Anzeige

Google liebt uns, Google liebt uns nicht

Zehn Jahre, sagte Verleger Hubert Burda bei den Zeitschriftentagen in Berlin, sei er ein großer Fan von Google gewesen. Die Suchmaschine sei eine "Wunderkammer", habe immer alle seine Fragen beantwortet. In der Vergangenheit ist Burda auf einen Google-kritischen Kurs umgeschwenkt und betont bei entsprechenden Gelegenheiten, der Konzern halte sich nicht an faire Spielregeln. Trotzdem können weder die Medien von Burda noch die von anderen Medienunternehmen ohne Google. Es ist eine Geschichte der Missverständnisse.

Anzeige

Zehn Jahre, sagte Verleger Hubert Burda bei den Zeitschriftentagen in Berlin, sei er ein großer Fan von Google gewesen. Die Suchmaschine sei eine "Wunderkammer", habe immer alle seine Fragen beantwortet. In der Vergangenheit ist Burda auf einen Google-kritischen Kurs umgeschwenkt und betont bei entsprechenden Gelegenheiten, der Konzern halte sich nicht an faire Spielregeln. Trotzdem können weder die Medien von Burda noch die von anderen Medienunternehmen ohne Google. Es ist eine Geschichte der Missverständnisse.

Google war lange Zeit das Lieblingskind der Medien, kaum eine große Zeitschrift kam ohne Jubel-Titelgeschichte aus. Im Vordergrund stand zunächst der kometenhafte Aufstieg des Konzerns der beiden Jungstars Larry Page und Sergej Brin. Je größer Google und der Marktanteil der Suchmaschine wurde, desto hörbarer wurde der dräuende Unterton der Google-Geschichten in klassischen Medien. Der Start von Google Street View markierte den bisherigen Höhepunkt des Google-Skeptizismus. Vom Weltverbesserer zum Welt-Dominator – das Image des einstigen Sympathen Google bekam so einige Dellen.

Gleichzeitig zeichnete sich für klassische Inhalteproduzenten immer deutlicher ab, dass die Monetarisierung und Refinanzierung teuer erstellter Webseiten einfach nicht gelingen wollte – jedenfalls nicht in den erhofften Größenordnungen. Ein Blick auf die märchenhaften Erlöse von Google, erzielt vor allem mit Suchmaschinenwerbung, weckte Begehrlichkeiten. Rupert Murdoch sprach plötzlich vom digitalen Kleptomanen Google, in ein ähnliches Horn stießen dann auch deutsche Verleger. Die auf die Idee eines Leistungsschutzrechts verfielen. Unter anderem sollen Inhalte-Aggregatoren wie Google zur Kasse gebeten werden, denn schließlich seien die Snippets – Miniauszüge von Verlags-Websites auf den Suchergebnisseiten – der fruchtbare Boden für die Platzierung bezahlter Werbeanzeigen. "Fair Search" und "Fair Share" wurden zu den Schlachtrufen der Verlage.

Das anhaltende offensive Bearbeiten von Medien und Politik durch die Verlage bringt mittlerweile auch Google dazu, sich aus der Reserve locken zu lassen und Stellung zu beziehen. Sowohl die EU-Kommission wie die US-Regulierungsbehörde FCC untersuchen, ob Google seine Marktmacht bei der Ausgabe von Suchergebnissen ausnutzt. In einer Stellungnahme sagte Google-Sprecher Kay Oberbeck am Donnerstag: "Wir bauen unsere Suchmaschine für Nutzer, nicht für Website-Anbieter. Unser Ziel liegt darin, unseren Nutzern die relevantesten Ergebnisse auf eine Suche anzuzeigen. Bei der Internet-Suche geht es um Antworten, und manchmal ist die relevanteste Antwort nicht der Verweis auf eine Internetseite, sondern ein Kartenausschnitt, ein mathematisches Ergebnis, ein Spielstand, ein Video oder ein Shopping-Ergebnis. Alle Suchmaschinen gehen diesen Weg der Beantwortung von Fragen."

