„Bauer müsste sich mit der IVW streiten“

Seit Sommer streitet sich der Bauer-Verlag mit der Jugendzeitschrift Spiesser. Das Medienhaus will verhindern, dass das Gratisheft mit seinen Auflagenzahlen um Anzeigenkunden wirbt. "Eigentlich müsste sich Bauer mit der IVW streiten, aber vielleicht ist dieser Gegner einfach zu groß", sagt Frank Haring, Spiesser-Geschäftsführer, im MEEDIA-Interview. Er vermutet, dass es den Hamburgern um eine Marktbereinigung von kostenlosen Printmedien gehe, "ohne die es Bauer sicher deutlich besser gehen würde".

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Der Bauer-Verlag geht erneut gegen den Spiesser vor und hat beim Landgericht München eine Klage wegen Wettbewerbsverstoß eingereicht. Bauer will durchsetzen, dass Ihr Heft nicht mehr mit den Auflagenzahlen werben darf. Macht Sie das nervös?
Wir sind recht entspannt und beobachten das doch mit einigem Staunen. Wir sind als juristische Laien eher verwundert, dass man eine Sache, die schon entschieden war, noch einmal vor einem anderen Gericht vorbringen kann. Der Sachverhalt ist nahezu identisch, wie beim letzten Mal in Hamburg. Dort haben wir gewonnen, und Bauer hat auf eine Berufung verzichtet. Nun hat Bauer also im Prinzip den gleichen Sachverhalt bei einem anderen Landgericht nochmal eingereicht und dabei sicher auch nur vergessen diesem neuen Gericht mitzuteilen, dass sich an anderer Stelle bereits mit der Sache beschäftigt wurde und es auch ein rechtsgültiges Urteil gibt. Diese, wie wir finden, doch eher relevante Information, werden nun wir dem Landgericht München zukommen lassen.

Es geht in dem Fall auch um ein Schreiben, das der Hamburger Verlag an bayerische Schuldirektoren gerichtet hat, in dem sie gebeten wurden aufzuzeigen, auf welcher rechtlichen Grundlage der kostenlose Spiesser in ihrer Schule ausgelegt wird.
Gebeten wurden die Schulleiter sicher nicht, sondern von der juristischen Abteilung des Bauer-Verlags eher doch recht deutlich aufgefordert. Das Schreiben endete mit dem "freundlichen" Hinweis, dass sich der Bauer-Verlag gezwungen sehe, bei Ausbleiben einer Antwort der jeweiligen Schule sich an die übergeordnete Schulbehörde zu wenden. Betroffene Schulleiter, die sich daraufhin mit uns in Verbindung gesetzt haben, haben dieses Schreiben mitnichten als freundliche Nachfrage, sondern schlicht als juristische Drohung verstanden.
Die Verbreitung dieses Schreiben wurde Bauer daraufhin in einem anderen Verfahren vom Landgericht Hamburg untersagt. Bauer darf nun nicht mehr die Behauptung verbreiten, dass das Auslegen an Schulen von Spiesser rechtlich bedenklich sei, denn genau das Gegenteil ist der Fall. Genau mit diesem ominösen Hinweis wurde den Schulleitern quasi ungesetzliches Handeln unterstellt. Davon beeindruckt waren nach den uns bekannten Zahlen jedenfalls etwa zwanzig Schulleiter, die Bauer mitgeteilt haben, dass sie Spiesser natürlich niemals an ihrer Schule verteilt haben. Kurioserweise konnten wir von diesen Stellen nicht nur IVW-gültige Verteil-Nachweise erbringen, sondern auch Fotos von einigen dieser angeblich nicht vorhandenen Auslagestellen. Ursprünglich wurden die zu einem anderen Zweck angefertigt, nämlich als Arbeitsnachweis der Mitarbeiter unseres Logistikpartners.

