„Frauen sind nicht nur Make-up & Highheels“

Turner-Programmchefin und Buchautorin Anke Greifeneder, 39, gilt als kreative Hoffnung des Pay TV und Repräsentantin einer neuen Generation junger TV-Führungskräfte mit globalem Scope und internationaler Erfahrung. In München sprach sie mit Christopher Lesko über Turner, Talk-Show-Flut und den TV-Markt. “Promenadenmischung“ Anke Greifeneder erzählt von ihrem Weg ins Fernsehen, der erfolglosen Suche nach verschollenen Rentnern, dem 11.09. 2001 in London und dem Start des Frauensenders glitz*.

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Können Sie mir in ein paar Sätzen beschreiben, wer genau hier vor mir sitzt?
Vor Ihnen sitzt eine Promenadenmischung: Mein Vater ist als Flüchtlingskind in Berlin geboren, seine Mutter kam aus Ostpreußen, sein Vater aus Österreich. Meine Mutter stammt aus Tübingen. Ich bin im Schwarzwald geboren, aufgewachsen und habe in Konstanz studiert. Ich bin ein kreativer Mensch, dem soziale Bindungen sehr wichtig sind, und ich lache gerne. Mich freut immer, wenn ich Menschen treffe, die meinen Humor haben. Ich weine auch schnell und gerne aus Rührung – manchmal bereits beim Betrachten eines Merci-Spots im Fernsehen. Ich mache mir viel Gedanken um meine Mitmenschen, mein Team zum Beispiel. Und ich bin, glaube ich, schlagfertig.
Hätte ich das Vorhaben, mich mit Ihnen solide über ein Themenfeld zu streiten und Sie dürften das Thema wählen. Welches wäre das?
Richtig streiten?
Ja, das wäre mir recht.
Das kommt natürlich darauf an, welche Meinung Sie zu den Themen vertreten. Die Frauenquote zum Beispiel. Was ist denn Ihre Meinung dazu?
Die Quote macht Frauen nicht größer, sondern kleiner und spricht ihnen die Fähigkeit ab, durch Qualität selbst für sich sorgen zu können. Sie widerspricht vielleicht sogar dem Gleichbehandlungsgrundsatz, der vorsieht, dass geschlechtsspezifische Aspekte kein Argument von Bevorzugung sein dürfen. Unternehmer sollten Positionen nach Qualität und Kompetenz besetzen und nicht nach Geschlecht.
Wenn ich nun Ihre Meinung hätte, könnten wir uns nicht streiten.
Teilen Sie denn meine Meinung, oder möchten Sie nur dem Streit ausweichen?
Ich teile Ihre Meinung in Grenzen: Ich bin schon oft in Interviews danach gefragt worden, und ich persönlich habe nie die Erfahrung von Benachteiligung gemacht. Vielleicht ist dies auch branchenspezifisch. Es existieren genügend Branchen, die man als klassische Männerdomänen bezeichnen muss.
Zurück zur Promenadenmischung. Die gelten ja als zäh und resistent. Wie sind Sie aufgewachsen?  Was haben Ihre Eltern gemacht?  Haben Sie Geschwister?
Kleinstadt Schwarzwald. Lehrerskind. Genetisch übrigens gut, wenn man nicht mit dem ganzen Dorf verwandt ist. Habsburger Lippen bekommt man auch nicht. Ich bin als Kind eines Chemie-Lehrers und einer Chemisch-Technischen-Assistentin  zur Welt gekommen. Witzigerweise hat mein Vater  mit dem Vater von Imke Deigner (VIVA) zusammen  studiert. Ich habe noch einen drei Jahre älteren Bruder.
Nun repräsentieren ja Eltern für Kinder ein Modell der Haltung zum Leben. Was gab es denn an typischen Orientierungen in Ihrer Familie?
Kein Fernsehgerät zum Beispiel.
Eitel Tand und Flitterkram?