Des weiteren listete Oberbeck auf, was Google alles für Verlage auf der ganzen Welt tue: Auszahlung von mehr als 6 Milliarden Dollar im Jahr an Verlage via AdSense-Werbemodell (nicht AdWords, wohlgemerkt). Weiterleitung von mehr als 4 Milliarden Klicks an Verlags-Websites jeden Monat. One Pass als "innovative Bezahl-Plattform". Das Feature "Redaktionsempfehlungen" bei Google News. Das muss aus Sicht des US-Konzerns reichen, um auch die Verlage glücklich zu machen. Einem Leistungsschutzrecht, das auch Google zur Kasse zwingen würde, stehen die Amerikaner entsprechend ablehnend gegenüber. Oberbeck sagte: "Wir halten die Einführung eines Leistungsschutzrechtes für sachlich nicht gerechtfertigt und für juristisch nicht haltbar. Und da sind wir nicht die einzigen: Der BDI und 20 weitere Wirtschaftsverbände, die ca. 98 Prozent der Werbekunden der Verlage und die Hälfte der deutschen Wirtschaft repräsentieren, sind der Überzeugung, dass ein Leistungsschutzrecht massiv der deutschen Wirtschaft schaden würde." Ein Leistungsschutzrecht sei nichts anderes als eine "Quersubventionierung der Verlage durch andere Branchen". Dies ist die Google-Sichtweise, die tatsächlich von Verbänden wie dem BDI gestützt wird.

Damit zu den Missverständnissen, denen einige Verlage erlegen sind, die nun vehement gegen die Suchmaschine sticheln und stänkern. 1. Die Annahme, dass sich Verlagsinhalte per se besser als andere, vermeintlich weniger werthaltige Inhalte, im Netz vermarkten lassen. 2. Die Annahme, dass Google Verlage per se bevorzugt behandeln muss, weil ihre Inhalte die Schmückstücke des World Wide Web sind. 3. Die Annahme, dass Google und Verlage irgendwie "Freunde" sind oder sein sollten, weil sie auf derselben Plattform, also dem Internet, zugange sind, und entsprechende Geschäftsbeziehungen unterhalten. 4. Die Annahme, dass ein funktionierendes Geschäftsmodell wie das von Google ausschließlich auf Kosten anderer Geschäftsmodelle im Internet gehe und zu deren Dysfunktion beitrage. 5. Die Annahme, dass man sich an den Google-Tropf zur Verbreitung von Inhalten und zur Markenbildung im Netz hängen kann, ohne bis zu einem gewissen Grad auch bestimmte Nutzungsrechte für Snippets einräumen zu müssen. Denn: Wer nicht bei Google gefunden wird, existiert im Netz erst gar nicht. Das wissen die Verlage, denn die Probe aufs Exempel, also den Ausstieg bei Google, stellt bisher keiner von ihnen ernsthaft an. 6. Die Annahme, dass die Rahmenbedingungen von Politik und Wirtschaft im Internet so gestaltet werden müssen, dass Verlage dort ein profitables Geschäft entfalten können – weil es eben meinungsbildende Inhalte sind, die von ihnen verbreitet werden. Während es wichtig ist, Marktverzerrungen und Monopolmissbrauch zu verhindern, kann es nicht Sinn und Zweck der Medienpolitik sein, den Verlagen im Netz ein sanftes Ruhekissen zu verschaffen und alte Geschäftsmodelle per Verfügung im digitalen Kontext zu verankern.    

Google wurde in der Wahrnehmung der meisten Medienhäuser von einem fantastischen Dienstleister zu einem fantastischen Abzocker. Das Problem ist und bleibt aber: Die Auf- und Abrechnung der Werbeerlöse von Google, der Zahlungen an Verlage und des Wertes der Zuleitung an Traffic auf Verlagsinhalte via Suchmaschine (und als Folge gesteigerte Reichweiten und entsprechend höhere Werbeerlöse) ist eine schwierige bis unlösbare Aufgabe. Google liebt die Verlage nicht, hilft ihnen aber immens bei einer Kernaufgabe, die sie früher selber erledigt haben – Aufmerksamkeit herstellen und Reichweite generieren. Die Verlage müssen umgekehrt auch nicht Google lieben. Die kreative Auseinandersetzung mit dem Internet-Giganten ist aber unabdingbar für ihre Positionsbestimmung im Netz. Die alten Geschäftsmodelle lassen sich nicht in die digitale Welt kopieren – diese Lektion hat das Unternehmen Google, dass das Netz lange Zeit besser verstanden hat als alle anderen, vor allem die Verlage gelehrt. Deren lautstarke Lamenti in Richtung Öffentlichkeit und Politik stumpft die Adressaten langsam merklich ab. "Gehen Sie selber in die Höhle des Löwen", riet Angela Merkel den VDZ-Mitgliedern vergangene Woche. Mit anderen Worten: Die Botschaft ist angekommen, eure Hausaufgaben können wir euch aber nicht ganz abnehmen.

Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige