprofessionell organisiert ist. Das geht los bei der Rolle des Trainers: Wenn ich das wollte, fände ich in Europa eine Boxbehörde, die mir eine Trainer-Lizenz ausstellt, auch ohne dass ich das jemals gelernt hätte oder eine Prüfung absolviert hätte. Dann habe ich eine Lizenz, gehe los und trainiere einen Boxer. In der Ecke sage ich ihm dann: “Du musst den anderen jetzt treffen.“ Sätze auf diesem Niveau hört man in der Tat häufig. Es gibt gerade in Deutschland viele gute Trainer, aber es gibt weltweit auch viele sehr schlechte.
Es gibt auch Trainer, die über lange Zeit mit einem Satz auskommen. Manfred Wolke in der Maske-Ecke mit dem Standardsatz: “Janz ruhig, et läujeft.“
(Lachend) Ja, oder der legendäre Satz von Angelo Dundee (Trainer von Ali, Anm. : Autor): Der coachte einen Leichtgewichts-Weltmeister, der immer wieder davon träumte, aus dem Ghetto rauszukommen und ein Haus mit einem weißen Gartenzaun zu besitzen. Im Training sprach er stets von diesem weißen  Gartenzaun als Symbol dafür, es geschafft zu haben. Im WM-Kampf lag Dundees Mann hinten, und Dundee wischte ihm in der Pause sein Gesicht ab, gab ihm zu trinken und sagte nichts. Kurz vor Ende der Pause zeigte Dundee auf den Gegner und sagte: “Der da tritt gerade Deinen weißen Gartenzaun kaputt.“ Der Kämpfer drehte auf und gewann. Zu den Punktrichtern: Natürlich sollen sie alle neutral bewerten. Aber, wenn ich mir vorher die Track-Records der Richter anschaue, sehe ich schnell, was der jeweilige Richter persönlich bevorzugt. Man kann da schon justieren. Diese Bilder von heimlich übergebenen Geldumschlägen stimmen natürlich nicht. Aber sicher läuft manches subtiler: Wer wann wie eingeladen wird, ob man bei Reisen als Richter Business Class fliegen kann oder nicht, usw. Und manchmal bei engen Runden kann man vorhersagen, auf welche Seite der Punktrichter die 10 oder die 9 schreibt. Das ist so, das kann man nie ganz abstellen. Manchmal wundere ich mich auch über einige Ergebnisse. Und, man darf nicht vergessen: Zwischen dem Schulungsniveau von Bundesliga-Schiedsrichtern im Fußball und Richtern im Boxen liegen Welten.
Sie haben ja einmal einen Verlag gehabt. Erzählen Sie ein wenig darüber.
Der Verlag hieß Bombus, der Begriff für Hummel. Physiker sagen ja, Hummeln könnten eigentlich nicht fliegen: Zu großer Körper und zu kleine Flügel. Hummeln finden aber Wege dies dennoch zu tun. Ich fand das war ein sensationelles Bild. Wir haben interessante Dinge getan. Wenn Sie einen Verlagsberater aufsuchen, wird der ihnen von einer derartigen Unternehmung abraten: Sie haben keine Ahnung von Rechteeinkauf und allem anderen, das kann nicht klappen. Aber es war schnell ein super Team und ich habe richtig gute Rechte einkaufen können, auch ohne ein dickes Konto. Das erste richtige Buch war die Autobiographie von Alex Zanardi: Autorennfahrer, verliert beide Beine, fährt dennoch weiter und gewinnt mit einem umgebauten Wagen noch Rennen. Ich bin nach Italien gefahren, um dem rechtehaltenden Verlag mein Konzept zu erklären. Andere hatten mehr Lizenzsumme geboten, aber denen hat das imponiert. Ich habe dann den Vertrag bekommen. Zanardi ist eine grandiose Person: Ein fantastischer Typ, der jetzt im Rollstuhl die Olympischen Spiele in Angriff nehmen will. Unfassbar, was der an Willenskraft und Lebensmut ausstrahlt. Das waren so Bücher, für die ich gebrannt habe: Besondere Sportbücher. Auch andere Bücher: Die Autobiographie von Paul Gascoigne zum Beispiel. Hat sich keiner rangetraut . Wir schon. Und mit dem Vorabdruck in der Bild, war das schnell ein kleiner Erfolg.
Das sind schon auch kleine Juwelen.
Ja. Manches ist gut gelaufen, ich habe im WM-Jahr 2006 einen Fußballbuch-Preis gewonnen. Trotzdem bin ich mit dem Buch dann in Schönheit gestorben, was die Verkaufserfolge betrifft. Ich hatte den Fußballer Jorge Valdano, Schiedsrichter Markus Merk oder Martin Sonneborn: “Ich tat es für mein Land“. Ein super Projekt, dem ich auch mehr Erfolg gewünscht hätte.
Sportskamerad MaSo, guter Typ.  Ich erinnere mich sehr gerne an unser Interview. Schade, dass Sie aufhören mussten, oder?
Letztendlich waren die Kosten und Aufwand zu hoch: Die Rechte erwerben, Preise verhandeln, Auflagenplanung,  Druckkosten und Papier wurden teurer. Das Risiko war immer schwerer abzuschätzen,  und ich hatte dann auch weniger Zeit dafür. Finanziell  hatte es gerade so gereicht, um über die Runden zu kommen, aber insgesamt wäre mehr kaum gegangen. Auch, wenn es eine Super-Idee war, und ich zum Thema des Managements viel gelernt habe, habe ich das dann beendet.
Nun haben Sie sich ja am Anfang dieses Gespräches als angehender Gründer beschrieben. Diese Beschreibung wählen ja keine Menschen, für die das Thema gestorben ist.
Stimmt. Ich betrachte die Gründer Szene immer einmal wieder, besuche Messen und prüfe auch, in welche Geschäftsmodelle Venture Capital Companies investieren. Es ist immer gut, sich Gedanken um die Verbreiterung der Basis zu machen und die eine oder andere Idee, die ich habe auf eine spätere mögliche Realisierung hin zu bewegen. Das ist sehr spannend. Ich war grade auf so einer Tagung, da musste man praktisch aus dem Nichts mit Menschen, die man grade kennengelernt hat, ein Geschäftsmodell erfinden. Macht mehr Spaß als ich dachte. Und es gibt eine konkrete Idee, die ich gerade umzusetzen versuche. Nichts allerdings, worüber sich aktuell detailliert zu sprechen lohnte.
Ehen und Beziehungen im Medien-Business finden ja auch die Familie Aigner-Drews / Drews im Portfolio. Ihre Frau, Susanne Aigner Drews ist CEO von Discovery Germany. Ihre Ehe im Medien Business – klappt das gut?
Klar. Wir haben uns ja vor langer Zeit schon kennengelernt und Susanne machte damals schon Karriere. Wir hatten nie diese klassischen Männer-Frauen-Themen und Rollenzuweisungen, der Mann müsse mehr Karriere machen oder mehr Geld verdienen, die ja auch in vielen Ehen so etwas wie den Selbstwert regulieren. Da war sicherlich auch meine freiberufliche Tätigkeit auf einigen Strecken zusätzlich hilfreich. Inzwischen haben wir schon eine komplexere Abstimmungsaufgabe beider Terminkalender. Klappt aber überraschend gut.

