„Tatort“: nur „ein ganz normaler Fall“

Bereits zum 60. Mal sind Batic und Leitmayr mittlerweile für die ARD im Einsatz. Dabei sind die Münchner so etwas wie der fleischgewordene Mainstream. Sie sind weder so witzig wie ihre Kollegen aus Münster, noch so brilliant wie das neue Frankfurter Duo oder so konsequent wie der Noch-Hamburg-Ermittler Mehmet Kurtulus. Dafür sind sie längst eine seriöse Konstante, die regelmäßig schlichte, aber schmackhafte Krimi-Kost abliefert. Zuschauer und TV-Manager schätzen so viel Verlässlichkeit.

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Dass der Jubiläums-Krimi des bereits ergrauten Alt-Herren-Doppels nicht komplett im Mittelmaß versinkt, liegt diesmal weder am routinierten Spiel von Udo Wachtveril und Miroslav Nemic, noch an den Nebendarstellern, denen man tatsächlich die Lust am Schauspiel ansieht, sondern viel mehr an der Story, der es – zumindest gefühlt – zum ersten Mal im Krimifernsehen gelingt, unaufgeregt mit dem Thema Mord und Judentum umzugehen.
Denn diesmal ermitteln die bayerischen Hauptkommissare auf politisch heiklem Terrain. In einer Münchener Synagoge liegt eine Leiche. Schnell fällt der Verdacht auf den orthodoxen Juden Fränkl (Alexander Beyer). Aber auch der Rabbiner Grünberg gehört noch zum Kreis der Verdächtigen. Um das solide Krimiset abzuschließen, gibt es natürlich noch den obligatorsichen Outsider: Diesmal wird dieser von Florian Bartholomäi hervorragend, aber völlig überraschungsfrei gespielt.
Soweit so gewöhnlich. Seinen Charme und auch sein Niveau zieht der Film nicht aus seiner Krimi-Handlung, sondern aus der Unaufgeregtheit, mit der die beiden altgedienten „Tatort“-Haudegen ermitteln. Sie ignorieren die Frage nach dem politisch korrekten Verhalten. Damit gelingt Regisseur Thorsten C. Fischer und den Autoren Daniel Wolf und Rochus Hahn etwas ganz Wunderbares: Das Judentum in Deutschland wird ganz entspannt einfach nur als eine Weltanschauung wie jede andere dargestellt.
Bei so viel Religionsfrieden muss schon ein wenig Zwist zwischen den Ermittlern her, um wenigstens für ein paar Konflikte zu sorgen. Ansonsten tut der Film wenig weh, ohne dass es eine echte Überraschung geben würde.
Allerdings: Mit einem wunderbaren Kniff kann der Film aufwarten. Als Batic und Leitmayer den verdächtigen Fränkl festnehmen wollen, flüchtet er, bleibt aber auf einmal stehen. Grund: Als gläubiger Jude darf er am Sabbat nur 1000 Ellen weit laufen. Eine der wenigen pfiffigen Wendungen.
In „ein ganz normaler Fall“, sieht der Zuschauer zwei routinierten Beamten bei der Arbeit zu. Die Folge: eine von der Vergangenheit emanzipierte Generation löst einen politisch heiklen Fall. Diese beruhigende Normalität ist es, aus der der Krimi seine Kraft zieht.
PS: Den Mörder erkennen erfahrene Krimi-Fans diesmal bereits nach seinem ersten Auftritt. Aber was will man erwarten. Es ist eben nur "ein ganz normaler Fall".

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