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Jobs-Biografie: Genie mit dunkler Seite

Welche Ehre könnte für einen Journalisten größer sein, als die autorisierte Biografie von Steve Jobs zu schreiben und dabei den viel gefeierten Apple-Gründer so direkt kennen zu lernen, wie wohl ganz wenige Weggefährten? Doch mit der Ehre kommt die Bürde: Sich kritisch mit dem Mythos Steve Jobs auseinandersetzen kann sich Walter Isaacson in seiner Biografie kaum – dafür ist die Last des Vermächtnisses zu gewaltig. So ist die Biografie vor allem eines: der intimste Einblick in das Leben von Steve Jobs, der je gewährt wurde.

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Welche Ehre könnte für einen Journalisten größer  sein, als die autorisierte Biografie von Steve Jobs zu schreiben und dabei den viel gefeierten Apple-Gründer so direkt kennen zu lernen, wie wohl ganz wenige Weggefährten? Doch mit der Ehre kommt die Bürde: Sich kritisch mit dem Mythos Steve Jobs auseinandersetzen kann sich Walter Isaacson in seiner Biografie kaum – dafür ist die Last des Vermächtnisses zu gewaltig. So ist die Biografie vor allem eines: der intimste Einblick in das Leben und lange Leiden von Steve Jobs, der je gewährt wurde.

Die Geschichte ist größer als die meisten Romanvorlagen: das Leben und Leiden von Steve Jobs – legendär in seinem Triumph, unfassbar tragisch in seinem Ende. Keine Frage: Es ist ein Epos, das Hemingway als Autor verdient hätte. Über fast vier Jahrzehnte beschäftigte der Apple-Gründer aus San Francisco die Technologiewelt.  
 
Die unglaubliche Geschichte des Steve Jobs ist unzählige Male erzählt worden – nur nicht von ihm. Dabei lieferte Jobs den Gesprächsstoff gern selbst. Seine Auftritte wie bei der Präsentation des Macintosh 1984 glichen dem eines Popstars. In den Tagen von Michael Jackson, Prince und Madonna sah sich das Super-Ego in einer Reihe mit ihnen. Mehr als ein Jahrzehnt später, in seiner zweiten Amtszeit als Apple-CEO, war Steve Jobs’ öffentlicher Auftritt ein anderer: der eines gereiften Veteranen. Jobs’ Keynotes waren geschliffener als jede Regierungserklärung.

Und ein Ass hatte "der Magier" (The Economist) über 14 Jahre stets im Ärmel – das "one more thing", mit dem Jobs Apple-Produktlaunches zu beenden pflegte. Seine letzte Karte spielte der Perfektionist nun posthum. Als Jobs merkte, dass ihm Zeit davon läuft, weil die Folgen der Bauchspeicheldrüsenkrebserkrankung, die 2003 bei ihm diagnostiziert wurde, immer dramatischer wurden, machte er sich daran, einen adäquaten Zeitzeugen zu finden, dem er seine Lebensgeschichte erzählen konnte.

Biograf Isaacson: Komplize von Jobs’ Lebensbeichte
Jobs wählte dafür den früheren CNN-Chef Walter Isaacson aus, den er seit Jahrzehnten persönlich kannte. Für den drei Jahre älteren, früheren Times-Chefredakteur war das Auszeichnung und Bürde zugleich. Isaacson hat bereits Bücher über Henry Kissinger, Albert Einstein und US-Gründungsvater Benjamin Franklin geschrieben, aber Steve Jobs‘ Biografie ist wohl eine der begehrtesten unerzählten Lebensgeschichten der Welt.

Die Facetten sind klar abgesteckt: Neben dem Genie, "dem größter Unternehmer aller Zeiten" (James Cramer), gibt es die dunkle Seite von Steve Jobs, den Despoten, der Mitarbeiter demütigte und seiner eigenen Tochter über Jahre Unterhaltungszahlungen verweigert hat. Jobs wollte von Isaacson gar keine Hofberichterstattung – er werde das Buch vielleicht in 6 oder 12 Monaten lesen, "wenn ich dann noch da bin", erklärte der geschwächte Apple-Gründer nach seinem Rücktritt als Vorstand vom Krankenbett aus. Er sollte ihr letztes Treffen werden.

