Schicksalsstunde für Netzwerk Recherche

Am 11.11.2011 um 18 Uhr hat der kriselnde Verein Netzwerk Recherche zur Mitgliederversammlung eingeladen. Und das ausgerechnet im heute karnevalesk aufgelegten Köln. "In der Aussprache können selbstverständlich alle Fragen besprochen werden, die sich in den vergangenen Monaten gestellt haben", steht in der Einladung. Das wird auch allerhöchste Zeit. Wenn das krisengeschüttelte NR eine Zukunft haben will, müssen alle Hintergründe zur Finanzmisere auf den Tisch – und ein komplett neuer Vorstand her.

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Die Tagesordnung sieht unter Punkt 7 die Entlastung des Vorstands und unter Punkt 9 die Wahl eines neuen Vorstands vor. Zur Erinnerung: Ende Juni hatte der bis dahin amtierende Vorstand um Thomas Leif (SWR) und Hans Leyendecker (Süddeutsche Zeitung) die Mitglieder des Vereins Netzwerk Recherche informiert, dass Unregelmäßigkeiten im Finanzhaushalt des NR entdeckt worden seien. Eine Defizitförderung durch die Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) strich der Verein über mehrere Jahre zu Unrecht ein, denn die damit geförderte Jahrestagung des NR spülte Geld in die Kasse, nicht hinaus. Andere Zahlungen von Sponsoren wurden nicht korrekt verbucht.

Das Ende vom Lied: NR-Vorsitzender und Dampflokomotive Thomas Leif verließ den Posten nur unwillig und auf Druck des restlichen Vorstands. Er stelle sich nicht mehr zur Wahl, heißt es offiziell. Das ist sehr höflich formuliert. Leif gilt dem Rest des Vorstands als der böse Bube in einem schlechten Spiel, in dem es eigentlich nur um die Förderung des Qualitätsjournalismus gehen sollte – und in dessen Folge der bis dahin gute Name eines Vereins so dermaßen unter die Räder geriet, dass der Schaden womöglich irreparabel ist.

Der finanzielle Schaden ist dabei letztlich nur das kleinere Problem: Nach MEEDIA-Informationen mussten der BpB insgesamt 85.225,09 Euro zurückgezahlt werden. Die vom Vorstand beauftragten Wirtschaftsprüfer erhielten für ihre Arbeit 36.848,35 Euro. Auf dem Konto blieb immerhin genug Geld über – rund 350.000 Euro, wobei der Großteil aber zweckgebunden angelegt ist, u.a. zur Gründung einer Stiftung. Diese Pläne liegen auf Eis. Um den laufenden Betrieb des Vereins sicherzustellen, müssen weitere Zuwendungen angeworben werden. Vor dem Hintergrund der Querelen der vergangenen Monate könnte es schwierig werden, neue Sponsoren zu gewinnen, wenn nicht alle noch bestehenden Unklarheiten beseitigt werden.

Die Wirtschaftsprüfung zeigte, dass über Jahre mit dem von Mitgliedern, Konferenzteilnehmern und Sponsoren anvertrauten Geld nicht ordentlich umgegangen wurde. Nicht zum persönlichen Vorteil einzelner Personen, auch nicht zum finanziellen Nachteil des Vereins. Im Gegenteil. Aber: Der Vorsitzende Leif führte die Geschäfte im Alleingang und der Rest des NR-Vorstands war offenbar nur marginal an Zahlen und Zuwendungen interessiert. Das macht Leif, den Leyendecker in einer Mail als "größenwahnsinnig" bezeichnete, zum Hauptschuldigen der Misere. Dem Rest des Vorstands, allen voran Leyendecker selber, ist aber entweder Ahnungslosigkeit, Desinteresse oder Untätigkeit vorzuwerfen. Eine der Kernfragen, die am Freitagabend gestellt werden sollte, lautet: Wie lange ahnten oder wussten Vorstandsmitglieder, dass die Geschäfte des Vereins nicht ordentlich, das heißt transparent und sauber verbucht, geführt wurden? Der Journalistikprofessor Michael Haller gehört zu den Personen, die dem gesamten Vorstand einen "blinden Fleck" vorwerfen. Diesen Vorbehalt hatte Haller dem Vorstand bereits frühzeitig in einem Brief übermittelt, aus dem MEEDIA zitiert hatte.

In einer neuerlichen Mail an den Vorstand schrieb Haller Anfang dieser Woche nach Informationen von MEEDIA: "Nach Erhalt der Einladung zur Mitgliederversammlung habe ich bei Lektüre der Tagesordnung den Eindruck, dass der alte Vorstand seine Befangenheit  nicht wahrhaben und eine vorbehaltslose (z.B. von einer neutralen Person zu moderierende) Aussprache über die konfligierenden Sachverhalte im Vorstand vermeiden (oder alles ‚im Griff‘ behalten) will. Er kann oder will nicht wahrhaben, dass niemand (auch Hans Leyendecker nicht) in der Lage ist, das zu sehen, was zu sehen sein ‚blinder Fleck‘ ihm verwehrt." Haller äußert damit zumindest indirekt Zweifel an der Behauptung, dass der Vorstand erst im Mai dieses Jahres von der zu Unrecht kassierten Förderung durch die BpB erfahren haben will. Er schreibt: "Leider ist vieles auch heute nicht transparent und nicht nachvollziehbar."

