Die HuffPo ist auf Deutschlandkurs

Das US-Nachrichten- und Meinungsportal Huffington Post will innerhalb der nächsten sechs Monate ein deutschsprachiges Angebot starten. Dies sagte Jimmy Maymann, bei AOL Huffington Post Media für den Ausbau der Inhalte-Plattformen von AOL verantwortlich, gegenüber MEEDIA. Am Rande von Burdas Digitalkonferenz DLD in Tel Aviv sagte Maymann, er spreche mit verschiedenen möglichen Partnern in Deutschland über ein Engagement. Auch ein deutsches Techcrunch sei denkbar.

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"Die Huffington Post ist bereit für die Internationalisierung", sagte Maymann gegenüber MEEDIA. Das vor sechs Jahren von der ehemaligen Politikerin Arianna Huffington gegründete Portal sei ein "huge beast", ein großes Raubtier. In den USA kommt die Seite mit 25 Millionen Nutzern auf Augenhöhe mit der New York Times im Netz – und schlägt diese zeitweise sogar in der Reichweite. Als erster europäischer Ableger nach England, startet die HuffPo nun voraussichtlich in der zweiten Novemberhälfte ein Angebot in französischer Sprache. Laut Maymann hat AOL für die Marke HuffPo neben Starts in Frankreich und Deutschland die Märkte in Italien, Spanien, Russland, Türkei, Argentinien, Brasilien, Mexiko, Chile, Australien und Japan im Blick. In jedem der Märkte wolle man mit lokalen Partnern kooperieren, um deren Expertise zu nutzen. In Frankreich steht die Zeitung Le Monde als Partner fest. Bereits im Sommer starteten eigene Angebote der HuffPo für Kanada und Großbritannien.

Vor zwei Jahren hatte der Manager Tim Armstrong AOL übernommen und von dem Medienkonzern Time Warner entkoppelt. Ein Teil der Strategie Armstrongs war die Konzentration auf die Inhalteproduktion – allerdings in englischer Sprache. Fremdsprachige Angebote standen bei Armstrong, einem ehemaligen Google-Mann, zunächst nicht besonders hoch im Kurs. AOL Deutschland machte in der Folge als Vermarkter dicht; die deutsprachigen Inhalteangebote wurden auf ganz kleiner Flamme weitergeführt. Anfang dieses Jahres übernahm AOL das bis dato unabhängige Portal Huffington Post für 315 Millionen Dollar. "Wir mussten einen Schritt zurückgehen, um uns jetzt wieder nach vorne zu bewegen", begründet Maymann die bevorstehende erneute Internationalisierung.

Das Investment in Deutschland soll indes überschaubar bleiben. Maymann spricht von etwa einem guten Dutzend Mitarbeitern, die man vermutlich einstellen wolle. Die Chancen, mit einem deutschsprachigen Angebot bestehen zu können, schätzt er naturgemäß als gut ein: "Es gibt in Deutschland Raum für Innovationen." Gemeinsam mit dem Partner, der laut Maymann noch nicht feststehe, werde die inhaltliche Positionierung festgelegt. "Deutschland ist ein interessanter Markt für Nachrichtenangebote", sagte der Manager. Dennoch erscheint Frankreich zumindest auf den ersten Blick ein besserer Markt für die HuffPo zu sein als Deutschland. Denn die französische Presse ist zu großen Teilen in der Hand von Industriellen und das Publikum hat einen entsprechend größeren Bedarf nach unabhängiger Berichterstattung und alternativen Nachrichtenangeboten. Als Bezahlangebot konnte sich zuletzt beispielsweise die Webseite Mediapart.fr etablieren.

Anders als das deutsprachige Online-Portal des Wall Street Journal, das Anfang kommenden Jahres als Bezahlangebot startet, soll die deutsche HuffPo für Nutzer kostenlos sein. "Wir vertrauen auf Anzeigenerlöse", sagte Maymann. "Dies ist ein langfristiges Spiel." Die Hoffnung des Managers ist auch, dass internationale Marken globale Kampagnen buchen, die dann auf allen HuffPo-Angeboten laufen. Laut Angaben von AOL ist die Huffington Post in den USA profitabel.

Maymann hat ebenfalls einen Start des erfolgreichen US-Blogs Techcrunch in Deutschland auf der Liste. "Ich habe keinen Zweifel, dass Techcrunch in Deutschland funktionieren könnte, es ist eine fantastische Marke", sagte er. Das Gadget-Blog Engadget gibt es bereits seit einigen Jahren in einer deutschen Version. AOL hatte Techcrunch im vergangenen Jahr gekauft, zuletzt gab es einen heftigen Streit zwischen AOL und Michael Arrington, dem Gründer von Techcrunch. Arrington hatte Startups, in die er investiert hat, in Techcrunch besprochen. Seither ist er nicht mehr der Chefredakteur des ungemein gut informierten Tech-Blogs.

Der gebürtige Däne Maymann, der als Senior Vice President von London aus die Internationalisierung der AOL-Angebote vorantreiben soll, ist selber Internet-Unternehmer. Er ist Mitgründer von Goviral, einer Video-Vermarktungsplattform. Anfang des Jahres übernahm AOL das Unternehmen für knapp 100 Millionen Dollar. Seine Beratungsfirma Neo Ideo verkaufte Maymann im Jahr 2000 an die Werbeagentur Leo Burnett. Bei Burdas Digitalkonferenz DLD, die erstmals in Tel Aviv stattfindet, sprach Maymann auf einem Panel über die Zukunft von Social Networks.

AOL ist derweil selber noch nicht aus der Gefahrenzone heraus. Das US-Magazin Fortune berichtete im September, AOL könnte vor einem Verkauf an einen privaten Investor stehen. Der Aktienkurs fiel zuletzt; im zweiten Quartal fuhr das Unternehmen ein Defizit ein. Zu den ambitionierten Vorhaben von CEO Tim Armstrong zählt der Aufbau eines lokalen News-Netzwerkes namens Patch. Mit dem Plan, die HuffPo rasch zu einer globalen Marke aufzubauen, hat Armstrong nun eine zweite Riesenbaustelle aufgemacht. 

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