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Julia Jäkel: die Verpackungskünstlerin

Für über zwanzig Medienmarken und -familien wird Julia Jäkel ab Februar bei Gruner+Jahr zuständig sein. Damit ist die Verlagsmanagerin so etwas wie ein halbes Vorstandsmitglied des Hamburger Verlagskonzerns. Jäkel ist damit auch die größte Gewinnerin der Umstrukturierung bei Gruner+Jahr. Und ganz nebenbei sichert Vorstandschef Bernd Buchholz auf diesem Wege ab, dass er nur Vertraute in seinem engsten Führungskreis hat. Jäkel hat eine lupenreine Bertelsmann-Karriere hingelegt.

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Vor kurzem war Julia Jäkel zu Gast bei den Zeitschriftentagen des VDZ. Auf einem Diskussionspanel über Innovationen in Verlagen kündigte sie – "damit die Zuhörer nicht einschlafen" – ein neues Lifestyle-Wohnmagazin für das kommende Jahr an. Die von Jäkel als Innovation vorgestellte Zeitschrift konterte der ebenfalls auf dem Panel platzierte Reinhold G. Hubert von Burda. Das Magazinkonzept gebe es bereits, es heiße Hollyhome und sei von Journalistenschülern des Hauses entwickelt worden. Hubert lächelte dabei charmant und ein wenig boshaft. Jäkel entgegnete, sie kenne die "Abschlussarbeit" der Journalistenschüler. Die von Hubert genannten 10- bis12.000 Exemplare, die Hollyhome verkauft habe, wolle man aber mit der Neuentwicklung übertreffen. Denn im Segment der Wohnzeitschriften besitze kein Verlag eine so große Kompetenz wie Gruner+Jahr. Nach dem kleinen Schlagabtausch nahm das Gespräch wieder einen friedlichen Verlauf. Kleine Kabbelein unter Verlagen gehören zum Geschäft.

Julia Jäkel ist eine sehr gute Verkäuferin und nach übereinstimmenden Aussagen von Kollegen auch eine äußerst durchsetzungsstarke und ergebnisorientierte Managerin. Die Episode von den Zeitschriftentagen belegt, dass es ihr an Selbstbewusstsein und Ehrgeiz nicht mangelt. Ihre Reaktion auf das Burda-Projekt wurde allerdings als ein wenig überheblich interpretiert. Jeder Verlagskenner weiß, dass die Neuerfindung des Rades nur alle Jubeljahre glückt. Jäkel erlag in diesem Augenblick offenbar einer Selbstdarstellungsfalle, die in der Medienbranche nicht selten zuschnappt. Nötig hätte sie den Seitenhieb nicht gehabt, denn ohne Zweifel gehört sie als Chefin der Verlagsgruppe Exclusive&Living zu den großen Umsatzbringern von G+J. Umsatz wie Ergebnis dieser Gruppe steigerte Jäkel nach Angaben des Verlags deutlich, nachdem sie das Ruder 2008 übernommen hatte.

Wer also über Julia Jäkel schreibt, muss über Schöner Wohnen schreiben. Gerade jetzt, vor Weihnachten, strotzt das Blatt vor Anzeigen. Im vergangenen Jahr schnellte der Bruttowerbeumsatz des Magazins nach Nielsen-Zahlen um 58 Prozent gegenüber dem Vorjahr in die Höhe. In diesem Jahr sind es noch einmal knapp 14 Prozent Plus gegenüber dem Vorjahreszeitraum. 2009 holte Jäkel Stephan Schäfer als Chefredakteur des Magazins von Bauer Media zu Gruner. Kein Glücksgriff, sondern eine goldrichtige Wahl. Seither hat sich – bei leicht sinkender Abo-Auflage – vor allem die Auflage im Einzelverkauf deutlich nach oben bewegt. Im Tandem mit Schäfer katapultierte Jäkel "Europas größtes Wohnmagazin" in neue Umsatzsphären. Kritiker bemängeln, dass Schöner Wohnen mittlerweile eher einem Katalog denn einer Zeitschrift aus einem Verlag gleiche. Der Katalog-Vergleich ist nicht aus der Luft gegriffen, zusammenhängende Texte über mehrere Seiten gibt es so gut wie nicht mehr im Blatt. Ob´s im Verlag wirklich jemanden stört, dass es bei G+J neben journalistisch hervorragenden Produkten nun auch zunehmend Magazine gibt, die hervorragend und publikumswirksam produziert sind, Qualität im Journalismus aber vor allem über Nutzwert definieren?

