Der Fall Rafati und die Rolle der Medien

Diese Frage gehört fast schon zur inneren Mechanik jeder Berichterstattung über eine Tragödie: Wie viel Schuld tragen die Medien? Da macht auch der Selbstmordversuch des Schiedsrichters Babak Rafati keine Ausnahme. Wie bereits in der Diskussion um den Suizid von Nationaltorhüter Robert Enke wird auch jetzt wieder die Forderung laut, dass die Medien auf die Benotungen der Leistungen verzichten sollen. Anstatt sich mit dieser Frage zu beschäftigen zeigt die Bild jedoch lieber auf die Konkurrenz vom Kicker.

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Via Interview kritisiert die Bild zusammen mit dem Schiedsrichter-Obmann Herbert Fandel das Fußball-Fachmagazin aus Nürnberg. So stellt die Bild in dem Gespräch mit dem 47-Jährigen Funktionär fest, dass der Kicker "jährlich den schlechtesten Referee durch die Bundesligaspieler wählen" lässt. Weiter heißt es: "Rafati hatte diese Umfrage dreimal gewonnen…". Daraufhin antwortet Fandel: "Diese Wahl ist demütigend – sie gehört sofort abgeschafft! Hier werden Schiedsrichter vorgeführt, ihre Persönlichkeit beschädigt. Ich wurde auch mal gewählt und kenne die schlimmen Auswirkungen. Ein Jahr lang wird man bei jeder Gelegenheit darauf angesprochen."

Tatsächlich gehört die Abstimmung des Sportmagazins seit vielen Jahren zur festen Berichterstattung der Franken. In dieser großen Umfrage werden die Fußballprofis zu allen möglichen Themen wie dem besten Trainer, dem besten Spieler, dem schönsten Stadion etc. gefragt. Warum sich die Stürmer, Torhüter und Verteidiger deshalb gerade nicht auch zu Referees äußern dürfen sollten, wäre völlig unverständlich. Denn auch die Unparteiischen gehören zum Spiel. Deshalb ist es nur logisch, dass auch ihre Leistung kritisch betrachtet wird.

In dem Gespräch mit Fandel vergaßen die Berliner jedoch eine Frage. Nämlich die, ob auch die Benotungen der Schiedsrichter durch Zeitungen und Magazine wie den Kicker, aber auch der Bild, eine Mitschuld an der Tragödie trägt? Genau das werfen die beiden ehemaligen deutschen FIFA-Schiedsrichter Bernd Heynemann und Jürgen Aust in dem WDR-Hintergrundmagazin "Sport Inside" den Medien vor. "Die Punktnoten, die in den Sonntags- oder Montagszeitungen vergeben werden, die spiegeln nicht die Leistungen eines Schiedsrichters wider, und ich glaube nicht, dass die Benotung Einfluss hat“, sagt etwa Aust, der insgesamt 161 Partien der Ersten Fußball-Bundesliga leitete. "Es ist natürlich ganz klar: Wenn die Note in den Zeitungen schlecht ist, wird auch automatisch der Schiedsrichter als schlecht dargestellt. Auf solche Informationen sollte man verzichten."

Passend dazu sei noch einmal an das Zitat des Bild-Sport-Chefs Walter M. Straten nach dem Selbstmord von Nationaltorwart Robert Enke erinnert: "Wir werden wohl mit extremen Noten etwas vorsichtiger sein", sagt der damalige Vize-Ressortleiter. Man werde sich einmal mehr überlegen, "ob der Spieler, der eine klare Torchance vergeben hat, oder der Torwart, der den Ball hat durchflutschen lassen, eine Sechs bekommt oder eine Fünf reicht".

Zwei Jahre nach dem Tod von Enke waren sich jedoch sowohl die Sport-Experten von Bild, wie auch des Kickers einig, dass der Tod von Enke nichts "mit der Medienberichterstattung über den Fußball zu tun" hatte, wie Straten gegenüber MEEDIA betonte.  Auch der Kicker-Chefredakteur Klaus Smentek betonte gegenüber MEEDIA, dass er nicht glaube, dass die Benotungen die Spieler "belasten" würden. "Sie ärgern sich bei negativen Noten sicher, aber sie wissen ja häufig auch, dass sie in diesem Spiel nicht ihre Top-Leistung gebracht haben." Das dürfte wohl auch für Schiedsrichter gelten.

Allerdings stellte in diesem Zusammenhang der Journalist und Autor Rainer Schäfer fest, dass die "mediale Hysterie sogar deutlich zugenommen" hätte. "Gerade von einigen Online-Medien wird heute viel schneller und härter drauf gehauen."

Und genau das könnte sich als der springende Punkt erweisen. In dem Bild-Interview sagt Fandel auch, dass seit einigen Jahren die Entscheidungen der Unparteiischen immer stärker in den "medialen Mittelpunkt" rücken würden. "Viele nicht eindeutige Situationen werden gegen die Schiedsrichter ausgelegt. Hinzu kommt das respektlose Verhalten einiger Trainer, Manager und Spieler. Wenn Beteiligte nach Abpfiff wutentbrannt vor Kameras laufen und Schiedsrichter attackieren, entsteht eine schlimme Außenwirkung." Weiter sagt er: "Manche sind sich ihrer Vorbildfunktion überhaupt nicht bewusst! Denn dadurch verlieren auch die Fans die Nerven und Schiedsrichter kommen sich wie Gejagte vor."

Tatsächlich sollte den Schiedsrichtern von Spielern, Trainern, Funktionären und auch von der Presse mehr Respekt entgegengebracht werden. Wenn ihre Leistung und ihr Bemühen, die richtige Entscheidung zu treffen, mehr – auch medial – gewürdigt werden würde, wäre wahrlich schon viel gewonnen.

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