„Begriffe wie Trottel sind seltener geworden“

Vor zwei Jahren nahm sich Robert Enke das Leben. Seitdem hat sich - zumindest nach Meinung einiger Sportchefs - einiges in der Berichterstattung geändert. "Begriffe wie Trottel, Depp oder Versager sind im Sportjournalismus seltener geworden", sagt Matthias Brügelmann. MEEDIA hat mit dem Sport Bild-Chef, dem Bild-Sportchef Walter Straten, dem Kicker-Chefredakteur Klaus Smentek, dem Spox-Boss Alexander Marx und Heiko Rehberg von der HAZ über die Lehren aus der Enke-Tragödie gesprochen.

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Bild-Sportchef Walter M. Straten zu dem Problem
"Der Tod von Robert Enke hatte nichts mit der Medienberichterstattung über den Fußball zu tun. lm Gegenteil, seine Frau hat immer wieder betont, wie sehr der Fußball, und alles was dazugehört, ihm Halt gegeben hat. Die Bild-Sportredaktionen wägen sowieso immer intensiv den Tenor ihrer Berichterstattung ab. Allerdings heißt das im Umkehrschluss nicht, dass die Nachrichten oder Kommentare über Fußball weichgespült werden. Denn es handelt sich um einen Sport, der die Massen bewegt, der emotionalisiert und polarisiert und bei dem hochbezahlte Spieler und Manager im Mittelpunkt des Interesses stehen. Die Fußball-Berichterstattung von Bild wird deshalb auch in Zukunft emotional, direkt, provokant, ehrlich und fair sein – auch wenn man sich an einigen Überschriften und Inhalten sicherlich reiben kann – und soll."
Klaus Smentek, Chefredakteur vom Kicker
Wie stark belasten Fußball-Profis überhaupt Bewertungen bzw. Benotungen, die von Sportredaktionen vorgenommen werden?
Ich glaube nicht, dass die Benotungen die Spieler "belasten", diesen Ausdruck halte ich für zu stark. Sie ärgern sich bei negativen Noten sicher, aber sie wissen ja häufig auch, dass sie in diesem Spiel nicht ihre Top-Leistung gebracht haben. Außerdem gibt es ja nicht nur negative, sondern auch vielfach positive Bewertungen. Die bringen manche Spieler dann sogar bei Vertragsverhandlungen als Dokumente ihrer Leistungsfähigkeit ein.
Die Bild kündigte an, künftig mit der Vergabe von schlechten Noten vorsichtiger umzugehen. Hat sich in den zwei Jahren seit der Tragödie etwas nachhaltig in der Vergabepraxis verändert?
Ein klares Nein. Die Kollegen vom Boulevard vergeben schon mal bei schlechten Leistungen komplett 5er und 6er, bei guten Leistungen generell 1er und 2er. Wir versuchen weiterhin jeden Spieler so objektiv wie möglich individuell zu bewerten. Da ist nichts strenger oder großzügiger geworden.
Durch die Vielzahl an neuen Daten (Laufleistung etc.) sind die Fußballer noch gläsener geworden. Glauben Sie, dass die Spieler nun noch stärker unter den Bewertungen leiden?
Zunächst haben die DFL, sprich die Vereine, der Veröffentlichung dieser Daten zugestimmt. Natürlich werden durch diese Daten noch mehr Dinge als Tore oder Karten sichtbar. Aber diese Zahlen sagen zunächst mal wenig aus, müssen fachlich interpretiert werden. Was sagt schon eine Laufleistung von 12 Kilometern aus, wenn der Spieler in den entscheidenden Situationen seinen Gegner nicht gebremst hat? Oder 90 Prozent gewonnener Zweikämpfe, wenn er den entscheidenden verliert? Nein, ich glaube nicht, dass darunter ein Spieler "leidet". Im Basketball z. B. gibt es seit vielen Jahren eine Vielzahl von Statistiken. Da war der Fußball sogar spät dran. Und: Profifußballer müssen genauso mit öffentlichen Kritiken leben wie z. B. andere Sportler oder Künstler. Auch die bekommen mehr oder weniger schmeichelhafte Kritiken – und auch darüber lässt sich trefflich streiten.
Hätten die Medien mithelfen können den Selbstmord von Herrn Enke zu verhindern? Wenn ja, haben sie – Ihrer Meinung nach – daraus gelernt?
