„Jeder Skandal ist einer zu viel“

Sie ist die neue Bauleiterin auf der MDR-Großbaustelle: Karola Wille hat am Dienstag die Intendanz der Dreiländeranstalt übernommen. Die 52-Jährige will das von Skandalen geschüttelte Haus wieder auf Kurs bringen. Jeden Verdacht, dass sie als langjährige MDR-Vizechefin eine Mitverantwortung trägt, schmettert sie im MEEDIA-Interview ab: "Meine Aufgabe war es nicht, den Intendanten zu kontrollieren." Beim Blick in die Zukunft wird klar: Wille setzt andere Akzente als Vorgänger Udo Reiter.

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Wie war Ihr Eindruck, als Sie 1991 zum MDR kamen?
Ich habe sehr früh als Referentin im Justiziariat des Mitteldeutschen Rundfunks eine Chance bekommen und konnte beim Aufbau mitwirken. Das war eine sehr spannende Zeit: Die Rundfunkanstalt war nicht fertig, sie war mitten im Entstehungsprozess. 1996 bin ich dann mit sehr jungen Jahren, ich war damals 37 Jahre alt, juristische Direktorin geworden. Dieses Amt war mit hohen Herausforderungen verbunden. Ich habe dann sofort den Vorsitz in der juristischen Kommission von ARD und ZDF übernehmen dürfen, war sofort für ARD und ZDF in verantwortlicher Position und habe somit viele Dinge für die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten juristisch bewältigen dürfen.

Von der Spitze des MDR-Justiziariats haben Sie nun die Spitze der Sendeanstalt erreicht. Hätten Sie jemals gedacht, dass Sie Intendantin werden?
Wenn ich ehrlich bin, lange Zeit überhaupt nicht. Das Intendantenamt ist für mich etwas ganz Besonderes. Ich habe großen Respekt davor. Ich habe große Intendanten gesehen, ich weiß wie viel Verantwortung man dann hat. Ich freue mich jetzt, dass ich es bin. Aber damals habe ich es mir nicht vorgestellt, dass ich jemals Intendantin werden könnte.

In der Presse war das Zitat von Ihnen zu lesen "Ich bin keine Karrierefrau". Würden Sie das heute auch noch sagen?
Das würde ich heute auch noch sagen und zwar aus dem Grund, weil mir die Dinge Spaß machen, die ich bewegen kann. Ich bringe Dinge nach vorn, ich verändere Dinge auch gern und darüber hat man mich – wenn man so will – entdeckt und gefördert. Ich mache die Dinge nicht, weil ich Karriere machen will, sondern weil ich sie gern mache und sie mir Spaß machen.

Nun stehen Sie durch den KI.KA-Skandal und die Affäre Foht vor einer großen Baustelle. Was stimmt Sie zuversichtlich, dass Sie den MDR wieder in den Griff bekommen?
Es gibt verschiedene Punkte, die mich zuversichtlich stimmen. Der erste Punkt ist, dass es beim MDR tausende Mitarbeiter gibt, die engagiert und anständig jeden Tag gute Arbeit machen. Dazu gibt es nun eine neue Führungsmannschaft, ein frisch motiviertes, kompetentes Team, mit dem ich gerne zusammenarbeiten möchte. Für mich ist ein weiterer Erfolgsfaktor, dass diese Führungsmannschaft gemeinsam die Politik mitträgt. Wir haben starke Gremien. Ich bin von Grund aus ein positiver Mensch und deswegen gehe ich das jetzt an.

In Ihrer ersten Pressekonferenz am Mittwoch machten Sie deutlich, dass für Sie Zusammenhalt im Unternehmen und eine Verantwortungskultur ganz wichtig sind. Haben Sie das in den vergangenen 20 Jahren nicht so kennengelernt?
Sagen wir es so, ich habe meine eigenen Vorstellungen davon und die möchte ich gerne verwirklichen.