Tobias Drews und Christopher Lesko

Von Werner Schneyder stammt das Zitat: “Ein Kind zu erziehen ist leicht. Schwer ist nur, das Ergebnis zu lieben.“ Mit Ihrer Frau zusammen haben Sie eine kleine Tochter.
Ja, und was für eine! Matilda ist jetzt zweieinhalb Jahre alt Und um die nicht gestellte Frage zu beantworten, wie die Vaterschaft für mich ist, heißt die Zusammenfassung meiner Antwort in einem Wort: Grandios! Ich habe ja auch die volle Elternzeit genommen -also 12 Monate – und als Vater alles mitgemacht, was man so mitmachen kann. Von Wickelkursen über Mutter-Kind- Kurse bis zum Aufbau der Wickelkommode. Dass dies so wenige Väter wahrnehmen, hat ja mit Geld, Rolle und Beruf zu tun. Da hatten wir es halt echt einfacher. Ich würde es immer wieder so machen, es war und ist großartig, diese Entwicklung von Beginn an mitzumachen. Viele Väter wissen ja wenig von Alltagsaspekten ihrer Kinder: Ist die Mutter mal aus dem Haus, schreibt sie einen Riesenzettel: Bitte Windeln wechseln und nicht so viel Schokolade.  Das finde ich fürchterlich. Ich  bin in diesen Fragen wirklich gerne ganz anders und finde das auch richtig so. Es ist schon eine interessante Konstellation: meine Frau führt als Frau einen Männersender (DMAX) und ich kommentiere “harten Männersport“ und bin ansonsten mit meiner Tochter auf dem Spielplatz. Viel moderner kann man das ja kaum arrangieren.
Tobias Drews, herzlichen Dank für das Gespräch!
Tobias Drews war für den 10. Dezember beim WM-Kampf Wladimir Klitschko vs. Jean-Marc Mormeck auf RTL als Kommentator gesetzt. Aufgrund einer Erkrankung des Titelverteidigers Klitschko wurde der Fight abgesagt und auf Anfang März verschoben.

Mehr über den Autor:  www.leadership-academy.de

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