„‚Dönermorde‘ wird Unwort des Jahres“

Die Mord-Serie der Neonazis aus Zwickau ist das beherrschende Thema in den Medien - und scheint einige Blattmacher zu überfordern. Obwohl sich das Bild von Rechtsextremen gewandelt hat, kommen die Artikel nicht ohne Stereotype in der Sprache und Bebilderung aus. Patrick Gensing, Ex-Betreiber des NPD-Blogs, hält dies für ein Versäumnis. "Ich glaube, man würde es sich in keinem anderen wichtigen Gebiet erlauben, dass man über zehn Jahre nicht über Bildsprache nachdenkt", sagt der 37-Jährige im MEEDIA-Interview.

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Vor gut zwei Monaten haben Sie das NPD-Blog geschlossen. Als Grund nannten Sie, dass die Machenschaften der NPD auserzählt seien. Ist die aktuelle Berichterstattung über die rechtsextremistische Zwickauer Zelle nicht eine passende Gelegenheit, das Blog zu reaktivieren?
Das sehe ich nicht so. Ich finde weiterhin, dass über die NPD das meiste gesagt ist, obwohl man jetzt wieder den Eindruck gewinnen könnte, dass viele Leute immer noch erstaunlich wenig über die Partei wissen. Allerdings würde die NPD nun auch nicht ausreichen, um über die Terror-Serie ausführlich zu berichten. Die Idee, sich mit dem neuen Blog Publikative.org viel stärker mit der so genannten Mehrheitsgesellschaft zu beschäftigen, bestätigt sich jetzt eigentlich für mich viel mehr. Die NPD ist ein Problem, ein Symptom. Und ich finde es richtig, dass die Verbotsdebatte wieder aufkeimt. Aber die Ursache liegt woanders, und das wollen wir in dem neuen Blog beleuchten. Es gibt so viele Themen – auch im Zusammenhang mit der jetzt bekannt gewordenen Neonazi-Serie – die nicht mit der NPD in Verbindung stehen. Ich bin mit der Entscheidung, das NPD-Blog zu schließen, ganz zufrieden.

Das Thema Rechtsextremismus ist in Deutschland konjunkturabhängig. Medien und Politik reagieren nur, wenn es einen Anlass dazu gibt. Oft wird das latent aktuelle Thema ausgeblendet oder findet nur in ausgesuchten Zeitungen, TV-Sendungen oder Hörfunkprogrammen Platz. Wie erklären Sie sich das?
So funktionieren Nachrichten im Allgemeinen. Das ist nervig und nicht gut für die Tiefe der Berichterstattung, aber damit muss man leben. Nichtsdestotrotz sollten die Medien es aber auch schaffen, kontinuierlich über Rechtsextremismus zu berichten. Das ist bei einigen Medien, wie beispielsweise der taz, der Berliner Zeitung oder beim Tagesspiegel so. Aber die große Öffentlichkeit hat jahrelang das Thema ignoriert. Ich stehe im Austausch mit anderen Kollegen und weiß, wie schwierig es war, das Thema zu platzieren, wenn beispielsweise Waffen gefunden wurden oder schwere Gewalttaten mit rechtsextremistischen Hintergrund passiert sind. Das spielte keine Rolle, war alles unterhalb des Radars.

Wie sieht es jetzt aus?
Jetzt ist ein Zeitfenster offen, wo man im Prinzip gar nicht mehr hinterher kommt mit der Berichterstattung. Jetzt kann man alles rauspusten, was man in den letzten Jahren recherchiert hat. Das führt dann allerdings schnell wieder zu einem Sättigungseffekt, so dass die Leser und Zuschauer nach einer Woche Dauerberieselung sagen: "Wir haben genug davon." Es wäre viel sinnvoller, wenn es eine kontinuierliche, unaufgeregte und hintergründige Berichterstattung geben würde.