Das Duo Jäkel/Schäfer hat sich Essen&Trinken als nächstes Renovierungsobjekt vorgenommen. Essen&Trinken wurde wie so viele weitere Magazine in Jäkels Verlagsgruppe von Angelika Jahr gegründet. Auch das gilt es zu bedenken – gewissermaßen das publizistische Erbe einer Gallionsfigur von G+J anzutreten, ist vermutlich kein lauschiger Herbstspaziergang. Seit einem Jahr erledigt nun Stephan Schäfer auch den Chefredakteursjob bei dem zweiten Traditionsmagazin der Gruppe. Der Durchbruch ist hier noch nicht ganz gelungen, aber der Einzelverkauf geht zumindest in die Höhe. Sowohl Schöner Wohnen wie Essen&Trinken bieten mit ihren Dezember-Ausgaben zusätzliche Hefte mit Plätzchenrezepten und "Wohlfühl-Ideen" unter dem Slogan "Zwei Hefte – ein Preis". Solche Aktionen kommen in der Regel gut an beim Verbraucher. Hier wird die Managerin zur Hochglanz-Verpackungskünstlerin. Größere Baustellen sind für Jäkel noch die Magazine Living at Home und National Geographic, das vom Zuschnitt freilich auch nicht ganz in die Verlagsgruppe passt. Gut in den Markt gebracht hat die Managerin das Männer-Kochmagazin Beef, das zum Preis von knapp zehn Euro mit jeder Ausgabe rund 50-60.000 Exemplare verkauft.

Vor zwei Jahren hatte Jäkel in der Gruppe den Rotstift ansetzen müssen, damals fielen 18 Stellen weg. Unter anderem wurden die Schlussredaktionen und einige Bildredaktionen an externe Agenturen ausgelagert. Alle Magazinredaktionen blieben aber bisher unabhängig, eine Zentralredaktion wie bei den Wirtschaftstiteln wurde nicht eingeführt. Jäkel hatte damals darauf verwiesen, dass die Chefredakteure der Gruppe dieses Modell entwickelt hätten.   

Jäkel übernimmt nun ab Februar, wenn Volker Breid als Chef der Motor-Presse nach Stuttgart wechselt, zusätzlich Marken-Dickschiffe wie Gala und Brigitte. Die große Dame unter den Frauenzeitschriften kennt sie aus ihrer Zeit als Verlagsleiterin des Titels sehr gut. Darüber hinaus untersteht Jäkel die Abteilung für Corporate Publishing, die seit einiger Zeit Corporate Editors heißt und weiterhin ein wenig wie ein Fremdkörper in der Struktur wirkt. Auch hier sind die Umsatzziele von G+J-Chef Bernd Buchholz, der zu den großen Förderern von Jäkel zählt, ambitioniert. Ohne Zweifel ein außerordentlich großes Feld, das Jäkel nun bestellen muss. Zu groß, um den Überblick zu behalten, sagen einige. Es wird auch darauf ankommen, in der zweiten Riege exzellente Macher und Manager zu finden. Leute wie Stephan Schäfer eben, die mit Jäkel an einem Strang ziehen.

Julia Jäkel, die im November ihren 40. Geburtstag feierte, begann ihre lupenreine Bertelsmann-Karriere im Nachwuchsprogramm des Gütersloher Medienkonzerns. Da hatte sie gerade ihr Studium der Geschichte, Politik und Volkswirtschaft in Heidelberg beendet, ein Jahr als Visiting Graduate Student an der University of Harvard und einen Abschluss des Master of International Relations von der britischen University of Cambridge inklusive. Nach einer Station bei Gala war Jäkel dann ab 1999 im Gründungsteam der FTD und arbeitete sich dort vom Posten der Pressesprecherin zur Verlagsleiterin "Editionen" durch – sie hatte damit die Luxusbeilage How to spend it in ihrer Verantwortung. Ohne Frage ein idealer Trainingsboden für die Aufgaben, die einige Jahre später folgten. Der Job als Verlagsleiterin von Brigitte, den sie zwischen 2004 und 2008 machte, war wiederum ein Schritt zur Entscheidung von dieser Woche, ihr den Löwenanteil der Gruppe Frauen/Familie/People anzuvertrauen. In dieser Zeit kamen erste Digitalprojekte hinzu. Das im Internet vor allem Geld mit Transaktionsgeschäften und E-Commerce zu verdienen ist, zeigt beispielsweise das von ihr lancierte Projekt Brigitte Kleiderschrank.

Die Einstellung des Hochglanztitels Park Avenue, das in der von ihr 2008 übernommenen Gruppe Exclusive&Living residierte, konnnte Jäkel nicht verhindern. Ein damals avisierter Frauen-Hochglanztitel ist bisher auch nicht umgesetzt worden – könnte aber nun, da die Exklusiv- und die Frauensparten zusammengeführt werden, unter Jäkels Ägide Realität werden. Ein Team um Bettina Wündrich (Glamour), Nikolaus Albrecht (Vanity Fair) und Markus Schönmann (Condé Nast, Burda) arbeitet offenbar gerade an der Umsetzung dieses lang gehegten Wunsches der Hamburger. An vielen Fronten muss Jäkel nun ihre Fähigkeiten doppelt und dreifach unter Beweis stellen. 

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