„Athen ist das Epizentrum der Eurokrise“

Vor einem Jahr startete Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart eine nicht unumstrittene Kampagne zum Kauf griechischer Staatsanleihen. Seither ist die Euro-Krise eskaliert. In diesen Tagen produzierte er die Wochenendausgabe direkt vor Ort, im "Epizentrum" der Krise. Auf welche Schwierigkeiten Steingart und sein Team in Athen stießen, wie die Griechen auf die deutschen Korrespondenten reagierten und wie die Krise seiner Ansicht nach zu lösen wäre, sagt der 49-Jährige im MEEDIA-Interview.

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Herr Steingart, wie gestaltet sich die Arbeit vor Ort in Griechenland?
In einem kleinen Hotel im Regierungsviertel haben wir eine Etage und den Konferenzraum angemietet, um Interviews, Hintergrundgespräche, Besuche bei Firmen, Banken und Steuerfahndern vorzubereiten. Unser Griechenland-Korrespondent Gerd Höhler und Auslandsressortleiter Matthias Eberle koordinieren diese in der Geschichte des Handelsblatts einmalige Aktion. 
Welchen Eindruck haben Sie von dem hoch verschuldeten Land?
Athen ist das Epizentrum der Euro-Krise und die Anspannung ist natürlich auch vor Ort zu spüren. Aber unsere Journalisten und Fotografen treffen auch sehr viele Griechen, die der Zukunftsmut nicht verlassen hat.  
Aus anderen Redaktionen heißt es, dass sich die Griechen nicht gerade über den Besuch der deutschen Presse freuen. Wie werden Sie empfangen?
Durchweg positiv. Bis auf den Zwischenfall mit dem Überfall auf eine unserer Reporterinnen.
Ihre Reporterin Carina Groh wurde Anfang der Woche in Athen überfallen, ausgeraubt und gewürgt. Wie geht es ihr?
Nicht gut, aber besser. Sie ist seit gestern Abend wieder in Deutschland und befindet sich in ärztlicher Behandlung. Die griechische Regierung hat sich bei ihr offiziell entschuldigt und in Rekordzeit Papiere für die Ausreise zur Verfügung gestellt.
Treffen Sie nun besondere Sicherheitsvorkehrungen?
Wir haben gesagt, das keine der mitgereisten Frauen allein das Hotel verlässt. Da wir ein halbes Dutzend Fotografen und zwei Dolmetscher im Einsatz hatten, ist es kein Problem, das zu organisieren. Ich würde auch nicht sagen, dass Athen heute eine unsichere Stadt ist. In manchen Ecken allerdings breitet sich erkennbar die Drogenszene und Prostitution aus.
Wie haben die Griechen bislang auf Ihre Arbeit reagiert?
Wir bekommen überwiegend positives Feedback. Sowohl von unseren Gesprächspartnern als auch von der übrigen Presse. TV und Tageszeitungen waren in unserem provisorischen Newsroom und haben uns über die Schultern geschaut. Ta Nea, die größte Wirtschaftszeitung Griechenlands, hat uns kontaktiert, um uns zu treffen und unsere Berichterstattung aufzugreifen. Wir haben zwischen den Chefredakteuren einen Austausch von Kommentaren für die morgige Ausgabe verabredet.
Vor welche Schwierigkeiten werden Ihre Mitarbeiter bei der Recherche vor Ort gestellt?
Schwierigkeiten nicht, nur kleinere Beschwerlichkeiten: Zum Beispiel der Metrostreik am letzten Dienstag, der dafür sorgte, dass ganz Athen mit dem Auto und dem Taxi unterwegs war – inklusive unserer Reporter. Im provisorischen Newsroom fiel gelegentlich der Strom aus, der Internetserver kam und ging.
Auf der Facebook-Seite stellt die Redaktion Fotos unter der Headline "Griechenland ungeschminkt" ein. Zu sehen sind Bilder von Obdachlosen und Bettlern, dazu Eindrücke von verwahrlosten Gebäuden. Bedienen Sie damit nicht auch einen gewissen Voyeurismus?
Wir zeigen unsere Eindrücke der letzten Tage – nicht mehr und nicht weniger. Wir sind auch noch nicht am Ende unserer Reportage, so dass es auch Bilder zum Thema Hoffnung, Mutprobe und Zukunft geben wird, die eine andere Seite zeigen werden. Wir haben den griechischen Josef Ackermann besucht, Rentnerinnen zuhause, ausreisewillige Studenten, Politiker und den Chef der Privatisierungsbehörde. Auch mit dem Leiter der EU Taskforce, Horst Reichenbach, gab es ein Treffen.
Als wir uns im Mai 2010 für ein Interview trafen, erzählten Sie von der Idee, sich im Handelsblatt für den Kauf von griechischen Staatsanleihen stark zu machen. Würden Sie das heute wieder tun?
Warum nicht? Wir waren und sind gegen den staatlichen Aufkauf von Staatsanleihen durch die Notenbanken. Wir waren und sind dafür, dass Griechenland Zugang zum Kapitalmarkt erhält. Wir wollten mit unserer Aktion um Vertrauen bei privaten Investoren werben. Am Ende kann Griechenland nur gesunden, wenn diese Investoren das Land wieder unterstützen. Der Rettungsschirm ist eine Notmaßnahme, aber kein Ersatz für privates Investment.
In Ihrem Morning-Briefing am Mittwoch kritisieren Sie die Politik, weil sie ihre Versprechen nicht halten konnte. Hat sich Ihre Haltung zum Thema Euro-Rettung in den vergangenen Monaten verändert?
Ich war zu Beginn gegen einen Schuldenschnitt, weil er viele Risiken birgt. Er zerstört Investorenvertrauen. Er vernichtet Milliarden, die griechische Pensionsfonds in ihren Staatsanleihen angelegt haben. Es besteht eine ernstzunehmende Infektionsgefahr für Spanien, Portugal, Spanien. Trotz dieser Risiken war die Entscheidung in Brüssel, nun auf 50 Prozent der Forderungen zu verzichten, richtig. Es ging nicht mehr anders.
Zum Thema Schuldenkrise gibt es eine Fülle unterschiedlicher Theorien. Was ist Ihr Konzept zur Lösung des Problems in einem Satz?
Ich sag es in einem Wort: Wachstum. Griechenland braucht jetzt keine Schrumpfkur, sondern eine Wirtschaftspolitik, die auf Wachstum setzt.  
Was wird die kommende Wochenend-Ausgabe des Handelsblatt von den üblichen unterscheiden?
Der Wochenendteil wird 22 Seiten umfassen und unter dem Arbeitstitel "Griechenland ungeschminkt" laufen. Wir haben das, was wir gesehen und recherchiert haben, unter verschiedenen Oberbegriffen gefasst. Eine Doppelseite heißt: Niedergang. Eine andere: Staatsversagen. Eine dritte: Mutprobe. Weitere Stichworte sind Abschied und Zukunft.

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