Eine der Begründungen, warum Medien nicht regelmäßig über rechtsextremistische Taten berichten, lautet, dass sie keine Nachahmer auf den Plan rufen wollen.
Das halte ich für Schwachsinn, genauso wie das abseitige Argument, dass man durch die Berichterstattung über die NPD dieser nur eine Plattform böte. Es geht nicht darum, ob man berichtet, sondern wie man berichtet. Wenn ich in meinen Artikeln Probleme überdramatisiere oder Leute verkläre, hat das natürlich negative Effekte. Aber die Aufgabe des Journalismus muss es doch sein, wichtige Phänomene und akute Gefahren zu beschreiben und das journalistisch darzustellen. Wer meint, dass er das nicht kann, sollte die Finger davon lassen. Die Versäumnisse der vergangenen Jahre fallen uns jetzt auf die Füße. Es hat sich eine riesige Szene entwickelt, es gibt sehr viel NS-Propaganda, nun gibt es eine Terrorzelle. Die Öffentlichkeit hat die Augen verschlossen, sie wollte nichts davon hören. Ich halte das für ein abwegiges Argument.

Wie nehmen Sie die aktuelle Berichterstattung wahr? Wird Ihrer Meinung nach objektiv berichtet? Nach Bekanntwerden der Gewalttaten fielen schnell die Worte "Terror", "Dönermorde".
Zu der Bezeichnung "Dönermorde" ist schon eine ganze Reihe gesagt worden. Ich denke, dass es zu recht das Unwort des Jahres 2011 werden wird. Der Begriff ist rassistisch, stereotyp und wirklich schlimm auch für die Opfer und Angehörigen. Die aktuelle Berichterstattung ist derzeit sehr, sehr umfangreich, interessant und vielschichtig. Ich frage mich nur, wie lange das noch anhält. Ich finde es erstaunlich, wie viel von den Medien herausgefunden wird. Was mich dabei stört, ist, dass jetzt zunehmend über mehr Kompetenzen für Sicherheitsbehörden berichtet wird. Die Bundesregierung hat es wieder geschafft, ihre Agenda zu setzen. Das halte ich für eine absurde Debatte, weil wir es hier damit zu tun haben, dass die Sicherheitsbehörden bestimmt mehr als genug Möglichkeiten hatten, Neonazis zu überwachen. Wir sollten erstens über Kontrolle und Transparenz von Geheimdiensten sprechen und zweitens über Rassismus. Denn diese Mordserie wäre so nicht geschehen, wenn die Geheimdienste die Anschlagsversuche ernst genommen und nicht gedacht hätten, dass es sich hier um Milieukriminalität handelt. 

Finden Sie den Spiegel-Titel "Die Braune Armee Fraktion" gelungen?
Die Titelgeschichte war schon sehr beeindruckend, über den Titel kann man sich streiten. Es ist eine Schlagzeile, die gut klingt und sich gut verkaufen lässt. Der Begriff Terrorismus ist historisch mit der RAF verbunden. Ich finde den Titel aber unpassend.

In Bezug auf die Bebilderung erwecken viele Medien den Eindruck, dass sie hilflos dem Thema gegenüber stehen. Noch immer werden Artikel über Rechtsextremismus mit Fotos von Neonazis, die Glatzen und Springerstiefel tragen, bebildert.
Das zeigt eindeutig, wie geschlafen wurde über die Jahre. Ich glaube, man würde es sich in keinem anderen wichtigen Gebiet erlauben, dass man über zehn Jahre nicht über Bildsprache nachdenkt. Natürlich gibt es noch Nazis, die Glatze tragen. Die sind aber mehr das Fußvolk, das nicht so ganz ernst genommen wird. Im organisierten Rechtsextremismus ist das Bild ein anderes. Es ist ein Versäumnis der Medien. Man muss sich einfach mal mit Fotografen zusammensetzen, die Ahnung haben, und einen Schwung an Bildern von den Aufmärschen kaufen. Das dürfte nicht so schwierig sein.

Laut einer Studie hat die Zahl der rechtsextremen Websites abgenommen, dafür sind die Neonazis mehr in den Communities aktiv. Wie hat das Web 2.0 die Medienarbeit der Rechtsextremen verändert?
Das bewegt sich synchron zu dem Verhalten aller Menschen. Die Nazis benutzen das Internet wie andere Menschen auch. Einzelne Websiten und Blogs haben nicht mehr so die Bedeutung, wie es vor drei, vier Jahren noch der Fall war. Durch Facebook und die anderen Netzwerke ist die Aufmerksamkeit dahin gewandert. Was die Anzahl der Nazi-Websites immer verzehrt hat, war, dass es zu jedem Aufmarsch eine eigene Seite gab. Es wurde über die Jahre immer wieder summiert, obwohl nicht überprüft wurde, ob die Websites noch gepflegt wurden. Das ist nun zum Glück korrigiert worden. Um so wichtiger sind die sozialen Netzwerke, aber auch da haben die Nazis das Problem, dass sie gerade jetzt nach dieser Terror-Serie dort rausgeworfen werden. Ich habe den Eindruck, dass Facebook durch den öffentlichen Druck erkannt hat, dass das geschäftsschädigend für sie ist und deswegen nun auch handelt. Für die rechtsextreme Bewegung ist das Internet enorm wichtig, weil sie keinen Zugang zu Massenmedien und sie nicht unbegrenzt finanzielle Mittel haben. Dort können sie umsonst kommunizieren und ihre Propaganda verbreiten. Versandhändler können ihre Ware bis ins letzte Dorf verkaufen, ohne dass es dort einen Szeneshop braucht. Wenn ich Nazi werden will, finde ich im Netz auf jeden Fall alles, was ich brauche. Aber es wird keiner Nazi, nur weil er im Netz was darüber gelesen hat.

Mit der Schließung des NPD-Blogs ging der Launch Ihres neuen Projektes hervor. Auf Publikative.org mit dem Untertitel "Die vierte Gewalt klärt auf" haben Sie sich breiter aufgestellt. Es geht nicht mehr nur um Rechtsextremismus, sondern auch um Antisemitismus, Islamfeindlichkeit und Linksextremismus. Wie greifen Sie das aktuelle Thema über die Zwickauer Terror-Zelle auf?
Wir sind drei Redakteure und betreiben die Seite in unserer Freizeit. Dazu gibt es eine Reihe an Autoren. Aufgrund dieser begrenzten Ressourcen können wir zur Zeit nicht mit den großen Medienangeboten konkurrieren. Vorher war es so, dass man sich die Nischenthemen gesucht hat, die unterpräsentiert waren, wozu auch Rechtsextremismus gehörte. Jetzt ist es so, dass wir uns darauf konzentrieren, die Ereignisse zu kommentieren. Beispielsweise, inwieweit der militante Rechtsextremismus in Ostdeutschland schlimmer sein soll als in Westdeutschland. Es geht uns mehr um Meinung, als jetzt nur noch Fakten zu liefern. Langfristig betrachtet kostet es einfach zu viel Zeit, wenn man jede Kleinigkeit recherchiert, und das wird dann von einem großen Medium einmal abgeschrieben ohne Quellenangabe. Darüber kann man sich freuen, dass man richtig lag, aber das war’s dann auch. Das kann nicht der Weg sein.

Wird man denn über den Bereich Rechtsextremismus überraschende Meinungen lesen?
Ich finde, dort gibt es sehr viel, über das man sich streiten kann. Rechtsextremismus ist ja nichts Exotisches, sondern es ist spannend zu beobachten, wie die Gesellschaft damit umgeht. Beispielsweise, wie die Politik das Thema über Jahre ignoriert hat oder wie die Opferzahlen runtergerechnet wurden. Ich bin ganz optimistisch, dass uns die Themen nicht ausgehen. Natürlich ist jeder gegen Rechtsextremismus, aber auf unserer Seite werden wir mehr in die Tiefe gehen. Ich bin mir sicher, dass viel zu oft versucht wird, einen rein „objektiven“ Journalismus zu betreiben. Die Leser wollen lieber Positionen, an denen sie sich abarbeiten können. Ich glaube, dass Journalisten die Öffentlichkeit oft unterschätzen. Man sollte mehr Mut haben, Meinungen zu veröffentlichen.

Was wünschen Sie sich für die Seite?
Langfristig wollen wir schon etwas Geld damit verdienen, damit wir auch Arbeitszeit dort reinstecken können. Wir wollen es professionell auf die Beine stellen und nicht eben nicht nur aus Idealismus und Lust, Meinungen zu vertreten, zu streiten und Diskussionen zu führen, betreiben.

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