Kieler „Tatort“: vom blanken Horror im Kopf

Wer an diesem Sonntagabend den Fernseher nicht einschaltet oder etwas Anderes als den "Tatort" sieht, verpasst etwas - zumindest als Fan guter Krimis. Der Kieler "Tatort" mit Axel Milberg ist qualitativ stets eine Bank, aber die Episode "Borowski und der coole Hund" ist nicht nur gut, sondern mehr als das: ein außergewöhnlicher Film und sicher einer der besten "Tatorte" der letzten Jahre. Eine überaus spannende Story, die den Zuschauer wie ein Strudel packt und in die Abgründe der Seele reißt.

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Die Folge an der Förde kann dabei mit einer Reihe von Positiv-Faktoren aufwarten. Liegt es am Plot von Mankell, an Milberg und den übrigen Darstellern oder an der ebenso reduzierten wie stimmigen Bildsprache? Eigentlich an allem, und das Ergebnis ist mehr als die Summe der Teile. Alles beginnt mit einem Mankell-typisch besonders grausamen und rätselhaften Mord. Schon da ist es nicht das Sichtbare, das den Schrecken erzeugt, sondern die Vorstellung, was in der einen Sekunde im dunklen Ostseewasser passiert ist. Regisseur Christian Alvart sagt über die Geschichte des schwedischen Krimi-Autoren: "Meiner Meinung nach eignet sie sich ganz besonders dafür, den Horror im Kopf entstehen zu lassen."
Es sind die Ahnungen und Andeutungen in der Handlung, die über weite Strecken mit so wenig Licht auskommen muss, dass der Zuschauer manchmal instinktiv zur Fernbedienung greifen und die Szenerie aufhellen will. Meisterhaft arbeitet die Kamera von The Chau Ngo mit den reduzierten Verhältnissen, etwa als sie einen Strandlauf aus der Perspektive eines Hundes zeigt. Die Geschichte, die in zwei Ländern spielt, Mensch und Tier betrifft und deren einzige Verbindung eine mysteriöse Frau namens Ina Santamaria (Mavie Hörbiger) ist, wird dramaturgisch quasi in Zeitlupe entwirrt, wobei die Spannung bis zum Ende immer weiter steigt und der Täter wie im Nebel ganz langsam und zunächst schemenhaft sichtbar wird.
Das alles wäre Rahmen und Theorie, erst das Ensemble der Schauspieler macht diesen "Tatort" so außergewöhnlich. Neben Milberg und seiner neuen und erneut überzeugenden Assistentin Sibel Kekilli sind es vor allem die lasziv-geheimnisumwitterte Santamaria alias Hörbiger und Magnus Krepper als schwedischer Ermittler Stefan Enberg, die den "Tatort" zum perfekten Krimi werden lassen. Kommissar Enberg hat sich geschworen, Kiel erst wieder zu verlassen, nachdem der Mörder gefasst ist. So wird es am Ende kommen, wenn auch anders als gedacht. Er ist der "coole Hund", der mit dem Fall in Borowskis Leben einfällt, und gleichzeitig Jäger und Gejagter.
Der "Tatort" um Tollwut und sichtbare wie unsichtbare Krankheiten ist – wie in der Krimi-Reihe in letzter Zeit allzu selten – ein klassischer Thriller, der aus nichts als Handlung zu bestehen scheint. Die Figuren sind da, wo sie hingehören, sie stehlen der Mördersuche durch Eigenheiten nicht die Schau, und kein Nebenschauplatz läuft Gefahr, den eigentlichen Fall zu überlagern. Der Kieler Krimi macht aus weniger mehr – und das ist hohe Filmkunst. Einschalten!

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