Nö, eher: Man kann Besseres mit seiner Zeit machen. Wir haben viel miteinander unternommen. Wir haben Klavier gespielt und viel Musik gemacht. Und dann: Viel Lesen. Ich war so ein Kind, dass nachts noch unter der Bettdecke mit der Taschenlampe gelesen hat. Dann: viel Spielen mit Freunden zusammen. Das war im Vergleich zu Fernsehen ein sehr aktiver Zugang zu Kreativität. Wir hatten jede Menge Fantasie-Spiele, haben immer neu entschieden, wer heute Bestimmer sein darf. Oder wir haben in der Zeitung gelesen, dass ein Rentner verschwunden war und haben uns auf die Detektiv-Spur gemacht. Wir bekamen Geschichten vorgelesen, mein Vater dachte sich jeden Abend neue Gute-Nacht-Geschichten aus: Da gab es Affen, die Unsinn machten und alles kaputt machten, da waren Bär und Hirsch Hauptfiguren. Uns war es auch ohne Fernsehen nie langweilig.
Haben Sie denn jemals zumindest einen Rentner finden können?
Nein, der war nur verwirrt und ist wieder aufgetaucht. Wir gingen selbstverständlich von einem Verbrechen aus, sind durch die Wälder gestreift und wollten den Tätern auf die Spur. Wir waren mit Proviant ausgerüstet und haben unseren Weg mit Eierschalen markiert, um wieder zurück finden zu können.  Sie haben ja nach den Werten gefragt: Neben der sozialen Bindung und der Kreativität war ein zentraler Wert auch die Bindung an Natur. Ich merke noch heute, dass es mich am meisten entspannt, wenn ich raus kann: Natur, Berge, Tiere.
Wenn ich Ihren späteren Bezug als Programmchefin der Unterhaltungssender von Turner zu bewegten Bildern -oder als Autorin zu Worten und Geschichten- als Ausdruck der Entwicklung eines emotionalen Zuganges bezeichne: In welchem Alter haben Sie diesen Zugang entwickelt?
Na ja, ein Problem dabei war in der Tat, dass ich sehr viele Möglichkeiten hatte. Vielleicht ist es einfacher für Orientierung, wenn das Spektrum der Möglichkeiten kleiner ist oder man nur ein einziges Wahnsinns-Talent besitzt. Bei mir waren es mehrere Themen gleichzeitig: Ich habe Musik gemacht und war im Chor. Gleichzeitig schrieb ich für die Schülerzeitung und veröffentlichte früh Artikel. So gab es gleichzeitig verschiedene Optionen, die mich interessierten: Ein Volontariat in Villingen-Schwenningen habe ich nicht gewählt, weil ich dann ohne Studium zu schnell im Job gewesen wäre.  Ich habe mich auch gegen die  Theater-Schauspielschule in Hamburg entschieden, obwohl ich mir Schauspielerei gut hätte vorstellen können. Schließlich siegte mein Gerechtigkeitsimpuls über meine kreativen Impulse. Ich sah damals diesen Film über den Kennedy-Mord…
Kevin Costner?
Ja, peinlich … das auch noch. Ich dachte: “Boah das ist so ungerecht, da muss man doch etwas tun.“ Dann fand ich mich im Jura-Studium wieder mit irgendwelchen Studenten, die Cabrio fuhren und Halstücher trugen und spätere Kanzlei-Erben waren.  Ich mit meinem Wunsch, Schwachen und Armen zu helfen, wurde eher ein wenig belächelt. Und als jemand, der Sprache liebt und gerne mit Worten umgeht, trieben mich Gesetzestexte und Juristendeutsch echt in den Wahnsinn. Jura also war es nicht.
Woher kommt das denn her?
Wat’n?
Ihre Affinität zu Gerechtigkeit.
Ich bin Schütze. Lachend: Super Antwort, oder?
Wenn man mit wenig zufrieden ist…das Sternbild Schütze passt ja als Bild eher nicht zu Ihren sozialen Neigungen: Schützen drücken doch nur ein Auge zu, damit sie besser auf andere zielen können.
(Lachend) Also: Ich habe eine sehr couragierte Mutter. Immer, wenn etwas nicht in Ordnung war, hat sie den Mund auf gemacht. Wenn draußen auf der Straße etwas passierte oder in der Schule etwas los war, hat sie immer eingegriffen und nie weggeschaut. Sie hatte nie Angst. Ich glaube, das hat mich sehr geprägt. Ich mag Menschen gerne und ertrage Ungerechtigkeit ganz schlecht. Ich will immer, dass es anderen gut geht. Schon als Kind hatte ich Mitgefühl, wenn beim Metzger die Senioren haben ihre letzten Groschen aus dem Geldbeutel suchen mussten, um ihr Essen zu bezahlen.