Ihr Vorgänger Udo Reiter hat dem Spiegel ein langes Interview gegeben, in dem er verrät, dass Sie streng mit ihm gewesen sein sollen. Sie hätten auch mal die Stimme gegen ihn erhoben, sich aber nicht gegen ihn durchsetzen können. Wie muss man sich das vorstellen?
Also dazu muss man grundsätzlich was zu der Rolle der juristischen Direktion sagen. Meine Aufgabe war es, den Intendanten in rechtlichen Dingen zu beraten. Meine Aufgabe war es nicht, den Intendanten zu kontrollieren.

Sehen Sie sich als strenge Person?
Ich bin vom Prinzip her schon tolerant. Allerdings erwarte ich auch, dass man die Leistung auch erbringt. Ich gebe den Mitarbeitern schon kreative Freiräume und möchte, dass sie ihre Arbeit selbst frei gestalten können. Wenn ich jedoch merke, dass sie das missbrauchen, dann bin ich sicherlich auch streng.

Reiter hatte es in dem Interview so dargestellt, dass es gar nicht so viele Skandale gewesen wären, die den MDR beschäftigt hätten. Wie ist Ihr Eindruck?
Jeder Skandal ist einer zu viel.

Wie stehen Sie zu den Investments, die der MDR getätigt hat? Wird es das in Zukunft noch geben?
2001 hat der MDR eine Finanzanlage getätigt mit hohem Risiko. Aber damals sind Konsequenzen gezogen worden und solche Investments wie der Kauf von ecuadorianischen Staatsanleihen wird es nach den Regularien im MDR nicht mehr geben.

Wie viel Ostalgie braucht der MDR noch?
Das kommt darauf an, was Sie darunter verstehen. Wenn man ein Stück Bewältigung der DDR-Vergangenheit dazu zählen würde, dann müssen wir selbstverständlich auch historische Betrachtungen vornehmen. Das heißt auch, dass man einen differenzierten Blick auf die Entwicklungen in der DDR werfen sollte. Das gehört einfach dazu. Wie und auf welchem Wege wir moderner werden können, ist das, was hier in den neuen Bundesländern entstanden ist. Die Leute sollen sich so, wie sie heute leben, in unserem Programm wiederfinden.

Der Vize-Vorsitzende der Vereinigung der Opfer des Stalinismus, Hugo Diederich, sagte "Wir wollen nicht, dass im MDR die DDR fortgesetzt wird". Dies ist auch als Kritik an Ihrer Vergangenheit zu verstehen. Sie sind in der DDR aufgewachsen und mit 18 Jahren der SED beigetreten. Was entgegnen Sie ihm?
Ich habe meine Biographie öffentlich gemacht. Ich habe in den Gremien intensiv darüber gesprochen und ich habe meine Vergangenheit nicht verborgen gehalten. Und ich habe zwanzig Jahre am demokratischen Aufbau und dieser Gesellschaft aktiv mitgewirkt. Insofern müssen keine Befürchtungen bestehen, dass ich die DDR wieder aufbaue.

Prallt diese Kritik mittlerweile an Ihnen ab?
Prallt ab ist nicht richtig. Die Kritik hat sicherlich dazu beigetragen, dass ich mir ein Stück meine Vergangenheit vor Augen geführt und ich mich gefragt habe, ob es Dinge gibt, die ich mir vorwerfen muss. Aber ich finde, dass jeder einzelne ehemalige DDR-Bürger das Recht hat, dass seine Biographie differenziert und im historischen Kontext betrachtet wird.

Welcher Bereich im MDR liegt Ihnen besonders am Herzen?
Am Intendantenherzen alle gleich. Insbesondere möchte ich, dass alle Mitarbeiter Rahmenbedingungen vorfinden, um kreativ arbeiten zu können, so dass sie jeden Tag Produkte präsentieren können, damit der Bürger draußen sagt: "Das ist ein gutes Programm, das schaue ich mir gerne an."

Wenn wir uns in sechs Jahren nach Ablauf Ihrer ersten Amtszeit wiedertreffen werden. Mit welchen drei Sätzen werden Sie den MDR dann charakterisieren?
Wir sind ein starkes multimediales Medienhaus. Wir werden von jüngeren und älteren Bürgern geschätzt. Und wir gehen mit den Beitragsgeldern sorgsam um.

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