Tukurs „Das Dorf“: Kafka trifft auf „Tatort“

Der zweite “Tatort” des Hessischen Rundfunks mit Ulrich Tukur als Kommissar Felix Murot ist ein surreales Meisterstück geworden. Der Schauspieler Justus von Dohnányi wandelt in seinem Regie-Debüt auf den Spuren von David Lynch und Franz Kafka und hat einen Film abgeliefert, der alles Mögliche ist: witzig, originell, skurril, traumartig, unheimlich, gekonnt. Aber zum Glück kein typischer “Tatort”. Der Film "Das Dorf" spielt in einer anderen Liga als das übliche TV-Krimi-Einerlei.

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Optisch wollten sich Justus von Dohnányi und sein Kameramann Carl-Friedrich Koschnik an alten Edgar-Wallace-Streifen und Orson Welles orientieren. Zumindest das Vorbild Edgar-Wallace-Verfilmung lassen sie bei "Das Dorf" meilenweit hinter sich. Bereits der Vorspann mit den monochromen Bildern der Darsteller, der ungewohnten Retro-Typografie und der treibenden Musik zieht den Zuschauer in seinen Bann und lässt auf eine wohltuende Abwechslung hoffen. Diese Hoffnung wird nicht enttäuscht.

Die Bilder des Films haben mehr mit Gemälden zu tun als mit herkömmlichem Fernsehen. Fast alle Farbe wurde herausgenommen, statt fabrikneuer Mercedes- oder BWM-Karossen werden hier alte Autos und Cabrios gefahren. Es dominieren blasse Brauntöne, was dem Film einen künstlichen und zeitlosen optischen Charakter verleiht. Die Rahmenhandlung ist schnell umrissen: Der von seinem Tumor, den er Lilly nennt, geplagte Kommissar Felix Murot folgt dem Hilferuf eines Kollegen in die hessische Provinz. In einem abgelegenen Taunus-Dorf wurde einem Mann der Schädel eingeschlagen, und der Täter selbst ist auch tot. Als Murot im Dorf ankommt, scheint sich der Fall gleichsam "von selbst" geklärt zu haben.

Der Täter hat Selbstmord begangen, alles wieder in Ordnung, Murot kann wieder abreisen. Wäre da nicht Lilly. Der Tumor sorgt für Schwindelanfälle und Murot steigt in der kafkaesken Dorfkneipe ab. Was nun folgt ist ein Feuerwerk an Einfällen, wie man sie in bisher noch keinem "Tatort" sah. Wie der arme Landvermesser K. in Kafkas "Das Schloss" bewegt sich Murot wie in einem Traum durch "Das Dorf", sucht Anschluss an die verschworene und verschwiegene Dorfgemeinde. Er sieht den tot geglaubten Selbstmörder/Mörder quicklebendig herumspringen. Er wird vom Dorf-Magnaten Bemering auf sein schlossartiges Anwesen eingeladen. Dort lernt er die mysteriöse Ärztin Dr. Herkenrath und die Mutter Bemerings kennen. Es gibt zwei grandiose Musik-Nummern (vom Tumor hervorgerufene Visionen Murots), witzige Dialoge und natürlich ein tiefdunkles Dorfgeheimnis.

An diesem Film stimmt einfach alles – von den tollen Schauspielern über die grandiose Optik bis hin zur liebevoll ausgearbeiteten Beziehung Murots zu seiner Assistentin Wächter (die sich am Ende aus dem beschaulichen Landeskriminalamt Wiesbaden herauswagen muss, um Murot/Lilly zu Hilfe zu eilen) bis hin zum sagenhaften Gastauftritt von Alice und Ellen Kessler.

Dieser "Tatort" mutet dem typischen Sonntagabend-Krimigucker viel zu. Wo sonst Batic und Leitmayr im Altenheim-Milieu langatmig vor sich hin ermitteln oder Simone Thomalla mit offenem Mund der Auflösung in Leipzig entgegenstarrt, darf man hier endlich mal wieder mitdenken und Spaß dabei haben. "Das Dorf" gelingt das Kunststück, gleichzeitig anspruchsvoll, spannend und witzig zu sein, und er entschädigt für so manche laue "Tatort"-Nummer der jüngeren Vergangenheit.

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