Bauer geht es in dem Rechtsstreit um die Konkurrenz zwischen Bravo und Spiesser am Anzeigenmarkt. Ihr Heft, das kostenlos vertrieben wird, kam laut IVW im dritten Quartal 2011 auf 772.450 verbreitete Exemplare. Die Bravo, die sich ebenfalls an die Zielgruppe Schüler richtet, kam auf 409.885 verkaufte Hefte. Wo liegt das Problem?
Der eigentliche Konflikt, um den es meiner Meinung nach geht, betrifft eigentlich die Regularien der IVW insbesondere bei kostenlosen Medien bzw. die kostenfrei verteilten Exemplare, die es ja auch bei Kaufzeitschriften sehr häufig gibt. Bei der IVW gilt beispielsweise die Regel, dass eine Zeitschrift dann verbreitet ist, wenn sie verschickt oder verteilt wurde. Es spielt für diese Zählung bei der IVW keine Rolle, ob dies Zeitschrift oder Zeitung auch wirklich gelesen wird oder eben gleich in den Müll wandert. Wie sollte das die IVW auch kontrollieren, sollen sich die Prüfer daneben stellen? Wir jedenfalls haben uns die Regularien der IVW nicht ausgedacht, sondern halten uns als Mitglied einfach nur pflichtbewusst daran.
Eigentlich müsste sich Bauer also mit der IVW streiten, aber vielleicht ist dieser Gegner einfach zu groß. Beim Pressegrosso-Streit hat sich Bauer ja auch nicht mit dem Bundesverband, sondern sich einen der siebzig Grossisten als Gegner rausgesucht. Mit dem Effekt, dass es jetzt ein Urteil gibt, was alle anderen auch betrifft. In unserem Fall hat sich Bauer natürlich passenderweise jemanden gesucht, der auch im Wettbewerb um seine Anzeigenkunden eine Rolle spielt. Das ist ökonomisch betrachtet aus deren Sicht noch nichtmal dumm. Aber im Ernst: Bauer geht es sicher nicht wirklich um die paar Euros, die wir mit Spiesser verdienen, sondern um eine generelle Marktbereinigung, inbesondere bei kostenlosen Printmedien, ohne die es Bauer sicher deutlich besser gehen würde.

Wie viele Leser erreicht eine Ausgabe des Spiesser durchschnittlich?
Aktuell erreichen wir laut AWA über eine halbe Million Leser. Nicht schlecht für einen gerade mal sechs mal im Jahr erscheinenden Titel ohne stützende Titelfamilie oder großartiges Marketingbudget. Alle drei Faktoren spielen bei derartigen Erhebungen, die vor allem das Gedächtnis der Befragten strapazieren, eine wesentliche Rolle. Was uns bei dem Ergebnis besonders freut, ist, dass wir in den neuen Bundesländern, dort wo es Spiesser schon viele Jahre gibt, bei der Zielgruppe Schüler in der Gattung der Jugendzeitschriften auf dem ersten Platz vor Bravo & Co. gelandet sind. Dass dies die Kollegen vom Bauer-Verlag sicher wurmt, kann ich mir durchaus vorstellen. Nun wollen sie sicher mit den vielfältigen Aktionen gegen uns verhindern, dass uns dies in den alten Bundesländern auch noch gelingt.

Nehmen Sie die Bravo, die vor allem auf Stars setzt, als Rivalen wahr?
Im Anzeigenmarkt sicherlich, redaktionell und bei der Zielgruppe überhaupt nicht. Wir richten uns mit Spiesser an junge Erwachsene ab 16 Jahren aufwärts, Bravo hingegen an Teenager. Klar, gibt es auch bei uns mal Promis im Heft. Aber wir schauen sie uns vorher recht genau an und entscheiden dann, ob diese Künstler der Menschheit nennenswerte Dinge mitzuteilen haben. Daraus machen wir dann beispielsweise eine Schulstunde mit Thomas D., der mit Schülern über die Gründe seiner vegetarischen Ernährung spricht.

Nun hat der Spiesser durch die Klage einen enormen Aufmerksamkeitsschub in der Fachpresse erhalten. Spiegelte sich das bei den Spiesser-Lesern wieder?
Ganz am Anfang im Frühjahr hatten wir ein paar sehr aufgeregte Leser auf Spiesser.de, die sich intensiv damit beschäftigt haben. Sie waren darüber sehr empört, und fanden es schlimm, dass wir auf diesem Weg mundtot gemacht werden sollen. Diese Solidarität hat uns sehr gefreut. Aber ansonsten tangiert der Streit unsere Leser nicht. Das ist ein Thema für das geneigte Fachpublikum. Bauer geht ja schon seit mehreren Jahren mit unterschiedlichen Attacken auf uns los. Man wird in der Branche dadurch natürlich eher wahrgenommen und sicher auch etwas ernster genommen, aber wir würden uns über andere Berühmtheit natürlich noch mehr freuen.

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