“Bloß keine trivialen Lebensweisheiten”

An diesem Donnerstag, 17. November, startet mit Hohe Luft in neuartiges Philosophie-Magazin aus dem Emotion Verlag. Die Druckauflage liegt bei 70.000 Exemplaren, der Heftpreis bei acht Euro. Im nächsten Jahr soll Hohe Luft bei Erfolg zweimonatlich erscheinen. MEEDIA sprach mit den Machern, Herausgeberin Katarzyna Mol und Chefredakteur Thomas Vašek, der auch schon PM geleitet hat, über das Konzept, den aktuellen Philosophie-Trend und den Geist, der im iPhone wohnt.

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Wie kamen Sie auf die Idee, ein Philosophie-Magazin zu gründen?

Katarzyna Mol: Das Thema Philosophie liegt in der Luft. Einige Bereiche bei Emotion setzen sich auch schon mit lebensphilosophischen Fragen auseinander. Thomas Vašek und ich kennen uns schon seit vielen Jahren aus gemeinsamen Tagen bei Gruner + Jahr. Wir sind immer in Kontakt geblieben und in diesem Sommer war die Zeit reif, seine Idee zu einem Philosophie-Magazin gemeinsam im Emotion Verlag umzusetzen.

Thomas Vašek: Die Idee entstand schon vor Jahren. Ich fand es verwunderlich, dass es so etwas wie ein Philosophie-Magazin auf dem Markt noch nicht gibt und habe mich gefragt, woran das liegt. Ich selbst hatte den Eindruck, dass es durchaus ein großes Interesse und Bedürfnis gibt, sich mit philosophischen Fragen auseinanderzusetzen, beziehungsweise über Fragen des Lebens, der Gesellschaft und Politik nachzudenken. Das hat jetzt nicht etwa nur mit der Popularität von Richard David Precht zu tun.

Der Name von Bestseller-Autor Precht fiel ja nun sehr früh. Ist Hohe Luft eine Art  Zeitschriften-Variante seiner Bücher?

Thomas Vašek: Das würde ich nicht so sehen. Ich habe hohe Wertschätzung für Herrn Precht. Er ist zu Recht sehr populär, weil es ihm gelingt, Philosophie für die breite Öffentlichkeit interessant zu machen. Da besteht schon eine gewisse Geistesverwandtschaft zu dem, was wir erreichen wollen. Aber ein Magazin funktioniert ja ganz anders als ein Buch.

Was wären typische Themen für Hohe Luft? Und was nicht?

Thomas Vašek: Ich fange mal damit an, was wir nicht sind. Wir sind kein Fachmagazin für Philosophie, das neue Theorien oder Thesen einzelner Philosophen im Rahmen des Fachdiskurses abhandelt. Was uns interessiert, sind Themen des alltäglichen Lebens im weitesten Sinne. Das Titelthema "Lügen" ist da ein schönes Beispiel. Die meisten Menschen haben eine gewisse Intuition, die man nicht weiter hinterfragt. Es gibt Alltagsüberzeugungen, ob und wann es gerechtfertigt ist zu lügen, was Liebe und Freundschaft bedeuten und so weiter. Wir wollen Klarheit in solche Begriffe zu bringen und mit unseren Lesern darüber ein Gespräch eröffnen.

Bietet das Magazin auch Lebenshilfe – etwa wie Psychologie heute?

Thomas Vašek: Psychologie und Philosophie haben durchaus Berührungspunkte. Wir wollen uns mit den großen Sinnfragen philosophisch beschäftigen und nicht mit Lebenshilfe.

Haben Sie Philosophie studiert, Herr Vašek?

Thomas Vašek: Ich habe zuerst eine zeitlang Philosophie studiert und bin später auf Mathematik und VWL umgestiegen, habe aber das Studium nicht abgeschlossen. Ich beschäftige mich aber seit früher Jugend mit Philosophie. Das fing schon mit 14 oder 15 Jahren an. Das Interesse daran hat mich nie losgelassen. Wir wollen zwar kein Fachmagazin sein, aber durchaus ein anspruchsvolles Niveau pflegen und philosophische Themen nicht trivialisieren oder auf simple Lebensweisheiten reduzieren. Allerdings ohne dabei in diesen philosophisch-wissenschaftlich Jargon zu verfallen.

Wie ist der ungewöhnliche Name Hohe Luft entstanden?

Katarzyna Mol: Wir wollten kein Fachmagazin machen, sondern ein lebensnahes Spezial von Emotion. Darum war klar, dass wir keinen philosophischen Namen wählen, der sofort das Thema gezeigt hätte, also etwa "Philosophie”, “Philo" oder so etwas. Das wäre für manche Leser eine Barriere gewesen, sich mit dem Magazin auseinanderzusetzen. In einem kleinem Team haben wir dann sehr lange über den Namen gebrainstormt. Diese Sitzungen fanden immer  in der Hoheluftchaussee im Hamburger Stadtteil Hoheluft statt. Der Name ist aber auch eine sehr schöne Allegorie für das, was wir mit dem Magazin erreichen wollen, nämlich so ein bisschen über den Dingen schweben. Als ob man oben auf einem Berg steht und in die Weite schaut und Themen so aus anderem Blickwinkel betrachtet.

