„The Voice“: große Show mit kleinen Macken

Bei ProSiebenSat.1 dürften die Champagnerkorken knallen. Die neue Casting-Show “The Voice of Germany” hat zum Auftakt Spitzenquoten geholt und sogar RTLs Top-Format “Das Supertalent” ausgebootet. Und zurecht. “The Voice” ist nach “Schlag den Raab” das gehaltvollste und beste neue TV-Format, das die Sendergruppe in jüngerer Zeit ins Programm genommen hat. Gute Unterhaltung auf hohem Niveau. Es gibt aber auch noch ein paar kleine Macken, die der Show gefährlich werden könnten.

Anzeige

Eine Besonderheit bei “The Voice” ist, dass die Jury die Kandidaten zunächst nicht sieht. 90 Sekunden dürfen die Kandidaten singen. Gefällt einem Jury-Mitglied der Vortrag, kann er oder sie einen Knopf drücken und der Sessel dreht sich. Der Kandidat gehört dann zum Team des Jury-Mitglieds und wird von diesem für die nächste Runde gecoacht. Haben mehrere Jury-Mitglieder den Knopf gedrückt, darf der Kandidat entscheiden, wer ihn unter seine Fittichen nehmen soll. Das ist einer der wirklich charmanten Aspekte der neuen Show. Die Jury selbst muss sich hier nämlich auch zur Wahl stellen. Die Kandidaten sind nicht bloß die armen Hascherl über die entschieden wird, sie dürfen mitreden.

Der Clou ist natürlich, dass die Jury in der ersten Runde, Blind Audition genannt, die Kandidaten nicht sieht. So trat in der Auftaktsendung auch eine dicke junge Frau auf, die mit Bombenstimme einen Adele-Song interpretierte. Bei “Deutschland sucht den Superstar” hätte sie sich wegen der drohenden Dieter-Bohlen-Sprüche wahrscheinlich gar nicht erst beworben. Was “The Voice” außerdem von anderen Casting-Shows unterscheidet, ist das hohe Niveau der gesanglichen Darbietungen. Schon in der ersten Sendung hatte praktisch jeder der Kandidaten mehr Talent und Star-Potenzial als alle “DSDS”-Sieger der vergangenen drei Staffeln zusammen.

Das kommt nicht von ungefähr. Bei “The Voice” hat der Sender die Kandidaten vorausgewählt. Es sind viele ältere Leute dabei, die auch schon als Sänger arbeiten oder sonstige Musik-Erfahrung haben (bei einem Musical oder in einer Boyband oder als Background-Sänger). Das ist bei den anderen, internationalen Versionen des Formats genauso. Einige der Kandidaten überzeugten mit solch perfekten Gesangs-Darbietungen, dass man sich fragt, was die Jury diesen Leuten eigentlich noch beibringen will. Und da hätten wir schon einen der Stolpersteine für die Show. Einer der Erfolgsfaktoren von Casting-Formaten wie “DSDS” ist ja, dass Leute, die zu Beginn noch reichlich ungeschliffen daherkommen im Laufe der Show reifen und immer besser werden. Eine solche Geschichte von Zero to Hero kann “The Voice” nicht erzählen. Viele der Kandidaten dort sind schon “fertig” und hoffen nun auf ihren Durchbruch in der Sendung. Sogar der halbwegs prominente Moderator und Soap-Darsteller Sebastian Deyle nahm an der Blind Audition teil (und fiel durch!). Da ist es fraglich, ob das genug Spannung und Drama hergibt für die nächsten Runden.

Ein weiterer Schwachpunkt der Show ist die Jury. Während sich Nena als Glücksgriff erweist, kommt Xavier Naidoo blasiert und unsympathisch rüber. Die beiden Frontmänner der Band Boss Hoss bleiben eher blass, ebenso Rea Garvey, der Sänger der Gruppe Reamonn. Die Kabbeleien unter den Jury-Mitglieder, wer denn jetzt welchen Kandidaten in sein Team holen darf, wirken abgesprochen. Ebenso das aufgesetzte Getue, ob man jetzt den Knopf drückt oder nicht. Das schadet ein bisschen dem ansonsten sehr authentischen Charakter der Show. Und dann ist da noch die unselige Tatsache, dass die Leute bei ProSiebenSat.1 offenbar so aus dem Häuschen von ihrem neuen Format sind, dass sie es auf ihre beiden Hauptsender verteilen. Die erste Runde, die Blind Auditions, läuft abwechselnd bei ProSieben und Sat.1. Das ist, man muss es so sagen, eine Schnapsidee. So verspielt man die Chance, dass das Format mit einem Sender identifiziert wird.

Dessen ungeachtet hat “The Voice of Germany” sehr großes Potenzial. Die Kandidaten werden behutsam behandelt und nicht vorgeführt. Es geht wirklich um die Musik. Und es ist regelrecht heilsam zu erleben, dass so ein Format auch in der Lage ist, Emotionen auszulösen und einen an einem langen TV-Abend sehr gut zu unterhalten. “The Voice of Germany” gibt einem die Hoffnung zurück, dass doch nicht alles nur Trash und Mist sein muss, damit es im Fernsehen Erfolg hat. Jetzt heißt es es Daumen drücken, dass diese Hoffnung nicht enttäuscht wird.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige