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Das Blog-Märchen vom Tegernsee

Hyperlokale Blogs erleben eine Art Trend-Achterbahn. Mal werden sie zum nächsten großen Ding ausgerufen, dann wieder als aussichtslose Hobby-Spinnereien abgeschrieben. Jetzt macht die Nachricht die Runde, dass das Lokalblog Tegernseerstimme.de in einem Monat über 10.000 Euro Umsatz erwirtschaftet hat. Das Blog ist eingebunden in den neuen Verbund Istlokal.de. Doch ob das neue Lokalblog-Märchen vom Tegernsee auch ein Happy End hat, muss sich noch zeigen.

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Der Macher von Tegernseerstimme.de ist Peter Posztos. Der 33-Jährige ist Diplom-Betriebswirt, war Mitgründer der Shopping-Plattform guut.de und hat mit seiner Firma 6 Minutes Media das Schnäppchen-Blog mydealz.de vermarktet. Er kennt sich also aus im Internet. Seit April 2010 kümmert er sich um Tegernseerstimme.de. Neun Mitarbeiter werden dort mittlerweile beschäftigt (die meisten allerdings frei auf 400-Euro-Basis), es gibt eine Facebook-Präsenz und – man höre und staune – ein dazugehöriges Print-Magazin, das bislang fünfmal erschienen ist.

Wie das Online-Magazin Netzleser.de berichtet, stammen über die Hälfte der Umsätze von diesem Print-Magazin. Das Magazin wird kostenlos in einer Auflage von immerhin 16.000 Exemplaren verteilt und kann auch im Netz gelesen werden. Das Magazin dient hauptsächlich dazu, das Weblog bekannter zu machen. Zum Geldscheffeln scheint es wegen der hohen Kosten eher ungeeignet. So gab Peter Posztos gegenüber Netzleser.de zu Protokoll dass von dem Magazin-Umsatz kein Gewinn übrig bleibt, wenn er seine eigene Arbeitszeit mit einrechnet. Den Gründern von Lokalblogs haftet derzeit immer noch der bittere Geruch der Selbst-Ausbeutung an.

Die Facebook-Seite (auch dort kann Werbung gebucht werden) von Tegernseerstimme.de erreicht mittlerweile über 1.700 “Fans” und die Website kommt nach eigenen Angaben auf rund 20.000 Leser pro Monat. Für ein lokal begrenztes Projekt sind das beachtliche Zahlen. Die Stimme vom Tegernsee hat zudem mit Schlierseerstimme.de, Miesbacherstimme.de und Toelzerstimme.de einige Ableger gefunden, die aber noch nicht die Größe des Originals haben, aber eine gemeinsame Werbevermarktung ermöglichen. Posztos setzt mit seinem Lokalblog auf echte lokale Anzeigenkunden und vermeidet das Vergeben von Anzeigenplätzen an Restplatzvermarkter, die das lokale Profil verwässern würden. Es ist ein mühsamer Weg, aber einer, der langfristig nachhaltiger sein könnte als das Schielen auf den schnellen Euro.

Und Peter Posztos ist nicht allein. Gemeinsam mit Hardy Prothmann, dem Gründer von Heddesheimblog.de, hat er die Istlokal Medienservice UG gegründet – eine Art Dachverbund für Lokalblogs. Der streitbare Journalist Hardy Prothmann betreibt bereits seit 2009 das hyperlokale Heddesheimblog.de und hat sich im Rhein-Neckar-Raum schon auf mannigfaltige Weise mit dem lokalen Platzhirschen Mannheimer Morgen angelegt. Mittlerweile gehören zu seinem Netz weitere Lokalblogs in vier Städten und das übergreifende Rheinneckarblog.de.

Es ist wohl nach wie vor ein mühsames Geschäft mit den Lokalblogs und die Umsätze sind trotz des Durchbrechens der 10.000-Euro-Umsatz-Schallmauer alles andere als märchenhaft. Aber Projekte wie Tegernseerstimme.de und Heddesheimblog.de samt ihren Ablegern sind absolut ernst gemeinte und von Profis gemachte Alternativen zur lokalen Tageszeitung. Bemerkenswert ist, dass diese Lokalzeitungs-Alternativen bislang von Initiativen kommen, die absolut nichts mit einem Zeitungsverlag zu tun haben. Die lokalen Zeitungen in den Verbreitungsgebieten der genannten Lokalblogs reagieren auf diese Art von professionellem Graswurzel-Journalismus bislang mit einer Mischung aus Ignoranz und genervter Herablassung. Auf lange Sicht könnte das eine gefährliche Haltung sein. Gefährlich für die Verlage. Denn auch in Märchen gibt es am Ende immer Verlierer.

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