Ein klares Nein. Ich glaube nicht, dass Robert Enke wegen Kritik in den Medien den Suizid begangen hat. Er hat subjektiv sicher einen immens starken Druck verspürt, aber der hatte vielfältige Gründe. Wir wissen alle nicht genug, um darüber kompetent zu sprechen. Dies können höchstens sein Arzt oder die Familie. Generell müssen wir uns immer wieder vor Augen führen, dass es hier "nur" um Fußball geht. Gelernt haben sollten wir, aber das war bei uns auch schon vorher der Fall, dass man mit extremen Worten wie z. B. "Versager", "Nieten" oder "Null" sehr vorsichtig umgehen sollte.
Aber klar ist auch, dass ein hochbezahlter Profi mit enormem Leistungsdruck und gelegentlich auch scharfer öffentlicher Kritik zurechtkommen muss. Nur sollte die Kritik immer fair sein und nicht unter die Gürtellinie gehen.
Matthias Brügelmann, Chefredakteur der Sport Bild
Wie stark belasten Fußball-Profis Bewertungen bzw. Benotungen, die von Sportredaktionen vorgenommen werden?
Viele Fußballer behaupten doch, dass sie gar nichts lesen. Oder, dass es sie nicht interessiert, was über sie geschrieben wird. Insofern würde sich die Belastung in Grenzen halten. Jeder hat letzlich seine eigene Strategie, wie er mit schlechten Noten umgeht. Der eine leidet mehr unter einer 6, der andere weniger und sieht sie als Ansporn, sich zu verbessern. Wichtig ist: Wenn die Leistung eine 6 rechtfertigt, muss man sie auch geben können. Und: Wer sich fur einen Beruf als Fußballer entscheidet, also einen Beruf in der Öffentlichkeit, und dadurch viel Geld verdient, muss auch akzeptieren, dass seine Leistung öffentlich bewertet wird. Im Guten wie im Schlechen.
Die Bild kündigte an, künftig mit der Vergabe von schlechten Noten vorsichtiger umzugehen. Hat sich in den zwei Jahren seit der Tragödie etwas nachhaltig in der Vergabepraxis verändert?
Das ist schwer zu beurteilen. Begriffe wie Trottel, Depp oder Versager sind allerdings im Sportjournalismus seltener geworden.
Durch die Vielzahl an neuen Daten (Laufleistung etc.) sind die Fußballer noch gläsener geworden. Glauben Sie, dass die Spieler nun noch stärker unter den Bewertungen leiden?
Das glaube ich nicht. Denn das sind ja objektive, faktische Werte, während Noten natürlich immer einer gewissen Subjektivität unterliegen. Die Spieler sollten froh sein, dass sie hier alle Kritiker widerlegen und überzeugen können. Wie diese Werte ausfallen, sprich: wieviele Sprints, Zweikämpfe, Kilometer der Spieler absolviert, obliegt ja ausschließlich dem Einsatzwillen des Spielers.
Hätten die Medien mithelfen können den Selbstmord von Herrn Enke zu verhindern. Wenn ja, haben sie – Ihrer Meinung nach – daraus gelernt?
Verhindern konnte den Selbstmord nicht einmal der behandelnde Psychiater. Dieser hat den Medien im Allgemeinen und uns im Besonderen übrigens ein Lob dafür ausgesprochen, wie sensibel und behutsam wir mit Themen wie Depressionen umgehen. Da hat wirklich ein Umdenken in den Köpfen aller Beteiligten eingesetzt. Und das Verständnis, mit dem ein Burnout-Rücktritt von Schalketrainer Ralf Rangnick begleitet wird, beweist die positive Entwicklung. Wirklich gelernt haben alle Beteiligten – Vereine und Medien –  aber nur, wenn jemandem nach einer psychischen Erkrankung auch die Rückkehr ins Fussballgeschäft ermöglicht wird.
Alexander Marx, Chefredakteur von Spox.com
Wie stark belasten Fußball-Profis Bewertungen bzw. Benotungen, die von Sportredaktionen vorgenommen werden?
