Oliver Schröm: „Ich bin der Mann danach“

Oliver Schröm, der neue Chef des Netzwerk Recherche, will den Fall um fehlerhafte Verbuchungen und zu Unrecht eingeworbene Fördergelder bei dem Journalistenverein zu den Akten legen. Im Gespräch mit MEEDIA sagte Schröm am Montagabend: "Alle Fakten liegen auf dem Tisch." Mit seiner Wahl am vergangenen Freitag in Köln habe es eine Zäsur gegeben. Schröm: "Zur weiteren Skandalisierung des Falls kann ich nichts beitragen. Ich bin der Mann danach."

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Die Vorgeschichte im Schnelldurchlauf: Fördergelder in Höhe von über 75.000 Euro mussten vom Verein an die Bundeszentrale für politische Bildung zurückgezahlt werden. Sie waren zu Unrecht eingeworben worden, denn sie hätten nur für den Fall ausgezahlt werden dürfen, dass Veranstaltungen des NR mit einem finanziellen Minus abgeschlossen worden wären. Zahlreiche Verbuchungen von Geldern wurden darüber hinaus laut dem Ergebnis einer Wirtschaftsprüfung fehlerhaft vorgenommen. Als Hauptverantwortlicher für das Finanzwirrwarr wurde im Vereinsvorstand der SWR-Reporter Thomas Leif ausgemacht, der das Netzwerk maßgeblich aufgebaut hatte und dessen erster Vorsitzender er seit dessen Gründung war. Auf einer Mitgliederversammlung am 1. Juli wurde Leif dazu gedrängt, seinen Hut zu nehmen. Einige Beteiligte sprachen von einem Putsch gegen Leif im Vorstand, andere Beobachter sahen es weniger dramatisch. Der zweite Vorsitzende des Netzwerks, Hans Leyendecker, kandidierte am Freitag ebenfalls nicht mehr für eine Wiederwahl. Leif sagte gegenüber dem Spiegel, gegenüber den Mitgliedern und der Öffentlichkeit sei ein Konflikt nur inszeniert worden.

Oliver Schröm, der das Investigativressort des Stern leitet, will sich zumindest nach außen mit der Vergangenheit nicht mehr beschäftigen. Er sagte: "Ich habe mich nicht nach dem Amt gestreckt und nur unter der Voraussetzung kandidiert, dass Markus Grill und David Schraven, die bereits im alten Vorstand waren und die Unregelmäßigkeiten bei den Fördergeldern mühsam aufgearbeitet haben, sich auch für den Vorstand zur Wahl stellen. Sie haben eine verdammt verdienstvolle Arbeit geleistet. Der Verein braucht Leute, die auch seine Vergangenheit überschauen." Grill wurde am Freitag als zweiter Vorsitzender gewählt, Schraven als Kassenwart. Keiner der neuen Vorstände hatte Gegenkandidaten.

"Ich habe nicht den Eindruck, dass der Verein beschädigt ist", sagte Schröm. Finanziell stehe das Netzwerk nach wie vor gut da, es habe mehr Eintritte als Austritte gegeben. "Ich möchte den Verein wieder stärker zu seinen Wurzeln führen", sagte Schröm. "Die Mitglieder sollen sich stärker untereinander vernetzen." Ob erneut Fördergelder von der Bundeszentrale für politische Bildung beantragt würden, wisse er noch nicht, sagte Schröm. Das Ziel, eine Stiftung Netzwerk Recherche ins Leben zu rufen, habe momentan "nicht die oberste Priorität." 

Also alles wieder in Butter beim Netzwerk Recherche, nach all den Querelen der vergangenen Monate? Der Vorstand wünscht sich das verständlicherweise, doch unbeschadet geht der Verein, entgegen der Beteuerungen seines neuen Vorsitzenden, nicht gänzlich aus der Affäre. Der Spiegel widmete der "Schlammschlacht" im Netzwerk in der aktuellen Ausgabe mehr als eine Seite. Hans Leyendecker, der sich wie seine Vorstandskollegen in den vergangenen Jahren zu wenig um die Abrechnungspolitik des Kollegen Leif gekümmert hatte, schrieb in einer Mail von einem "größenwahnsinnigen Vorsitzenden" – und leistete damit seinen eigenen Beitrag zur Zuspitzung des internen Konflikts. Promi-Journalisten als Kandidaten für den Vereinsvorsitz ließen sich offenbar nicht auftreiben, auch wenn sich dies einige Beteiligte gerne gewünscht hätten, um ein vertrauensbildendes Signal zu setzen.

Im Gespräch will Schröm, der von seinem ehemaligen Stern-Kollegen Grill zur Kandidatur bewegt wurde, die Verwerfungen ein wenig kleiner machen, als sie waren und sind. Der Deckel soll jetzt möglichst schnell wieder auf den Dampfkochtopf. Ganz abgekühlt ist es innendrin aber keineswegs.

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