Die verlogene Ehre des Oskar L.

Die Medien überschlagen sich angesichts der Meldung, dass die beiden Spitzenpolitiker der Linken, Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht, ein Paar sind. "Oskar für Wagenknecht" (Welt), "Zwei Herzen schlagen links" (Süddeutsche), "Privater Pa(a)rteitag" (Hamburger Abendblatt) sind nur einige der hübschen Zeilen. Als vor zwei Jahren der Spiegel erstmals über die Beziehung der beiden schrieb, war das Thema als Privatsache noch tabu. Das neue Polit-Power-Paar hat die Medien im Griff.

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Unter der Überschrift "Der virtuelle Kandidat" hatte der Spiegel 2009 über den Rückzug Oskar Lafontaines vom Fraktionsvorsitz der Linken geschrieben. Der Spiegel schrieb, dass die Beziehung Lafontaine/Wagenknecht ja eigentlich Privatsache sei: "Doch in diesem Fall muss sie erzählt werden, weil hier das Private höchst politische Folgen hat. Es geht um Lafontaine, um seine Ehefrau Christa Müller, die auch familienpolitische Sprecherin der Saar-Linken ist, und es geht um Sahra Wagenknecht, die prominenteste Kommunistin der Partei, die bis vor kurzem Abgeordnete im Europaparlament war und nun im Bundestag sitzt."

Auch der Spiegel druckste da herum, verwies darauf, dass Lafontaines Ehefrau Christa Müller ja auch ein Amt bei der Linken habe und erklärte lang und breit, warum man so eine Geschichte ja eigentlich nicht schreiben dürfe, aber in diesem Fall mit ganz spitzen Fingern dann eben doch. Weil, so die These des Spiegel-Artikels, Lafontaines Ehefrau ihn wegen der Affäre mit Wagenknecht gedrängt habe, nach Saarbrücken zurückzugehen und das Bundesamt als Fraktionschef der Linken niederzulegen.

Gleich nach der Veröffentlichung der Spiegel-Story ging Lafontaine via Bild-Zeitung mit der Enthüllung an die Öffentlichkeit, dass er an Prostatakrebs leidet. Die Krankheit sei der wahre Grund für seinen Rückzug. Die Affäre zwischen ihm und Sahra Wagenknecht wurde als böse Verleumdung und Schmutz-Kampagne gebrandmarkt. Der Krebs drängte das amouröse Geplänkel in den Hintergrund. Seine Ehre sei durch den Spiegel beschädigt worden, regte sich Stern-Vize Hans-Ulrich Jörges damals in seiner Video-Kolumne bei Stern.de auf und malte ganz aufgeregt Kreise in die aufgeklappte Spiegel-Geschichte. "Unappetitliche, schäbige Geschichten" wie diese sollten "uns in den Medien nachdenklich machen und dazu bringen, inne zu halten und nachzudenken, wie wir mit dem Privatleben von Politikern umgehen", so Jörges.

Jetzt, zwei Jahre später gilt Lafontaine als vom Krebs geheilt und stellt Sahra Wagenknecht als seine Freundin auf einem Parteitag der Linken vor. Das Liebes-Outing fällt in eine Zeit, in der viel über eine Rückkehr Lafontaines in die Bundespolitik spekuliert wird und sich Frau Wagenknecht anschickt, die unumstrittene Führungsrolle in der Partei zu übernehmen. In zahlreichen Talkshows schärft sie ihr neues Profil als bodenständige Kapitalismus-Kritikerin.

Legt man die beiden Ereignisse – die Spiegel-Geschichte 2009 und die Liebes-Erklärung 2011 – nebeneinander, wirft das Fragen auf. Darüber, wie eigentlich Medien ticken, aber auch darüber, wie manche Politiker ticken und wer am Ende voneinander profitiert. Warum ging Lafontaine mit seiner Krebs-Erkrankung damals so offensiv in die Öffentlichkeit? Weil er gegen die "bösen Gerüchte und Verleumdungen" sein Privatleben betreffend vorgehen wollte? Oder weil er eine damals schon bestehende Beziehung noch geheim halten wollte? Beides?

Warum hat er jetzt seine Beziehung zu Sahra Wagenknecht öffentlich gemacht? Weil er auf die Bundesbühne zurück will? Und sie in der Partei ganz nach oben? Weil ihm als Profi klar ist, dass ihre Beziehung dann ohnehin wieder thematisiert würde und er die Kontrolle über die Berichterstattung behalten will?

Natürlich ist es die Sache von Oskar Lafontaine, wie und wann er was aus seinem Privatleben preisgibt oder auch nicht. Es zeigt sich aber rückblickend, dass die Berichterstattung des Spiegel damals so falsch nicht war. Vermutlich wussten die Redakteure des Nachrichtenmagazins auch über Lafontaines Krebserkrankung – er hatte mit Journalisten im Vertrauen darüber schon geredet – schrieben aber nichts darüber. Lafontaine hatte umgekehrt keine Skrupel, seine Krankheit öffentlichkeitswirksam einzusetzen und jetzt auch einen geschickten Zeitpunkt zu wählen, seine private Beziehung öffentlich zu machen. Eine außereheliche Beziehung zu einer Parteifreundin, eine Krebserkrankung – das sind privateste Dinge. Aber wie der Spiegel schon damals schrieb: Manchmal ist das Private eben auch politisch. Es ist Oskar Lafontaine nicht vorzuwerfen, dass er die Medien in seinem Sinne versucht zu instrumentalisieren und die Berichterstattung über seine Person zu steuern.

Wir können jetzt anfangen, die Zeit zu zählen, wie lange es dauert, bis wir die erste gemeinsame Fotostrecke oder das erste gemeinsame Interview mit Lafo und Sahra zu Gesicht bekommen. Nämlich dann, wenn die beiden der Meinung sind, dass es ihnen gerade nützt. Und Lafontaines Ehefrau Christa Müller wird sicher auch in dem einen oder anderen Blatt ausführlich Gehör finden für ihre Geschichte von der verlassenen und betrogenen Politiker-Ehefrau. Diese Storys sind gut, sie lassen sich prima verkaufen. Das wissen die handelnden Personen.

Und wenn sie ihre Haut nicht länger zu Markte tragen wollen, können sie sich einen Medienanwalt nehmen und flächendeckend Redaktionen mit Unterlassungsklagen drohen. So schlecht ist die Ausgangsposition für einen wie Oskar Lafontaine im Zusammenspiel mit den Medien heute nicht. Schon als SPD-Ministerpräsident im Saarland hat Lafontaine versucht, die "Schweinepresse" (O-Ton Lafontaine) mit einem rigiden Pressegesetz zu gängeln, das ein Recht auf Gegendarstellung bei Kommentaren einführen sollte. Heute hat er dazugelernt. Er kann die Bedingungen der Berichterstattung auch ganz ohne Pressegesetz diktieren. Seiner angeblich verlorene Ehre muss niemand nachweinen.

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