Schlecker: Eiertanz um “doofe” Kunden

Marketing Viel Häme prasselt derzeit auf Schlecker für das Unternehmensmotto "For You. Vor Ort." ein. Die Drogeriemarktkette versucht nun, die Diskussion zu entschärfen. Darin wird aus einem "niedrigen" ein "einfaches" Bildungsniveau der Zielgruppe, aus den 95 Prozent, die der Konzern für zu einfältig hält, um über Sprache zu reflektieren, "das Rückgrat unserer Gesellschaft". Eine Antwort auf den Kern der Diskussion liefert der Konzern nicht - unterdessen tobt bei Twitter & Co. bereits der gefürchtete "Shitstorm".

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Schlecker wirbt bereits seit Mitte Mai mit dem Claim "For You. Vor Ort.", vorwiegend im TV. Daraufhin hatten Mitglieder des Vereins Deutsche Sprachwelt der Drogeriemarktkette eine Unterschriftensammlung geschickt und den denglischen Claim kritisiert. Schlecker verteidigte seinen Spruch und begründete ihn mit dem "niedrigen Bildungsniveau" seiner Kunden. Nach dem MEEDIA am Montag darüber berichtet hatte, griffen weitere Medien das Thema auf, unter anderem die Süddeutsche Zeitung.
In seiner Stellungnahme im Unternehmens-Blog schreibt Schlecker nun, "wir verteidigen nicht unser Unternehmensmotto". Der Konzern stehe auch zu einer seiner wichtigsten Zielgruppen: "Menschen mit einfachem bis mittlerem Bildungsniveau. Menschen also, die ganz normal einen Haupt- oder Realschulabschluss gemacht haben und heute in vielfältigen Berufen das Rückgrat unserer Gesellschaft bilden – zum Beispiel als Handwerker, Briefträger, Krankenschwestern, Büroangestellte oder auch als Hausfrauen und -männer." Angesichts der Formulierungen, die der Leiter der Unternehmenskommunikation gebraucht hatte, geraten die Äußerungen zum Eiertanz um das eigentliche Thema: Hält Schlecker seine Kunden nun für Primitivlinge oder nicht? Etwas mehr Rückgrat in der Kommunikation hätte den bereits eingetretenen PR-Schaden verringern können.
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In dem ersten Brief, den Schleckers Leiter der Unternehmenskommunikation, Florian Baum, an die Deutsche Sprachwelt schickte, las sich das jedoch noch anders. Er schrieb darin, persönlich könne er die Kritik der Sprachbewahrer nachvollziehen. "Denn als Geisteswissenschaftler fühle auch mich im privaten Sprachgebrauch der Stiltugend der Latinitas verpflichtet und sehe die Bestrebungen des Vereins Deutsche Sprache mit großem Wohlwollen." Doch der Zweck eines Werbespruchs "ist nicht, einen Beitrag zur Bereicherung oder Reinhaltung der deutschen Sprache zu liefern".
Das Web hat sich längst seine Meinung über den denglischen Claim gebildet. Im Schlecker-Blog fragt ein Nutzer: "Dass aber die Kundendienstfahrzeuge der Telekom seit Jahren mit der Parole ‘Für sie, vor Ort’ durch Deutschland fahren ist keinem im Schleckerland oder bei Grey (die Werbeagentur, die den Claim entwickelte, Anm. d. Red.) aufgefallen?" Ein anderer, der sich zur Zielgruppe des Konzerns zählt, schreibt: "Auf mich machen solche oder Werbesprüche ganz in englisch einen respektlosen Eindruck und wirken etwas hochmütig. Mit ‘Für Sie – Vor Ort’ stünden Sie mit Ihrer Zielgruppe auf Augenhöhe."
Auch bei Twitter kursieren jede Menge Tweets, die sich gegen Schlecker richten. "Schlecker rechtfertigt Claim mit niedrigem Bildungsniveau seiner Kundschaft" oder "Na halleluja, ich kaufe nicht bei Schlecker" lauten einige Beiträge. Und das Facebook-Posting mit dem Brief des Leiters der Unternehmenskommunikation wurde bereits mehr als 200 Mal kommentiert, 450 Mal geteilt und mehr als 550 Leuten "gefällt das".
Schlecker steht bereits seit längerem in der Kritik. Der Konzern soll unter anderem seine Mitarbeiter bespitzelt haben, Listen mit missliebigen Angestellten geführt haben und schlampig mit Kundendaten umgegangen sein.

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