Vollkommen zu Recht kritisiert Haller besonders einen Satz aus einer Mail des NR-Vorstands an seine Mitglieder: "Obwohl wir selbst diese Unregelmäßigkeiten entdeckt, bekannt gemacht und bereinigt haben, ist das Netzwerk Gegenstand kritischer Presseartikel, z.B. in der FAZ, im ‚PR-Magazin‘ oder in BILD." Es ist kaum zu glauben, dass investigative Journalisten auf solche Formulierungen kommen, wenn sie sich einmal in eigener Sache rechtfertigen müssen.

Das Beste wäre es also, träte der gesamte Vorstand am Freitagabend geschlossen zurück. Alle Fakten müssten auf den Tisch und zur Zufriedenheit der Mitglieder erläutert werden. Damit könnte der alte Vorstand entlastet und ein neuer, unbelasteter Vorstand gewählt werden. Den Vorstandsmitgliedern, die sich nachweislich um die Aufklärung der Misswirtschaft verdient gemacht haben, könnte nach einer Karenzzeit der erneute Einzug in das Gremium durch Wahl möglich sein. Für einen Neuanfang plädiert auch Haller: "Die einzige Möglichkeit, bei denen Vertrauen aufzubauen, die für den Neustart des nr wichtig wären, besteht m. E. in einem personellen Neuanfang, also auch mit einem komplett neuen Vorstand."  

Ob es so kommt, ist unklar. Hans Leyendecker, der den Vorsitz des NR nun übergangsweise innehat, wird sich nicht mehr zur Wahl stellen. Die bisherige Kassenwartin Tina Groll kandidiert ebenfalls nicht mehr. Bleiben Thomas Schnedler (Schriftführer, Universität Hamburg), Markus Grill (Beisitzer, Spiegel), Gert Monheim (Reporter), David Schraven (Beisitzer, WAZ-Gruppe) und Josy Wübben (freie Journalistin). Vor allem Schraven soll sich bei der Aufklärung des Falls als treibende Kraft hervorgetan haben und nun die Finanzen des Vereins ordnen.

Doch bleibt die Frage, wer künftig als Vorsitzender des Netzwerks grüßt, mit seinem oder ihrem Namen für den Kurs und die Integrität einsteht und den mächtig angeschlagenen Ruf wieder reparieren hilft? Bisher war Thomas Leif der Motor und Hans Leyendecker das Aushängeschild des NR. Es werden allerlei Namen gehandelt, von Heribert Prantl (Süddeutsche Zeitung) über Ines Pohl (taz) und Georg Mascolo (Spiegel) zu Sonia Mikich (WDR) und Anja Reschke (NDR). Dass einer dieser Journalisten und Journalistinnen sich tatsächlich zur Wahl stellt, ist unwahrscheinlich. Im Dunstkreis des NR, auch als Teilnehmer von Vorstandssitzungen, bewegt sich Kuno Haberbusch, der ehemalige Chef der NDR-Mediensendung ZAPP. Welche Rolle er künftig spielen könnte – unklar. Zumindest zeigt diese nicht vollständige Auswahl, wen man sich beim NR gut als neues Aushängeschild vorstellen könnte, wenn man denn die Wahl hätte. Die Wahrheit wird nur leider sein, dass es eine so große Auswahl von Kandidaten vielleicht nicht geben wird, jedenfalls nicht von dieser Kragenweite.

In einem Protokoll der Vorstandssitzung des NR vom 8. Oktober stehen elf Neuzugängen acht Vereinsaustritte gegenüber. Das bedeutet: noch besteht zumindest innerhalb des Vereins ein Rest an Vertrauen gegenüber der Vereinsführung. Doch dieses Fundament ist dünn und bröckelig geworden. Viel wird davon abhängen, wie überzeugend der bisherige Vorstand alle Vorgänge der vergangenen Monate und Jahre wird erklären können. Ansonsten kann man das NR auch gleich dichtmachen, wie MEEDIA-Kollege Stefan Winterbauer bereits forderte. Alle Beteiligten benötigen also einen klaren Kopf, an diesem 11.11.2011 in Köln.

Nachtrag: Im DeutschlandRadio Kultur hat Hans Leyendecker am Freitag ein Interview gegeben, in dem er es "ein Glück" nennt, dass das NR nun vor einem Neuanfang stehe. Dafür müsse man "dankbar" sein. Neue Kollegen müssten nun den Weg vorgeben. Zur Berichterstattung über die Misere beim NR sagte Leyendecker, viele Artikel seien "nicht ergebnisoffen" angelegt gewesen. Falls das NR hätte Gegendarstellungen durchsetzen wollen, hätte der Verein "eine Menge machen können". Doch: Journalisten erwirkten keine Gegendarstellungen, wenn Unsinn geschrieben werde.

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