Kika: der Skandal ist das Programm

Im nächsten Jahr wird der Kika, der Kinderkanal von ARD und ZDF, 15 Jahre alt. Anlässlich des Jubiläums gönnt sich der Sender ein neues Design, einen neuen Claim (“Kika für dich”) und viel Selbstbeweihräucherung. Trotz des Skandals mit veruntreuten Geldern in Millionenhöhe sei der Kika die “Vertrauensmarke bei Kindern schlechthin”, so Geschäftsführer Steffen Kottkamp. Der alltägliche, kleine Skandal ist aber das Programm. Denn das wird dem selbsterklärten Qualitätsanspruch nicht gerecht.

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Vor allem am Vorabend und Abend haben die Programmmacher des Kika eine unerklärliche Affinität für Mädchenserien, Tanz und Australien. So lief die australische Tanzserie “Dance Academy” wochenlang nach dem Sandmännchen, später folgte die reine Mädchenserie “Emmas Chatroom”, die, aufwändig produziert, zwischen Singapur, Hamburg und Australien pendelt und bei der es ebenfalls um einen Tanz-Wettbewerb geht.

Nachmittags laufen oft grenzdebile Serien wie “Coco, der neugierige Affe” und jedes Jahr zur Vorweihnachtszeit wird die ganz und gar schreckliche Reihe mit dem sprechenden Nikolaus-Sack “Beutolomäus” wiederholt. Die x-te Wiederholung des uralt Zeichentrick-Klassikers “Wickie und die starken Männer” geht in einem solchen Umfeld schon als Programm-Highlight durch. Sonntagnachmittags laufen gerne mal angegrabbelte Schinken wie der Reißer “Der Hirsch mit dem goldenen Geweih” (Russland, 1971). Parallel sendet Nickelodeon die angesagte, moderne Trickserie “Cosmo & Wanda”. Für welches Programm sich die jungen TV-Zuschauer da wohl entscheiden?

Der Spielfilm Sendeplatz des Kika (“Lollywood”) am Freitagabend um 19.30 Uhr wird auch mit zunehmend unattraktiver Filmware vollgestopft. Bevorzugt handelt es sich um dänisch-deutsche Koproduktionen auf dem Niveau der Olsen-Bande. Und die tägliche Unterhaltungsshow “Kika Live” mit den permanent schreienden und zappelnden Moderatoren Jess und Ben verkommt immer mehr zu einer Dauerwerbesendung für eigene Kika-Formate.

Wer unterhaltsames Kinder-TV sehen will, muss leider Nick oder Super RTL einschalten und dort die penetrante Werbung in Kauf nehmen. Aber wenn Super RTL einen attraktiven Disney-Film zeigt oder Nick “Kung Fu Panda – die Serie”, dann ist der Kika eben ganz schnell abgemeldet. Es gibt auch Ausnahmen. Die vom ZDF produzierte Kinder-Nachrichtensendung “logo!” oder die Wissenssendungen “Wissen macht Ah!” und “pur+” sind unterhaltsam und lehrreich zugleich. Das Quiz “Die beste Klasse Deutschlands” ist gut gemachtes Kinderfernsehen und die Kinder-Castingshow “Dein Song”, bei der Kinder und Jugendliche selbst komponierte Lieder produzierten, war ein absolutes Highlight im deutschen TV. Diese Highlights werden gerne ins Licht gestellt. Dabei fällt nur unter den Tisch, dass der Rest des Kika-Programms höchstens in Sachen Langeweile und Penetranz Maßstäbe setzt.

Fürs Jubiläums-Jahr 2012 haben sich die Kika-Macher vorgenommen, mehr ältere Kinder zu erreichen. Außerdem sei ein Themenschwerpunkt zu sexueller Gewalt gegen Kinder und eine Nachhaltigkeitssendung geplant (“Erde an Kinder”). Das sind ehrenvolle Absichten und man kann nur hoffen, dass der Zeigefinger unten bleibt. Der Kika ist und bleibt wichtig als werbefreies Gegengewicht zu den kommerziellen Kindersendern. Es gibt einzelne Programm-Höhepunkte, aber diese "Inseln der Qualität" (Copyright: Kurt Beck) werden umspült von einem Meer der Mittelmäßigkeit, das die Kinder in die Arme der Kommerz-Kanäle treibt. Das ist der alltägliche, kleine Skandal beim Kika.

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