Jura war also gegessen, Costner auch und Sie mussten nach einem anderen Weg suchen.
Ja, irgendwie war immer schon klar, dass ich in den Medien lande. Schon während des Studiums hatte ich weiter Artikel für Kultur- und Musikthemen geschrieben, beim Schwarzwälder Boten oder auch mal für den Kulturteil der Welt. Nach dem Jura – Studium habe ich dann bei MTV angefangen: zunächst mit einem Praktikum. Damals hätte ich zu “Akte 99“, zu “Focus-TV“ und zu MTV gehen können. Ich war Musik – Fan, wollte zu MTV, und der Sender passte zu meinem Lebensgefühl. Danach lief alles von alleine. Als ich anfing, kam gerade Elmar Giglinger von VIVA 2 als Programmchef dazu, wir waren in einer echten Aufbruchstimmung. Das war eine tolle Zeit:  Ich war ein Jahr in München, ging dann für 2,5 Jahre  nach London, kam zurück nach München und ging schließlich nach Berlin. Ich habe alle Abteilungen im Programm durchforstet, die man so machen kann: Von der Programmplanung, über den internationalen Einkauf bis hin zu Development, Produktionsentwicklung und habe dann noch VIVA und Comedy Central dazubekommen.
In welchen Funktionen?
Als “Head of“.
Ein “f“?
(Lachend) Ja. Bis ich 2007 dann weg war und als Programmchefin zu Turner ging.
Da waren es zwei “f“. Warum Turner?
Ich wollte in einem internationalen Netzwerk bleiben. Ich hatte noch ein Angebot eines anderen Senders, den will ich aber nicht nennen.
Welcher Sender war das, den Sie nicht nennen wollen?
Bleibt das unter uns?
Natürlich nicht.
Na dann nicht. Soviel: Es war ein deutscher Sender.
Tier TV oder Bibel TV boten wahrscheinlich dann doch zu wenig Perspektiven. Was schätzen Sie denn am internationalen Kontext?
Ich mag andere Länder und Kulturen, und damals hatten wir bei Turner eine wunderbare Kombination: Die Atmosphäre eines Startup mit einem internationalen Konzern im Rücken. Das war ein tolles Modell, so starten zu können und eine seltene Chance. Jeder Mitarbeiter, der da ist, ist auch gewollt und nicht geerbt.
Was haben Sie eigentlich  am 11.09.2001 gemacht?
Oh ja, ich war in London und habe vier Tag lang durchgearbeitet: Sondersendungen, permanente Calls, Gedenktafeln und Schweigeminuten. Permanentes Screening, Veränderungen von Planung und Prüfung, welche Show und welcher Beitrag nun noch zu dieser entsetzlich sensiblen Situation passte. In London fühlte man sich noch einmal anders, weil das Thema irgendwie dichter dran war. Damals gab es auch Gerüchte, dass ein Anschlag auf das dortige Finanz-Center geplant sei. Das war in jeder Hinsicht eine harte Zeit: Hochleistung bei  gleichzeitig vorhandener Angst und permanenter Erschütterung. Ich musste ja viel fliegen in dieser Zeit, man kommt ja anders schlecht aus London weg. Und bei ankommenden Fliegern jedesmal dieser Blick in den Himmel, wenn sie tief flogen. Dann die skurrilen Details: Wir hatten beim den European MTV Award in Frankfurt  eine Anthrax-Bombendrohung  (Anthrax=biologischer Kampfstoff mit Hiroshima-Effekt, z.B.  in Paketen übermittelt, Anm.: Autor). Das Paket wurde dann von Nachbarn gebracht, weil so früh morgens zur Zeit der Auslieferung bei MTV noch niemand im Office war. Es war eine Attrappe. Das war eine Zeit, wo ich nur noch nachhause wollte – zurück in den Schwarzwald.
Was ist denn Kern der Aufgabe einer Turner Programmchefin?