Längst hatte sich der Schleier des nahenden Todes über das große Projekt gelegt. Es ist daher klar, dass von Isaacson nicht die Distanz zu erwarten ist, wie es bei der Biografie einer historischen Person der Fall wäre. Mit Annahme des Auftrags wurde der heutige Vorstand des Aspen Instituts gleichfalls zum Komplizen von Jobs’ Lebensbeichte – was die 656-seitige Lektüre nicht weniger faszinierend und lesenswert macht.  

Die größte Fehlentscheidung seines Lebens: die späte Krebsoperation
Isaacson hat viel zu erzählen. Er wartet mit unzähligen verblüffenden Details aus Jobs‘ Leben auf, die so nicht bekannt waren und in den letzten Tagen schon vereinzelt kolportiert wurden: Da ist etwa der junge Steve Jobs, der gerne Schabernack treibt und Fahrradschlösser austauscht oder Bill Hewlett nach Ersatzteilen fragt und dann einen Sommerjob angeboten bekommt; da ist das Ekelpaket, dem ein 5-Sternehotel in London nicht gut genug ist oder Mitarbeitern der ersten Stunde keine Aktienoptionen gewähren wollte. Und dann ist da der reumütige Jobs, der sich am Krankenbett mit seiner unehelichen Tochter Lisa aussöhnt.   

Isaacson hat Jobs kennengelernt, wie ihn bis auf seine Frau, Kinder und sein engster Mitarbeiter, Apples Design-Chef Jonthan Ive, wohl niemand gesehen hat: voller Selbstzweifel, wenn es um die Erziehung seiner Kinder geht, in Tränen aufgelöst, als er seine Worte zum 20. Hochzeitstag zitiert, am Ende um Atem und die richtigen Worte ringend, als es um sein Vermächtnis geht.  

Vor allem diese letzten 150 Seiten des nahenden Endes sind es, die Apple-Anhänger am meisten interessieren werden. Jobs-Fans erfahren schließlich, was viele Beobachter seiner Keynotes seit 2008 mutmaßten, so aber nie kommuniziert wurde: Der CEO des Computerpioniers war kränker, als Apple zuzugeben hat.

In einer der enthüllendsten Passagen spricht Jobs über die wohl größte Fehlentscheidung seines Lebens – die neunmonatige alternative Therapie nach der Bauspeicheldrüsenkrebs-Diagnose 2003. "Ich wollte nicht, dass mein Körper auf so brutale Weise aufgeschnitten wird", erklärte Jobs die Abwehr gegen den Eingriff. Der Tumor war gutartig, Ärzte und seine Frau Laurene drängten ihn dennoch zur Entwerfung. Als sich Jobs schließlich im Juli 2004 zur Operation entschließt, ist es vermutlich zu spät: Der Tumor ist gewachsen – und hatte gestreut.

Ein langer Kampf: Der Krebs kehrt 2008 zurück

Selbst 2005, als sich Jobs in der viel zitierten Stanford-Rede über den Berg wähnt und hofft, er werde dem Tod über Jahrzehnte nicht nahe kommen, war die Sorge doch sein ständiger Begleiter. Jobs musste sich nach der Operation einer Chemotherapie unterziehen wird über Jahre mit Medikamenten eingestellt.

Doch 2008, dem Jahr nach seinem vermutlichen Karriere-Höhepunkt mit der Einführung des iPhones, schlägt der Feind zurück– brutaler und unerbittlicher als je zuvor. Es ist so, wie seinerzeit nach der 3G-Keynote gemutmaßt wurde: Der Krebs war zurück. Eine Auszeit folgt Anfang 2009, die später mit einer Lebertransplantation begründet wird. Das stimmte natürlich, aber das ist nur ein Teil der Geschichte. Der andere: Der Krebs hatte die Leber erreicht.

Jobs findet die Spenderleber, kommt noch mal zurück und führt sein drittes Leben. Er wird im September  2009 zur iPod-Präsentation begeistert empfangen und spricht von der Transplantation, Organspenden, und wie viel Glück er hatte. Was Jobs verschweigt: Dass der Kampf weiter geht.