Thomas Vašek: Hohe Luft ist außerdem ein schöner alter Begriff, den ich auch bei Nietzsche gefunden habe. Bei diesem Namen hat man schnell und ganz intuitiv die Assoziation zur Philosophie.

Wieso, glauben sie, boomt das Thema Philosophie derzeit?

Katarzyna Mol: Ich glaube, dass in der Welt immer mehr Dinge passieren, die einen erschüttern. Egal ob Fukushima oder die Wirtschaftskrise. Und auch der Stress im Job ist für viele Menschen eine Belastung. Da wird die Suche nach dem Lebenssinn immer wichtiger.

Thomas Vašek: Ich glaube, dass die Komplexität der Welt viele Menschen auf sehr einfache Grundfragen zurückwirft. Wir sind mit rasend schnellen Informationen und einer Fülle von Fakten konfrontiert. Was die Philosophie leisten sollte ist, hilfreich bei der Bedeutungsfrage zu sein. Was bedeutet das alles? Was liegt hinter den Phänomenen und Trends? Ich glaube auch, dass es darüber hinaus eine Lust gibt, für sich selbst über Fragen der Philosophie nachzudenken. Das entspricht unserem Claim "Für alle die Lust am Denken haben".

Brauchen sie ein zweites Magazin in ihrem Portfolio, um Emotion besser vermarkten zu können?

Katarzyna Mol: Emotion lässt sich auch sehr gut alleine vermarkten. Aber wir haben uns nicht selbstständig gemacht, um das ganze Leben lang immer nur ein Heft herauszubringen.

Fast zeitgleich mit Hohe Luft startet auch die deutsche Version des französischen Philosophie Magazine. Zufall?

Katarzyna Mol: Das Timing ist Zufall. Wir hatten vor längerer Zeit Kontakt zu den Machern von Philosophie Magazine, aber die Gespräche mündeten nicht in einer Kooperation. Im Spätsommer entschlossen sich Thomas Vašek und ich, dann sein Konzept als Spezial von Emotion umzusetzen – unabhängig von einem möglichen Markteintritt der Franzosen. Es hilft, dass es gleich zwei Magazine mit verschiedenen Heftkonzepten gibt, die das neue Segment am Kiosk gemeinsam erschließen und dabei unterschiedliche Zielgruppen ansprechen.

Thomas Vašek: Ich finde das auch sehr positiv und hilfreich, dass noch ein zweites Magazin zum Thema Philosophie kommt. Natürlich gibt da auch eine gewisse sportliche Konkurrenz, das ist klar. Aber ich habe als Chefredakteur von Technology Review erlebt, wie schwer man sich tut, wenn man mit einem neuen Titel auf den Markt kommt und alleine eine neue Sub-Kategorie von Zeitschrift eröffnet. Dann haben sie großen Erklärungsbedarf und müssen sich immer wieder rechtfertigen. Man tut sich leichter, wenn schon mal zwei da sind, die diese Schneise in den neuen Markt schlagen.

Wer soll Anzeigen in Hohe Luft schalten?

Katarzyna Mol: Wir haben da ein sehr spannendes Konzept für Marken, die auf hochwertige Zielgruppen gehen. Das sind zum Beispiel Kosmetika, Accessoires – insbesondere hochwertige Uhrenmarken – Autofirmen, Finanzdienstleistungen und natürlich auch Verlage. In diesen Branchen wurde das Heft sehr gut angenommen. Es hat uns auch sehr motiviert, dass die Anzeigenkunden das Magazin sofort verstanden haben. Die Erstausgabe ist sehr gut belegt und wir haben bereits Anfragen für das nächste Jahr.

Mit welchen Größenordnungen rechnen Sie beim Verkauf?

Thomas Vašek: Ich hab ja nun alle Höhen und Tiefen erlebt was Magazin-Auflagen betrifft. Von 300.000 hart verkauften Exemplaren bei P.M. bis 10.000 bei Technology Review. Bei Hohe Luft halte ich alles für möglich. Das macht es ja so spannend, weil sie keine Referenzpunkte für so ein neuartiges Magazin haben. Mindestens fünfstellig wäre aber sicher nicht ganz falsch.

Katarzyna Mol: Wir haben eine Druckauflage von 70.000 Exemplaren und lassen uns wirklich überraschen. Klar ist aber auch: Das ist kein Liebhaber-Objekt. Das Magazin muss seine Leser finden und sich am Markt selbst behaupten.

Ein Thema der Erstausgabe dreht sich um den "Geist im iPhone". Muss ich beim Telefonieren jetzt Angst haben?

Thomas Vašek: Die Geschichte knüpft an die Debatte an, die Frank Schirrmacher mit seinem Buch "Payback" angestoßen hat. Das heiß: Wir lagern Teile unseres Gedächtnisses ins Internet aus. Wir wissen Telefonnummern nicht mehr auswendig, sondern haben sie im iPhone gespeichert. Es gibt eine philosophische These, die besagt, dass unser Geist über unseren Kopf hinaus reicht, nicht nur in dem besteht, was sich unter der Schädeldecke abspielt sondern auch in Teilen der Umwelt. Die These des Textes ist, dass das iPhone oder vielleicht Google oder Facebook teile unseres Geistes sind. Das ist eine neue, provozierende These in der Philosophie. Wir haben diese Debatte über Internet und digitales Gedächtnis auf unsere Art aufgearbeitet.

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