“Die Verträge sind absolut branchenüblich“

Das Sat.1-Format “Schwer verliebt“ geriet in den letzten Wochen massiv in die Kritik. Kandidatin Sarah, 27, berichtete der Rheinzeitung über Mobbing nach Ausstrahlung des Formates und kritische Praktiken der Fernsehmacher im Umgang mit ihr. Neben der Rheinzeitung griffen weitere Medien das Thema auf. Erstmalig antwortet MEEDIA der Senderverantwortliche Sascha Naujoks, 34, Vice President Reality bei ProSiebenSat.1, auf Fragen von Christopher Lesko auf Aspekte der aktuellen Kritik.

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Das Beziehungsanbahnungsformat “Schwer verliebt“ schlägt Wellen. Gebaut sind diese jedoch weniger aus der Wahrnehmung aktueller Quotenerfolge, sondern aus Kritik: Art und Weise von Produktgestaltung und Kooperationsvereinbarungen, so die Kritiker, habe deutlich Grenzen überschritten.
Die Rheinzeitung berichtete in einer längeren Strecke über die Erfahrungen der Kandidatin Sarah aus Fischbach, veröffentlichte Auszüge der Verträge und richtete Sarah eine Unterstützungs-Website ein: Aufsarahsseite.rhein-zeitung.de.‘>Spiegel Online, Süddeutsche und Bild nahmen den Ball in verschiedenen Beiträgen auf. Selbst Kurt Beck, Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz und Vorsitzender der Rundfunkländerkommission, forderte eine Überprüfung von sogenannten “Kuppelshows“.
Vorwürfe und Kritik beschreiben – vereinfacht gesagt – insgesamt eine Form der Format-Gestaltung, welche zugunsten der Quote die Realität verzerre, Kandidaten in ein Script teilweise vorgeschriebener Dialoge zwinge oder unangemessen die Werkzeuge der Post-Production nutze. Die mit den Kandidaten geschlossenen Verträge werden als “Knebelverträge“ im Dienst der bezahlten “Aufgabe von Persönlichkeitsrechten“ beschrieben.
Unabhängig von der Frage realen Bodens der Vorwürfe treibt die aktuelle Diskussion auch bei einigen Kritikern Blüten. So titelt etwa Welt online grenzwertig: “Wie SAT.1 mit infantilen Dicken Quote machen will“, SpON titelt: “Hauptsache, es wabbelt“. Diese feingeistige Gestaltung von Headlines lässt zumindest die Vermutung zu, dass sich auch Kritiker innerhalb einer moralisch einwandfreien Position zugunsten von Aufmerksamkeit verbal einiger Stilmittel bedienen, die Sender und Produktion vorgeworfen werden. Auch wenn der Vergleich hinken mag: Die eine oder andere Kritiker-Headline wirkt ein wenig, als wollten Pazifisten einen Diktator mit vorgehaltener Kalashnikov zum Frieden erpressen. Auch dies instrumentalisiert letztlich Kandidaten.
Die Sichtweise, immerhin seien jene Kandidaten, die Verträge unterschrieben, doch erwachsene Menschen, denen zumindest partiell auch Verantwortung für ihr Handeln zugemessen werden müsse, spielt in der aktuellen Diskussion kaum eine Rolle. Allerdings: So wenig, wie dieses Argument alleine für Sender und Produktion einen Freifahrtschein – für was auch immer – darstellt, darf es innerhalb der aktuellen Diskussion in toto ignoriert werden. Eine Einteilung der Welt in “Gut“ und “Böse“, in “Täter“ und “Opfer“ digitalisiert komplexe Zusammenhänge und springt meistens zu kurz – egal, von wem sie vorgenommen wird.
Insgesamt scheint der Diskurs um “Scripted Reality“ – statt durch vernünftiges Niveau – seit Langem bestimmt durch die Redundanz endloser moralischer Stellungskriege. Jede Kritik per Reflex grundsätzlich abzuwehren, hilft Sendern und Produktionen dabei ebenso wenig, wie es manchen Kritikern nutzt, erbarmungslos – aus scheinbar moralisch einwandfreier Position – von Elfenbeintürmen herab zu diagnostizieren.
Erstmalig antwortet nun Sascha Naujoks, Senderverantwortlicher für “Schwer verliebt“ MEEDIA per Mail auf einige Fragen im Kontext der aktuellen Kritik:
Herr Naujoks, Sie kennen nicht nur die lange Diskussion um “Trash-TV“ und “Scripted Reality“, sondern als inhaltlich Verantwortlicher sind Sie in Ihrer Rolle Ziel von Kritik. Wie ist Ihre Haltung dazu?
Diese Diskussion begleitet mich schon seit Jahren. Was ist überhaupt “Trash“? Gibt es dafür eine allgemein gültige Definition? In erster Linie entscheidet der Zuschauer. Der eine schüttelt den Kopf über Reality-Formate, ein anderer wiederum fühlt sich davon bestens unterhalten. Das gilt doch für jede Sendung:  Manche Zuschauer lieben das “Traumschiff“, bei anderen stellen sich bei den Geschichten an Bord sofort die Nackenhaare auf. Warum sollten wir als Fernsehmacher nicht die unterschiedlichsten Geschmäcker bedienen?
Bei Sat.1 haben Sie “Schwer verliebt“ auf die Straße gebracht. Kritiker bezeichnen das – von der Quote her sehr erfolgreiche – Format als eine entwürdigende “Bauer sucht Frau“-Kopie. Anzeigen bei der Landesmedienanstalt gingen ein, die Rheinzeitung veröffentlichte im Kontext mit der Kandidatin Sarah Teile der Verträge. Süddeutsche, Spiegel und Bild berichteten. Die Vorwürfe reichen von Verbiegung der Realität durch vorgeschriebene Dialoge über möglicherweise sittenwidrige Verträge bis hin zu Bildern möglicher Verletzung von Persönlichkeitsrechten der Protagonisten. Halten Sie auch nur ansatzweise für möglich, dass in Teilen oder in Summe diese Vorwürfe einen realen Boden haben?
Zunächst einmal ist “Schwer verliebt“ eine sehr erfolgreiche Sendung aus Österreich, deren Rechte wir uns sichern konnten und wir freuen uns, dass auch die deutsche Version in Sat.1 Erfolg hat. Ziel des Formates ist es, möglichst viele einsame Herzen glücklich zu machen. Über Sarahs Vorwürfe sind wir daher sehr verwundert. Während der Dreharbeiten und auch nach der Ausstrahlung der ersten Folgen haben wir positives Feedback von ihr erhalten. Sie rief sogar am Montag nach der ersten Sendung an und fragte nach Autogrammkarten! Dann kam der plötzliche Bruch: Sarah entschied sich, nur noch mit einer Regionalzeitung zu sprechen. Auf einmal soll alles schlecht gewesen sein? Dieses Verhalten stößt bei weiteren Kandidaten und Bewerbern von “Schwer verliebt“ auf Unverständnis. Auch die beiden Männer, die Sarah über die Sendung kennen gelernt haben, sind total enttäuscht von ihr und können Sarahs Stimmungsumschwung nicht nachvollziehen.
Wie genau werden Sie als Senderverantwortlicher reagieren?
Wir verfolgen die Diskussion interessiert und behalten uns rechtliche Schritte vor.
Letztendlich kaufen Sie ja das Format in der Endfassung von der Produktionsfirma. Wie genau oder wie wenig haben Sie denn Kenntnis von Verträgen – oder nehmen Einfluss auf die Verträge -, die mit den Kandidaten und Protagonisten geschlossen werden?
Die Kandidaten-Verträge werden zwischen diesen und der Produktionsfirma geschlossen. Mit Ufa Entertainment haben wir bei “Schwer verliebt“ eine renommierte Produktionsfirma an Bord, die bereits viele andere Erfolgsformate realisiert hat. Soviel ist sicher: Die Verträge sind absolut branchenüblich.
Wenn wir das Vorwurfsbündel “moralischer Flexibilität“ betrachten: Wo sind denn aus Ihrer ganz persönlichen Sicht Grenzen, die nicht überschritten werden sollten?
Natürlich gibt es Grenzen, die eingehalten werden müssen. Nicht umsonst wacht der Jugendschutz darüber, dass wir keine pornografischen oder Gewalt verherrlichende Inhalte zeigen. Innerhalb der gesetzlichen Grenzen versuchen wir als Kreative aber natürlich, verschiedene Dinge auszuprobieren. Da hilft es ungemein, gedanklich flexibel zu bleiben.
Mehr über den Autor: www.leadership-academy.de

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