2010 sieht es zunächst besser aus. Jobs kann mit seinen Kindern sogar lang aufgeschobene Reisen unternehmen. Doch Ende des Jahres folgt der Zusammenbruch, der sich in Appetitlosigkeit ankündigt und Monate später mit neuen Tumoren, bestätigt wird.  Jobs will die Diagnose nicht wahrhaben, er wehrt sich und quält sich über Wochen, über Weihnachten, am Ende weiß er: Es geht so nicht weiter. Die dritte Auszeit kommt im Januar dieses Jahres, er ahnt, dass er nicht mehr in alter Form ins Tagesgeschäft zurückkehren wird.

Das letzte Jahr: Bilanz ziehen, das Vermächtnis auf den Weg bringen
Trotzdem glaubt Jobs immer noch, dem Körper ein paar Jahre abtrotzen zu können und in seiner neuen Rolle Apple weiter dienen. Er kämpft heroisch, wie Isaacson anschaulich beschreibt und quält sich im März dieses Jahres gegen das Anraten der Ärzte zur iPad 2-Präsentation. Ein allerletztes Mal rafft sich Jobs im Juni zur WWDC auf, als er sich auf der Bühne bereits sichtbar rarer macht und sein Team in Stellung bringt.

Im Sommer folgt der endgültige Zusammenbruch. Jobs weiß, dass die letzte Stunde geschlagen hat – er sortiert die Fragmente seines Lebens und beginnt Bilanz zu ziehen – und in letzten Begegnungen Abschied zu nehmen. Alte und neue Weggefahren kommen und gehen. Es gibt ein letztes Gespräch mit seinem langjährigen Rivalen Bill Gates. Bill Clinton kommt vorbei.  Jobs protegiert Larry Page und gibt ihm – so sehr er sich mit Android im Krieg befindet – Empfehlungen für Googles Zukunft.   

Und natürlich geht Walter Isaacson bei Jobs ein und aus. Im August nach seinem Rücktritt trifft der 59-Jährige Jobs zum letzten Mal. Es geht ums Beiwerk fürs Buch, persönliche Bilder, die Jobs den Journalisten zur Verfügung stellt, vor allem aber um sein Vermächtnis, darum, wie erinnert werden möchte. Jobs spricht die bewegenden Worte: Er habe die Biografie für seine Kinder schreiben lassen.  

"Ich hatte ein glückliches Leben"

Keine sechs Wochen bleiben danach mehr. Es ist ein Rennen gegen die Zeit, wie immer: wie bei Produkt-Launches, die kein anderes Unternehmen der Branche so perfekt orchestrierte wie Apple, wie in den ganzen letzten Jahren seit der Krebs-Diagnose, die Jobs zur Höchstleistung angespornte, wie er in seiner Standford-Rede erklärte.  

Seinen Karrierehöhepunkt mit iPhone und iPad, mehr, immer mehr hat Jobs vor dem Hintergrund eines möglichen baldigen Todes erreicht – wie unwirklich erscheint dieser Schlussakt in der Retrospektive. "Ich hatte eine glückliche Karriere, ich hatte ein glückliches Leben", bilanziert Jobs am Krankenbett, "ich habe alles getan, was ich konnte."  

Am Ende klingt Jobs dann ganz wie aus einem Hemingway-Roman. "Du hast viel Glück gehabt", resümiert auch der Held Robert Jordan am Ende von "Wem die Stunde schlägt": "Wer hat es leichter? Der, der an Gott glaubt, oder der, der es einfach hinnimmt?" Dieselben Gedanken treiben Jobs zuletzt um: "Ich glaube zu 50:50 an Gott. Ich mag den Gedanken, dass etwas überlebt, wenn man stirbt, vielleicht das Bewusstsein. Aber, vielleicht ist es doch so wie beim An-und Aus-Schalter. Klick! Und Du bist weg. Vielleicht ist das der Grund, warum ich sie nie an Apple-Geräten haben wollte."
"Steve Jobs: Die autorisierte Biographie des Apple-Gründers", C. Bertelsmann Verlag, Gebundene Ausgabe: 704 Seiten, Autor: Walter Isaacson; Übersetzung: Antoinette Gittinger, Oliver Grasmück, Dagmar Mallett, Elfi Martin, Andrea Stumpf, Gabriele Werbeck

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