Kern der Aufgabe ist, sich für die unterschiedlichen Sender eine Programmstrategie zu überlegen, Zielgruppen zu definieren, Programm einzukaufen und zu produzieren und zu planen.
Das klingt fast juristisch nüchtern. Was reizt Sie daran?
Inhalt. Das ist derselbe Grund, warum ich das Schreiben oder Musik mag: Weil es um Inhalte geht, um Geschichten, die erzählt werden. Die Form ist nicht so wichtig: Ob es ein Lied ist, ein Buch mit einem guten Text, ein Film oder eine Serie. Es geht um Geschichten, um Emotionen und darum, Menschen mit Inhalten zu unterhalten. Immer, wenn ich mich in einer Sinnkrise frage, ob es auf der Welt nichts Sinnvolleres gäbe, was ich tun müsste, denke ich: Nö. Man freut sich bei allem Ernst, wenn man unterhalten und auch abgelenkt werden kann. Das hat seine Berechtigung. Ich liebe das, ich möchte Programm machen, möchte dabei sein. Natürlich ist ein großer Teil auch Management, um in meiner Rolle die Voraussetzungen zu schaffen, dass mein Team sich wohl fühlt und gut arbeiten kann.
Switch: Wie stehen Sie denn zu den Öffentlich-Rechtlichen und ihrer Argumentation der eigenen Daseinsberechtigung?
Bestimmte Bereiche finde ich gut, und sie haben ihre Daseinsberechtigung. Nachrichten, politische Magazine, Sport – selbst Volksmusik, die ich persönlich nicht gerne schaue. Natürlich haben Öffentlich-rechtliche ihren Bildungsauftrag. Ich frage mich allerdings, ob es in der Tat jede Menge Unternischen und zig WDR-Subprogramme braucht. Ich finde die Dritten okay, weil regionaler Bezug nachvollziehbar ist. Wenn ich aber sehe, wie viele Spartenkanäle und Untersender es gibt, hört bei mir das Verständnis auf: Wozu brauche ich WDR Essen, WDR Münster und viele andere nebenher, nach Städten getrennt, die um die Ecke liegen? Noch schwieriger finde ich es allerdings, wenn die Öffentlich-Rechtlichen viel Geld für Programme investieren die sonst auch bei den Privaten laufen würden, US-Serien, Blockbuster, oder z.B. die Champions-League.
Das Argument des Bildungsauftrages ist ein zunehmend ungeprüft-funktionalisiertes Vehikel zur akademischen Abgrenzung von den Privaten. Es stimmt aber längst nicht mehr durchgängig: Zum Thema Schulden etwa hat RTL -ohne jeden Auftrag- mit Peter Zwegat die Bildung übernommen. Und dann sind da noch Headcount, Kosten und üppig dimensionierte Organisationen…
Ob es 8 Milliarden braucht, die auf 12 Milliarden aufgepeppt werden sollten, ist die Frage. Das sind einfach abenteuerliche Zahlen und Budgets für aufgeblasene Apparate. Ich glaube  nicht einmal die BBC hat diese Budgets. Da läuft einiges schief.
Wenn wir schon beim Geld sind: Wozu genau braucht es neben der GEZ in Deutschland denn Bezahlfernsehen?
Das eine bekomme ich mit einer GEZ-Quasi-Steuer vorgesetzt, und für das andere entscheide ich mich bewusst. Das ist ein wichtiger Unterschied in der Frage, was ich als Zuschauer steuern kann. Pay TV bietet als Mehrwert die klassischen Vorteile: Keine Unterbrecher-Werbung in Verbindung mit nicht quotengetriebenen Inhalten, weil  wir  zum größten Teil uns über Subscriber finanzieren. Wir können manche Themen anders und mit längerem Atem angehen und müssen Formate, die eine längere Anlaufzeit für Erfolg brauchen, nicht aus Gründen der Quote zu schnell vom Schirm nehmen. Wir können andere Serien einkaufen, die ProSiebenSAT.1 nie einkaufen würde, wie etwa von HBO. Wir können Formate um 20.15 senden, die von Privaten im Spätprogramm versteckt werden müssen, weil wir eine Jugendschutz – PIN haben. Wir zeigen alle Sendungen und Spielfilme wahlweise auch im Englischen Originalton. Es gibt in Kombination ein ganzes Bündel von Vorteilen mit deutlichem Mehrwert für Zuschauer. Nicht alle Programminhalte decken die breite Masse ab. Vieles was wir zeigen  ist in der Tat Qualitätsfernsehen.