Dazu sind mir keine empirischen Daten bekannt. Aber ich bin mir sicher, dass die große Mehrheit der Fußball-Profis nicht übermäßig euphorisch bei guten Noten und nicht übermäßig niedergeschlagen bei schlechten Noten ist. Jeder Spieler weiß seine Leistungen selbst am besten einzuschätzen und weiß, dass nicht an jedem Tag Topleistungen zu bringen sind. Und ich bitte zu beachten, dass im Fall Robert Enke nicht die Leistungsbenotung von Journalisten Auslöser seiner Krankheit, seiner Depressionen war.
Die Bild kündigte an, künftig mit der Vergabe von schlechten Noten vorsichtiger umzugehen. Hat sich in den zwei Jahren seit der Tragödie etwas nachhaltig in der Vergabepraxis verändert?
Nein. Schlechte Leistungen bleiben schlechte Leistungen und gute Leistungen bleiben gute Leistungen und gehören auch dementsprechend bewertet.
Durch die Vielzahl an neuen Daten (Laufleistung etc.) sind die Fußballer noch gläsener geworden. Glauben Sie, dass die Spieler nun noch stärker unter den Bewertungen leiden?
Wer sagt, dass die Spieler leiden würden? Die Daten können auch sehr viel Positives zum Vorschein bringen und bewirken, indem die Stärken herausgestellt werden. Ich wehre mich dagegen, alle Neuerungen in der Daten-Analyse ins Negative zu ziehen.
Hätten die Medien mithelfen können den Selbstmord von Herrn Enke zu verhindern. Wenn ja, haben sie – Ihrer Meinung nach – daraus gelernt?
Selbst das ganz nahe Umfeld von Robert Enke konnte ihn nicht von seiner Freitod-Entscheidung abbringen. An Spekulationen, was hätte sein können, wenn sich Herr Enke schon in den Jahren zuvor öffentlich als depressiv geoutet hätte, möchte ich mich nicht beteiligen.
Heiko Rehberg, Sportchef der HAZ
Wie stark belasten Fußball-Profis überhaupt Bewertungen bzw. Benotungen, die von Sportredaktionen vorgenommen werden?
Wir haben damals nach Enkes Tod das Thema mit dem Trainer Andreas Bergmann diskutiert und auch einige Spieler dazu angesprochen. Tenor war: Sie haben keine Probleme, wenn die Noten fair sind. Darum haben wir uns bereits vorher bemüht. Und tun es jetzt noch mehr. Kleines Beispiel: Nach dem Kopenhagen-Spiel haben einige Zeitungen 96-Torwart Zieler die Note 5 gegeben. Sportlich war das zu rechtfertigen. Aber es waren seine ersten Fehler – und da fanden wir eine 4 völlig angemessen. Für viele Leser sind Noten wichtig. Doch niemand sollte den Fehler machen, sie für die absolute Wahrheit zu halten. Jeder darf einen Spieler anders sehen und bewerten. Das ist Fußball.
Die Bild kündigte an, künftig mit der Vergabe von schlechten Noten vorsichtiger umzugehen. Sie selbst setzten sogar eine gewisse Zeit die Vergabe von Noten aus. Hat sich in den zwei Jahren seit der Tragödie etwas nachhaltig in der Vergabepraxis verändert?
Antwort siehe oben, über Bild möchte ich nicht urteilen in diesem Fall.
Durch die Vielzahl an neuen Daten (Laufleistung etc.) sind die Fußballer noch gläsener geworden. Glauben Sie, dass die Spieler nun noch stärker unter den Bewertungen leiden?
Die Daten sehe ich problematischer als die Noten. Auch erscheinen sie mir manchmal kurios und sind nicht immer deckungsgleich mit meinem Empfinden beim Sehen eines Spiels. Aber was bedeutet es, wenn ein Spieler am wenigsten von allen 22 Akteuren läuft – und dreimal richtig steht und trifft? Ich finde, Trainer können diese Daten benutzen für ihre Arbeit, für eine Zeitung sind sie unwichtig, gerade in Zeiten, in denen Hintergründe und Analysen von großer Bedeutung sind für den Leser. Die Hoch-Zeit des Datenbreis ist aus meiner Sicht vorbei.
Hätten die Medien mithelfen können den Selbstmord von Herrn Enke zu verhindern. Wenn ja, haben sie – Ihrer Meinung nach – daraus gelernt?
Nein, wie sollen die Medien etwas verhindern, was selbst die engsten Freunde nicht konnten. Ich denke aber, dass Medien sensibler geworden sind in ihrer Berichterstattung – aber gewiss nicht immer und nicht alle.

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