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Zwischen Aristoteles und Assange

Es ist die Woche der Philosophen – am Donnerstag erscheint erstmals Hohe Luft, ein Magazin über Philosophie aus dem Emotion-Verlag, bereits einen Tag zuvor das Philosophie Magazin des französischen Verlegers Fabrice Gerschel. Zwischen den beiden Verlagen gab es Gespräche über eine Kooperation, zur Überraschung von Gerschel machten die Deutschen dann lieber ihr eigenes Blatt. Gerschel und sein Chefredakteur Wolfram Eilenberger stellten ihr Magazin am Dienstag in Berlin vor.

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Die Macher des Philosophie Magazins hatten zur Vorstellung ins Stammhaus des Berliner Einstein-Cafés geladen. Nicht das Sehen-und-gesehen-werden-Einstein am Boulevard Unter den Linden, sondern das etwas ruhigere und gediegenere Einstein in Berlin-Schöneberg. Dort tischte der Philosophie-Verleger Gerschel Croissants und Petits Fours auf – seine französische Herkunft konnte und wollte das neue Monatsmagazin nicht verbergen.

Das Titelbild der ersten deutschen Ausgabe sieht ein wenig nach Stock-Fotografie aus – zwei Kinderbeine, die fast bis zu den Knien in ledernen Männerschuhen stecken, sind dort zu sehen: die Optik zur Titelgeschichte "Warum haben wir Kinder – Auf der Suche nach guten Gründen". Ein Gespräch zwischen Julian Assange und Peter Singer ist auf dem Cover angekündigt, weitere Hinweise gibt es auf ein Interview mit Axel Honneth ("Das Recht der Freiheit") und ein Booklet zu Aristoteles, dem "ersten Universalgenie". Ein roter "Neu"-Button ruft nicht zu aufdringlich nach Aufmerksamkeit.

Von Aristoteles zu Assange ist es ein weiter Bogen – der zum Konzept gehört. "Wie ein Nachrichtenmagazin" müsse das Monatsheft funktionieren, sagt Fabrice Gerschel – Politik, Sport, Wirtschaft sollen im Blatt ihren Platz haben. "Philosophie ist etwas für Menschen, die mitten im Leben stehen", sagt Wolfram Eilenberger. Der ist als promovierter Philosoph, Buchautor (u.a. "Philosophie für alle, die noch etwas vorhaben"), ehemaliger Cicero-Korrespondent und Dozent an der University of Toronto quasi der Prototyp des von Gerschel gesuchten "Journa-sophen". Die Stellvertretende Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler gehört ebenfalls in diese Kategorie, auch sie ist promovierte Philosophin und Buchautorin ("Wir Genussarbeiter").

Verleger Gerschel ist weder studierter Philosoph noch Journalist – dafür hatte er aber vor sechs Jahren die Idee, das Philosophie Magazin in Frankreich zu gründen. Gerschel hat Business Administration studiert, arbeitete als Investmentbanker bei UBS Warburg, und traf dann "an einem wunderschönen Strand auf Korsika" die Entscheidung, sein Leben zu ändern. Er wollte ein Magazin gründen, das "für die Gesellschaft von Nutzen" und auch "ein wenig profitabel" wäre. Eine Zeitschrift, "die durch die Welt der Ideen führt und sie mir zugänglich macht". Als Banker wie als Verleger brauche man " eine Menge guter Nerven", sagt Gerschel gegenüber MEEDIA. Nach vier Jahren sei das Philosophie Magazin in Frankreich profitabel. Die verkaufte Auflage liegt bei 52.000 Exemplaren.

In Deutschland lässt Gerschel, der gerade die Philomag Verlag GmbH gründet, 100.000 Exemplare drucken. 10.000 Hefte sollen in den deutschsprachigen Markt in der Schweiz und Österreich gehen. "Wir wollen ein Vertriebstitel sein", sagt Anne-Sophie Moreau, die Herausgeberin für Deutschland. Das heißt: Anzeigenerlöse, die bei der französischen Ausgabe etwa 20 Prozent des Umsatzes ausmachen, stehen auch in Deutschland nicht im Vordergrund. Immerhin: In der deutschen Erstausgabe sind ganzseitige Anzeigen von den Volksbanken Raiffeisenbanken ("Werte schaffen Werte"), Amazon (für den Kindle) und Hermès (für Parfum) zu finden, dazu recht viele Anzeigen von Buchverlagen. Verleger Gerschel sieht in Deutschland vor allem eine Lücke bei Monatsmagazinen in der Machart von Cicero, Brand Eins und Psychologie Heute.

Die Redaktionen in Frankreich und Deutschland sollen unabhängig voneinander arbeiten, aber nach Bedarf zusammen Themen entwickeln. In der deutschen Erstausgabe sind eine Reihe von Artikeln französischer Autoren abgedruckt. Eilenberger spricht von der "größten philosophischen Redaktion Europas". Er sehe in Frankreich eine entwickelte Diskurskultur, die in Deutschland im Begriff sei, sich zu entwickeln. Ein Ratgeber mit Patentrezepten sei das Magazin keinesfalls, sagt der Chefredakteur. Aktualität, Bildung und Orientierung seien die Leitlinien. Eilenberger: "Wir wollen die Philosophie in den Alltag treiben."

Dieser Ansatz ist nun ziemlich exakt die Herangehensweise von Hohe Luft, dem Philosophie-Magazin, das am Donnerstag zum Preis von 8 Euro am Kiosk erscheint. Herausgeberin Katarzyna Mol und Chefredakteur Thomas Vasek sagen über ihr Konzept, sie wollen "die Philosophie vom akademischen Diskurs zurück ins Leben" holen. Auf den Mitbewerber angesprochen, sagt Fabrice Gerschel, es habe im Vorfeld vom Emotion Verlag, den Katarzyna Mol gegründet hat, ein Angebot für eine Zusammenarbeit gegeben. Gerschel habe aber keine Lizenz vergeben wollen, sondern habe sich für eine eigene Redaktion in Deutschland entschieden. Später sei bekannt geworden, dass nun auch der Emotion Verlag mit einem Philosophie-Magazin erscheine. "Das war für uns alle eine Überraschung", so der Verleger, der sich nun nach eigenem Bekunden ein wenig hintergangen fühlt, das Thema aber erkennbar nicht allzu breit treten will.  

Auf Nachfrage von MEEDIA sagt die Herausgeberin Mol, sie könne den Unmut von Gerschel "nicht nachvollziehen". "Wir waren in Gesprächen, wir haben uns kennengelernt", bestätigt die Verlegerin. Aber die Vorstellungen der beiden möglichen Partner hätten nicht zueinander gepasst. Die Idee eines Philosophie Magazins habe sie und Thomas Vasek anschließend aber nicht losgelassen. Mol weist auch darauf hin, dass Hohe Luft als zweimonatliches Magazin erscheinen soll und auch darum nicht mit dem Monatsmagazin des französischen Verlags zu vergleichen sei. Kein Zweifel: Philosophie liegt in der Luft.   

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