Der deutsche Fernsehmarkt wird ja gerne mal mit dem internationalen Markt verglichen, hat aber eine ganze Reihe historisch nicht vergleichbarer Besonderheiten, gerade auch im Zusammenspiel der gerne genutzten Begriffe Pay TV und Free TV. Wie ist denn Ihr Blick darauf?
Pay TV ist ohnehin ein zwiespältiger Begriff. Aus meiner Sicht machen wir Premium TV. Für ARD und ZDF etwa muss man ja auch bezahlen. Nur eben nicht zwangsläufig freiwillig. Deutschland ist ein spezieller Markt. Schaut man auf andere Länder, dann  hat Pay TV häufig zuerst die Top-Formate, bevor sie etwa im Free TV zu sehen sind. Bei uns ist es durch die jahrelangen Deals der Privaten mit den Studios anders. Vieles läuft bei uns zuerst im Free TV. Also kauft Pay TV für Deutschlandpremieren teilweise kleinere Perlen und Juwelen  auch von kleineren Studios  wie HBO oder Showtime und arbeitet an einer langsamen Modifikation der Umstände. Da ist auch strategisch kluger Umgang mit unternehmerischem Risiko gefragt: Kauft man ein großes Thema mit life of series, es floppt im Free TV und man hat es weiterhin – ich weiß es nicht. Wir schaffen eine Mischung: hochwertige Serien, die gut gemacht sind und Mehrwert schaffen. Viele haben ihre Emmys abgeräumt. Und wir haben viele Eigenproduktionen, die uns die Möglichkeit geben, gute Inhalte mit eigenem Gesicht zu gestalten. Wir haben natürlich den Vorteil des internationalen Netzwerkes: Wenn wir uns TNT Serie  anschauen, haben wir dort mit “Falling Skies“ eine Steven Spielberg  und TNT – Original Produktion , an der wir alle Rechte halten: Wir konnten sie bei uns erstausstrahlen und gleichzeitig an die Privaten -in diesem Fall Pro7- weiterverkaufen. Da wird noch mehr kommen, die internationale Zusammenarbeit mit dem Mutterhaus wird auch für künftige Themen noch enger werden.
Möchte man als Zuschauer dem flächendeckenden Talk-Show-Overload der Öffentlich-Rechtlichen entrinnen, ist man in einer annähernd ausweglosen und verzweifelten Situation und braucht intelligente Strategien. Mal abgesehen, dass Sie als Ausweg sicher Ihr eigenes Portfolio empfehlen, was halten Sie von der Flut der Talk-Formate?
Ich find´s schwierig. Ich selbst – was gucke ich denn? Hart aber fair“ habe ich früher geschaut, in letzter Zeit haben sie viele Wischi-Waschi-Themen. Patchwork-Familie: Die hat man oder nicht, aber was soll ich denn darüber streiten? “Dafür“ und “dagegen“ passt doch gar nicht zu einem solchen Thema. Anne Will habe ich nie geschaut. Maischberger schaue ich ab und zu, das hängt von den Gästen ab.
Der Name Jauch sagt Ihnen etwas?
(Lachend):Ja Herr Jauch. Ich finde, das Studio sieht super aus, und er ist sich treu geblieben. Er ist wie er ist.
Wenn er ist, wie er ist, wie ist er?
Ein bisschen pragmatisch, ein wenig distanziert, aber in einer netten Art.
Noch einmal suggestiv an Sie als Programmchefin: Diese generalisierte Talk-Show Kontaktwut stellt doch ein relatives Optimum an Belästigung dar, oder?
Wenn man die Programmierung der Woche plant, muss man sich auf Wochenenden einerseits und auf die Gegebenheiten der Arbeitswoche von Zuschauern von Montag bis Freitag einstellen. Man differenziert zwischen tagsüber und abends. Zuschauer gehen meistens etwa zur selben Zeit aus dem Haus und kommen abends nach der Arbeit zurück. Nach der Rückkehr hat jeder seine Routinen zur Entspannung, auch im TV-Nutzerverhalten, horizontal gestrippt. Jeder will dann seine Serie, sein Magazin, seine Soap sehen – was auch immer.  Nach 20.15  ist mehr Aufmerksamkeit da, man kann vertikal programmieren. Das Problem bei Talk-Shows ist, dass Zuschauer „anders dranbleiben“ müssen. Sie müssen wach sein, die Themen müssen interessieren. Natürlich bin ich nicht jeden Abend in der Verfassung, Lust und Laune, mich diesen ganzen Alltagsproblemen zu stellen. Eskapismus, also Abschalten und Abtauchen in andere Welten und Themen ist eines der Motive, warum Fernsehen überhaupt geschaut wird. Hier ein Konflikt, da ein Konflikt – da möchte man manchmal nicht zugelabert werden: schon gar nicht von immer denselben Leuten, die einem Dinge erzählen, die sie genau so vor zwei Tagen in einem anderen Format erzählt haben. Die stehen für ein Thema und machen ihre 10 Punkte, die sie überall ableiern. Keine neuen Impulse, sondern Beliebigkeit. Schwierig. Ich esse ja auch nicht jeden Abend Spaghetti.
Gesichtsverleiher. …Sie selbst sind ja Frauenversteherin und wollen mit glitz*…
(lacht)..
..geschieht mir eher selten, dass mitten in einer Frage gelacht wird.
Ich habe schon bei „Frauenversteherin“ gelacht.
  ..im nächsten Mai einen Frauensender starten. Wozu braucht es Frauen….Sender?
Ach, um einen Platz, eine Art Heimat zu haben.
Ein Heimatsender also?
Ja, die Tonalität, die Auswahl der Formate bieten zumindest die große Wahrscheinlichkeit, etwas zu finden, was ich gerne gucke. Wir haben ja den Claim “hier scheint die Sonne“ nicht zufällig gewählt: Es gibt heute so viele unterschiedliche Ansprüche an Frauen – auch solche, die Stress verursachen: Karriere oder nicht? Mit Kind, oder nicht? Oder alles zusammen, aber Size Zero und am besten so aussehen. Und ganz wichtig: Frauen sind nicht nur Make-up und Highheels sondern auch Hirn, Interesse und Gefühl und das wollen wir alles bedienen. Wir wollten einfach einen Platz schaffen, an dem Frauen, egal mit welchem Lebensentwurf, einfach Wärme spüren und sich wohl fühlen. Nicht noch ein Diktat unter der Überschrift: Ihr Frauen müsst so und so sein, oder so und so aussehen. Ein Platz, ähnlich wie eine beste Freundin, an dem man lachen oder weinen kann, ein Platz mit Informationen und guten Tipps, an dem ich so sein kann, wie ich bin. Natürlich kann man Frauen nicht über einen Kamm scheren..
Kann man nicht?
Männer mache das vielleicht gerne. Der Mann als solcher quasi.
Als Mann muss ich in Feld führen, dass hinter jedem Mann -im guten Fall- ein Mensch steckt. Und damit auch ein Schicksal.
Natürlich. Frauen jedenfalls haben ein sehr breites Spektrum an Geschmack. Wir decken das ab: Von  Serien bis hin zu Life Style oder ganz unterschiedliche Filmen, die Frauen-affin sind. Und wir grenzen uns von erfolgreichen Frauen-Sendern wie SIXX dadurch ab, dass wir Programme nach Deutschland holen werden, die es hier noch nicht gibt. Es wird viele Deutschland-Premieren geben, Eigen-Produktionen, Serien, Filme, Dokumentationen, auch neue Life-Style-Formate. Wir sind da ja frei in unserer Auswahl. Und es fehlte im Umfeld von Pay TV ein Frauensender. Abos werden dort häufig von Männern, etwa zum Thema Sport gebucht.
Turner hat ja verglichen mit anderen Sendern eine familiäre und grundsätzlich kooperative Unternehmenskultur. Wie kommt´s?
