„Das Web kann alles und das Gegenteil“

Mathias Döpfner, Chef der Axel Springer AG, gibt als seinen Beruf gelegentlich "Journalist" an. Nun hat er ein Buch geschrieben - "Die Freiheitsfalle". Das Buch, das Döpfner einen "Bericht" nennt, habe er als Journalist geschrieben, nicht als Vorstandsvorsitzender. Seine These: Unsere Gesellschaft lebe in einer "selbstzufriedenen Freiheits-Vergessenheit". Die im 20. Jahrhundert mühsam erkämpfte Freiheit sei bedroht - und wir verteidigten sie nicht genug. MEEDIA veröffentlicht einen Auszug.

Anzeige

Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Kapitel "Im Netz der Freiheit":

"Das Netz schwächt den Einfluss traditioneller Meinungsmacher und Hierarchien. Es ist insofern ein Freiheitsmedium. Nicholas Negroponte, Leiter des Media Lab am Massachusetts Institute of Technology, fasst die freiheitlich-anarchische Rolle des Netzes so zusammen: "Es gibt keine Kontrolle im Internet. Man kann darin Entwicklungen verzögern, aber nicht verhindern – weil es immer Wege gibt und die Kreativität der Nutzer, diese zu finden."

In meinem Büro hängt ein Plakat mit dem Satz: "Wäre es mir überlassen zu entscheiden, ob es eine Regierung ohne Zeitungen oder Zeitungen ohne eine Regierung geben soll, würde ich keinen Moment zögern, Letztes vorzuziehen." So Thomas Jefferson im Jahr 1787. Das World Wide Web hätte Jefferson vermutlich noch besser gefallen als Zeitungen.

Nirgendwo wird der klassische Gegensatz von Freiheit und Macht so deutlich wie im Internet. Das autoritätskritische Bürgerrecht der freien Presse wird im Netz verstärkt, indem die Macht der Hierarchie gebrochen oder sogar umgekehrt wird. Grob vereinfacht könnte man die jüngere Geschichte des Journalismus in drei Abschnitte unterteilen:

1. Das 19. Jahrhundert. Der Journalist ist der Vorgesetzte des Lesers. Er bestimmt, was wichtig ist. Er verkündet in Leitartikeln, wie seine Leser die Welt zu sehen haben. Journalismus hat pädagogische Wucht, er doziert, von oben herab. Verstärkt wird diese Haltung durch die Präsentation der Texte. Das Layout ist karg und unsinnlich, der Leser muss sich durch eine kleingedruckte Bleiwüste kämpfen. Überschriften verraten selten, was das Thema des Textes ist. Der Leser hat sich – um zur verkündeten Wahrheit zu gelangen – wie ein geduldiger Untertan durch die Zeitung zu "arbeiten". Der Redakteur erhebt den Zeigefinger und weist seinen Lesern den rechten Weg. Der Journalist ist der Chef, der Leser sein Untergebener.

2. Das 20. Jahrhundert. Journalisten und Leser sind weitgehend gleichberechtigt. Redakteure erkennen, dass mit einer Zeitung als Belehrung und Exerzitium kein Geschäft mehr zu machen ist. Sie fangen an, sich am Lesergeschmack zu orientieren. Nachrichten werden emotionalisiert, personalisiert, kurz: boulevar- disiert, auch in den sogenannten Intelligenzblättern. Das Layout spielt eine immer größere Rolle – Optik, Fotos, Karikaturen, Zeichnungen, Infographiken sollen dem Leser die Lektüre erleichtern. Überschriften haben möglichst gewinnend, hier und da durchaus reißerisch zu sein. Es geht darum, die Aufmerksamkeit des Lesers zu erringen, der genauso gut Radio hören oder fernsehen könnte. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts steht zudem immer häufiger auch der sogenannte "Nutzwert" im Vordergrund, Service-Informationen, die für die Leser einen praktischen Nutzen haben. Der Redakteur gibt seine Position in der Kanzel oder auf dem Katheder auf. Er wird zum Gesprächspartner des Lesers. Man begegnet sich auf der gleichen Hierarchieebene.

3. Das 21. Jahrhundert. Im Online-Journalismus wird der Leser zum Vorgesetzten des Redakteurs. Der User sagt dem Journalisten, was ihn interessiert. Die mitlaufende Auswertung der Klickraten wird zur Marktforschung in Echtzeit. Sofort weiß der Redakteur, welche Prioritäten sein Publikum setzt, wovon es mehr lesen will und wovon weniger. Der Leser sagt dem Redakteur interaktiv die Meinung, und nicht selten richtet sich die Redaktion danach. Der Redakteur und der Reporter werden Dienstleister des Users. Der Leser bestimmt per Knopfdruck, wohin sich der Blick des Journalisten zu richten hat. In der digitalen Welt hat sich das alte Hierarchieverhältnis umgekehrt. Der Leser ist der Chef, der Redakteur sein Angestellter.

