Intendantin Wille: Schluss mit Laissez-Faire

Aufräumen will sie, und das nicht zu knapp: Karola Wille hat am Dienstag in der MDR-Zentrale in Leipzig den ersten öffentlichen Auftritt absolviert. Die neue Intendantin steht mit ihrem Amtsantritt vor einer riesigen Baustelle: Kika-Skandal, Fall Foth, und zuletzt tanzte dann auch noch das Fernsehballett beim tschetschenischen Diktator. Die 52-Jährige will eine neue Unternehmenskultur für das krisengeschüttelte Haus - fraglich ist nur wie: Wille ist seit zwanzig Jahren beim MDR.

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Wille, die nach der gescheiterten Wahl von Bernd Hilder, Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung, zur Intendantin gekürt wurde, hat sich für die kommenden sechs Jahre viel vorgenommen: Sie will mit den MDR-Angeboten das junge Publikum erreichen, ein Kinderradio etablieren, die Diskussion um einen Jugendkanal in der ARD wieder voranbringen, den MDR zu einem multimedialen Haus formen. Und sie will sparen: Bis 2016 würden die Rücklagen des Senders aufgebraucht sein, dazu sollen bis dahin 48 Millionen Euro eingespart werden. Wie das mit den ehrgeizigen Plänen zusammenzubringen ist, dazu äußerte sich Wille nicht konkret.
Doch die größte Baustelle ist die Sendeanstalt selbst. "Man muss eine gemeinsame Führungs- und Verantwortungskultur entwickeln und das verloren gegangene Vertrauen von außen und innen wieder zurückgewinnen", so Willes Formel. Für die gebürtige Chemnitzerin lautet der Schlüssel dazu: "Ein hohes Maß an Transparenz ist ein wichtiger Faktor für die Zukunftsfähigkeit des MDR." Mit Blick auf die Skandale um unterschlagene Gelder und die verschleierte Stasi-Vergangenheit einiger Mitarbeiter scheint diese Kampfansage einfach über die Lippen zu gehen.
In den vergangenen Jahren seien Compliance Regeln aufgestellt worden, die aber missachtet wurden. Der MDR habe als erste Sendeanstalt einen Antikorruptionsbeauftragten eingeführt. Doch all diese Instrumente hätten nicht gegriffen. "Wir müssen uns die Frage stellen, warum im Jahr 2011 noch ein Fall Foht möglich ist", fragte Wille in die Runde. Eine Antwort darauf lieferte sie nicht. Stattdessen sagte sie: "Es müsse eine Teamatmosphäre geschaffen werden, in der die Bereitschaft, Fehler zuzugeben, gegeben ist", sagte Wille.
Dass sie, die am Dienstag ihr zwanzigstes Dienstjubiläum beim MDR feierte, davon fünfzehn Jahre an der Spitze des Justiziariats stand, nicht früher gegen die Laissez-Faire-Politik ihres Vorgängers, Udo Reiter, eingeschritten sei, begründete sie nur knapp: "Wenn bei uns im Justiziariat etwas auf den Tisch gelandet ist, dann haben wir uns auch darum gekümmert." Außerdem fügte sie hinzu, dass sie als stellvertretende Intendantin nur die Aufgabe einer Urlaubsvertretung hatte und nicht in die laufenden Geschäfte einbezogen wurde. Reiter hatte zuvor im Interview mit dem Spiegel die "politische Verantwortung" für die Skandale beim MDR übernommen und betont, dass Wille immer wieder warnend die Stimme gegen ihn erhoben habe, sich aber nicht durchsetzen konnte.
Künftig soll es nun geordneter zugehen in der Dreiländeranstalt. Dafür sollen die bereits bestehenden Kontrollstrukturen sowie die Ressourcenverteilung überprüft werden. Grundlage dafür würden die Ergebnisse des Prüfberichts der Untersuchungskommission sein, so Wille. Auch der Bereich der Intendanz bleibt von Aufräumarbeiten nicht verschont. So kündigte die Intendantin an, dass sie einen neuen Personal- und Entwicklungsbereich aufbauen werde. Den ersten Schritt in diese Richtung machte sie schon am Montag und schloss in "gegenseitigem Einvernehmen" mit MDR-Kommunikationschef Dirk Thärichen einen Aufhebungsvertrag. Zu den Gründen sagte sie nur knapp, dass es nicht ungewöhnlich sei, mit einem Intendantenwechsel die Position des Unternehmenssprecher neu zu besetzen.

Für die ersten 100 Tage hat sich Wille einen Fünf-Punkte-Plan verordnet. Sie will die angelaufene Aufklärungsarbeit weiter fortführen, eine Führungsmannschaft bilden, Prioritäten aufstellen, den Bereich der Intendanz neu ordnen und den Prozess der Trimedialität im Hause weiter befördern. Auch dafür ist die Basis schon geschaffen: Am Dienstag wurde der trimediale Newsdesk, an dem Hörfunk, Fernsehen und Online gemeinsam arbeiten, eröffnet. Nun liegt es an ihr, die ehrgeizigen Pläne auch in die Tat umzusetzen.

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