Der Fisch stinkt ja immer vom Kopf, umgekehrt gilt das im Positiven auch. Unser Europa –Chef zum Beispiel ist neben großer Kompetenz einfach ein netter und unprätentiöser Mensch. Er fährt mit der U Bahn, hat keine Roten-Teppich Allüren und hat mit dem Deutschland Chef Hannes Heyelmann jemanden geholt, der exakt dies teilt und ausstrahlt: Kompetenz, soziale Fähigkeiten, ohne künstlich zu werden und abzuheben. Das zieht sich bei uns nach unten durch. Turner legt, da haben Sie Recht, viel Wert auf ein offenes, familiäres Klima. Wir sind irgendwie eine Blender-freie Zone.. Viele kommen über das Thema zu uns und nicht über Eitelkeiten. Unternehmen werden von Menschen bestimmt, und damit kann sich in Abhängigkeit von der Person der Verantwortlichen dies natürlich auch ändern.
Mit Blick auf andere TV-Sender in Deutschland: Finden Sie ein ähnliches Klima noch bei Wettbewerbern?
Früher bei MTV: Wir hatten alle die Liebe zur Musik und hatten mit Elmar Giglinger einen Chef, für den jeder  wirklich gerne gearbeitet hat. Turner ist im Vergleich die ein wenig erwachsenere Variante als Viacom damals. Dort wurde viel umstrukturiert und schnell geändert. Bei Turner gibt es Kollegen, die seit 20 Jahren dort arbeiten und nie braindead geworden, sondern mitgewachsen sind. Ich kannte das vorher so gar nicht. Das ist nachhaltig. Die klassisch-amerikanische Hire-and-Fire-Mentalität hat Turner überhaupt nicht.
Sie haben als Autorin insgesamt 5 Bücher geschrieben, die alle sehr erfolgreich sind, „Klatschmohn“, „Flurfunk“, „Fremd Flirten“, „Heute, morgen und für immer“.„Flaschendrehen“ lief sogar auf SAT.1.
Ich schreibe gerade am sechsten. Es spielt unter anderem im Kloster.
Wann schreiben Sie denn? Als Programmchefin von Turner ist das ja auch eine Frage von Ressourcen.
Das stimmt. Manchmal abends und am Wochenende und viel in den Ferien. Der Winter eignet sich besonders: Draußen ist es dunkel, drinnen gemütlich, da kann man sehr gut arbeiten.  Ich habe ja den Vorteil, nicht wie andere Autoren viel Zeit in Recherche stecken zu müssen.  Schreiben kostet nicht nur Ressourcen, sondern gibt auch viel: Nur ich und der Laptop, viele Dinge im Kopf und sehr zurückgezogen und für sich, das hat schon etwas. Mein neues Buch schreibe ich zum ersten Mal ohne Vertrag. Ich habe genug Deadlines und arbeite ohnehin diszipliniert, den zusätzlichen Druck, schon Geld erhalten zu haben und in Anhängigkeit von einer Timeline zu sein, brauche ich nicht.

Christopher Lesko (li.) und Anke Greifeneder

 Was und wen verabscheuen Sie?
Was: Arroganz. Ich hasse Menschen, die sich über andere stellen. Wer im Restaurant den Kellner schlecht behandelt, um Sekunden später seiner Geschäftspartnerin in den Mantel zu helfen, wäre so ein Kandidat. Wen: Als Person fällt mir niemand ein. Aber ich hasse Unterdrücker. Menschen, die andere ihrer Würde berauben oder gar über Profit andere ausbeuten.
Kennen Sie Angst?
Ja! Früher Flugangst. Als ich sechzehn war, flog ich nach Argentinien und über Brasilien, gab es riesige Turbulenzen. Danach hatte ich länger Flugangst, inzwischen ist es wie Bus fahren. In der Terrorzeit hatten wir einmal eine Flugangst-Gruppe der Lufthansa im Flugzeug und wussten es nicht. Plötzlich beim Start, wo es ja meistens still ist, fing plötzlich einer laut an zu schreien. Wir haben nicht verstanden was. Die ganze Gruppe machte dann gebetsmühlenartige Entspannungsbewegungen, das war komisch.
Wie viele wirkliche Freunde haben Sie?
Richtig gute – 4-5. Jeder aus einer bestimmten Zeit meines Lebens.
Herzlichen Dank für das Gespräch!


Mehr über den Autor: www.leadership-academy.de

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