Aus dieser Entwicklung wird von Kulturpessimisten gerne der Untergang eines ganzen Berufsstandes abgeleitet. Den Journalisten als professionellen, speziell ausgebildeten Rechercheur und Geschichtenerzähler brauche es gar nicht mehr, das erledigten jetzt die User selbst. User Generated Content, Blogs und Bürgerjournalismus werden dabei zum neuen Leitbild einer Branche stilisiert, die vor allem eines ist: verunsichert. Und deshalb zu falschen Schlüssen kommt. Das Internet sei der Tod des Zeitungsjournalismus. Die Qualität der Texte werde in der digitalen Welt – in der jeder einfach daherreden und -schreiben kann, wie er will – schlechter. Inhalte von Nutzern machten professionelle Reporter überflüssig. Ich glaube das alles nicht. Laien und Leser bereichern den Journalismus. Den Profi ersetzen können und wollen sie nicht. Das Internet hat den Leser vielleicht noch mündiger, kritischer gemacht. Durch die Intelligenz, Erfahrung und Spezialkenntnisse vieler Nutzer sind Informationsangebote besser geworden. Man spricht von "Schwarmintelligenz". Aber es gibt eben auch Schwarmdummheit. Und je größer die Flut von Informationen wird, desto größer wird der Bedarf an Auswahl und Orientierung.

Wenn jede Information jedermann jederzeit und überall zugänglich ist, dann ist die Navigation durch diesen Informationsdschungel, das Kuratieren dieser Angebote umso zwingender. Die vom Leser selbst zusammengestellte Zeitung ist da keine Alternative. Es ist schön, dass Computerprogramme die individuelle Vorauswahl von Themen ermöglichen, dass sich sozusagen jeder selbst seine eigene Zeitung zusammenstellen kann, aber es will nun einmal nicht jeder jederzeit sein eigener Chefredakteur sein. Bei allem Freiheitsdrang, bei aller Befriedigung, auf einem Billionen-Berg an Daten zu sitzen – das Bedürfnis, qualifiziert informiert zu werden und von Experten recherchierte und aufgeschriebene Geschichten zu lesen, besteht seit Jahrhunderten, ist verlässlich und wird bleiben. Man mag sich angesichts von Smartphones, Tablet-PCs und faltbaren Folienbildschirmen in den Entwicklungslabors zu Recht Gedanken um die Zukunft des Papiers machen, genauer: des Papiers aus Holz und Zellstoff. Die Sorge um die Zukunft des Journalismus in der digitalen Welt ist unbegründet. Der Geist bestimmt die Materie. Und nicht umgekehrt.

(…)

Die digitale Welt ist nicht schwarz oder weiß. Sie ist eben nicht digital: entweder dies oder das. Sie ist meistens beides zugleich. Facebook kann unser bester Freund und unsere Gedankenpolizei sein. Google kann unser digitaler Lotse und unser Inhalte-Pirat und Spion sein. Das elektronische Papier kann das Ende des Zeitungsjournalismus und der Verlage sein, aber genauso der Beginn eines Journalismus, der so klug, so vielfältig, so frei, so umweltfreundlich, so profitabel und unentbehrlich ist wie nie zuvor. Das Internet kann ein Netzwerk der Terroristen sein, mit Anleitungen zum Bombenbasteln und Morden. Es kann aber auch Menschen davon abhalten, ebendies zu tun. Das Netz kann Vorurteile, Hass und Rassismus schüren. Und es kann Toleranz und Differenzierung befördern. Das Web kann uns überwachen und mündiger machen. Es kann Neugier, Demokratie und Vernunft schwächen und stärken. Das Web kann uns dumm und klug machen. Das Web kann alles und das Gegenteil.

Das Internet ist keine Freiheitsmaschine und auch kein Instrument zur Freiheitsberaubung. Es hat so viel Persönlichkeit wie ein Panzer oder eine Herz-Lungen-Maschine.

Das Netz ist weder gut noch böse. Es hat keinen Charakter und keine Seele. Es ist einfach da. Und es ist so wie die, die es nutzen. Das Netz ist wie wir.

Wenn wir frei sind, ist auch das Netz frei. Und umgekehrt."

"Die Freiheitsfalle" von Mathias Döpfner erscheint am 28. Oktober im Propyläen Verlag. Es hat 256 Seiten und kostet 18 Euro (Amazon-Seite).
 

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige